Seit 300 Tagen ist Claudia Roth Vorsitzende der Grünen. Kann sich jemand an gehaltvolle Reden von ihr erinnern? Im Gedächtnis bleiben sorgsam inszenierte Auftritte, bunte Frisuren und emotionale Wallungen.

Bin ich nicht klasse? Na ja, die weißen Socken... Claudia Roth vor dem Berliner Velodrom, in dem die Grünen Mitte Juli ihren Wahl-Parteitag abhielten© Marcus Zumbansen
Der Himmel ist dunkel über Berlin, schlaff hängen die Deutschlandfahnen überm Reichstag, der Regen hat die brütende Hitze der vergangenen Tage vertrieben, und im Ostteil der Stadt schwappt mancherorts das Wasser knöcheltief auf den holprigen Trottoirs. In der Aula der Humboldt-Uni steht ein junges Mädchen mit rotem Pferdeschwanz, und es blickt hinaus auf den niederprasselnden Regen, es ist neun Uhr, es ist Anfang Juli; Clara Rahlwes wartet auf Claudia Roth, die in einer halben Stunde auftauchen soll, um über die "grüne Bildungsrevolution" zu reden. Seit einer Woche ist die 17-jährige Rahlwes Mitglied der Grünen Jugend, und heute will ihre Organisation in 45 Uni-Städten zeigen, dass die Grünen eine junge Partei sind. "Meines Wissens", sagt Rahlwes, "geht es darum, die Leute zum Wählen zu bringen. Ich hoffe, es kommt noch jemand."
Sie kommt pünktlich, die Grünen-Chefin, im schwarzen Mercedes wird sie vorgefahren, sie steigt aus, schwarzroter Schirm, roter Mantel, weißer Schal, hellblondes Haar. Eine sorgfältig zurechtgemachte Erscheinung. Zwei Semester lang hat Claudia Roth Theaterwissenschaften studiert - nun wendet sie ihr Wissen an. Sie weiß, was Bühne heißt, Farbe, Maske. Kostüm. Sie denkt deshalb, so hat sie mal verraten, vor ihren Auftritten nach, wie die Farbe, das Licht zusammenwirken, sie stimmt sich mit den Fotografen ab, lässt sich von ihnen sagen, welcher Schal zum Bühnenhintergrund passt, achtet darauf, dass sie keine Karohose anzieht, denn dann drehen die Kameraleute durch, und auch der Lippenstift muss zum Kleid, zum Schal, zu den Haaren passen, ja, und auch die Fingernägel sind wichtig.
Sie trägt jetzt ein dynamisches Mutmacherlächeln im Gesicht. Natürlich schaut sie so drein, als ob es nichts Schöneres gäbe, als an diesem verregneten Julitag vor fünf, sechs Menschen zu stehen, die hinter ihren Kameras und Regenschirmen verborgen sind. Sie ruft: "Guten Morgen! Die Grünen kann kein Wetter, kein Regen vertreiben!"
Sie ruft nochmals: "Guten Morgen!" Sie sagt: "Wir machen einen Sommerwahlkampf, und wenn es noch so regnet, wir lassen uns von diesem Wetter nicht vertreiben." Kein Student, keine Studentin hört, was Claudia Roth vor der Humboldt-Uni ausruft, niemand zeigt sich, keiner ist da, der Fragen stellen könnte an die Vorsitzende der Grünen. Sehr merkwürdig und sehr verlassen würde Roth an diesem Morgen vor der Uni stehen, wenn nicht ein paar Nachrichtensender ihre Kamerateams vorbeigeschickt hätten.
Roth sagt: "Die Wahl findet statt, wo die Universitäten Semesterferien haben, und wir wollen die Studenten und Studentinnen nochmals darauf hinweisen, dass es auch in Internetzeiten so etwas gibt wie den guten alten Brief." Sie hält eine Art Wahlbrief hoch. Regen fällt. Autos brausen vorbei. Wasser spritzt. Roth sagt zu den Kameras: "Stellt euch rechtzeitig darauf ein, wenn ihr nicht zu Hause seid, nicht am Heimatort, dass ihr dann euch beteiligt an diesen Wahlen."
Hoch über Claudia Roth hängt an der Uni-Fassade ein Spruch von Albert Einstein: "Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig." Schließt man die Augen und blendet die gestikulierende Roth aus, klingt sie, als sei sie in die Satzbau-Schule von Edmund Stoiber gegangen. Sie sagt: "Es geht auch um die Frage von Gerechtigkeit und Zukunft. Und das eine der Zukunftsthemen schlechthin ist die Frage Bildung. Wir leben ja nicht in Deutschland zukünftig davon, dass wir Niedriglohnland sind, sondern dass wir in Bildung investieren, dass wir auf Bildung, auf Jugend, auf kluge Köpfe und große Herzen setzen im Auftrag des Hirns."
Irgendetwas nervt schrecklich. Es muss ihre Sprache sein. Claudia Roth hangelt sich von Floskel zu Schlagwort, da ist kein eigener Gedanke, nichts, ärgerlich sinnfrei, merkwürdig banal ist ihre Rede, aber die wird mit großer Gestik, übertriebener Mimik präsentiert. Sie nickt mit dem Kopf, sie rollt mit den Augen, sie reißt sie weit auf. Manchmal, hat sie mal verraten, schimpft deshalb ihre Mutter mit ihr, klagt: "Mach nicht diese Bollaugen!"
Nach zwei Minuten ist Roth mit ihrem Vortrag zu Ende. Und man kann sich fragen, welcher Partei sie eigentlich vorsteht, den Grünen oder der CDU oder der SPD?
Politik hat immer etwas mit Symbolen zu tun, und in der Person Roth zeigt sich beispielhaft, wie sich die Grünen verändert, wie sie ihre Themen und Gedanken verloren haben. Was für Ziele, Positionen, Visionen hat diese Partei noch? Sie will an der Macht bleiben. Aber wofür? Und für wen?
Wenn man Claudia Roth in diesen Tagen zuhört, erfährt man dazu wenig, man staunt eher, dass sie die Chefin einer Regierungspartei ist. Als "intellektuell befreite Zone" hat die "taz" Claudia Roth mal verhöhnt. Das ist gemein. Aber es ist auch wirklich anstrengend, ihren Platitüden zuzuhören. Der VW-Skandal? Der muss "gnadenlos aufgeklärt werden". Die Reformen? "Zum Reformkurs gibt es keine Alternative." Okay, okay, neben das "Fordern" müsse das "Fördern" treten, und, klar, man werde "die Ängste der Leute ernst nehmen".
Claudia Roth steht vor der Humboldt-Uni. Der Ort ist gut gewählt, die Kulisse beeindruckend. Aber der Geist, für den diese Uni steht, überträgt sich nicht auf sie. Bei ihr bleibt alles Fassade.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 31/2005