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Leben in der Gipfel-Stadt: "Da vorn soll noch mehr los sein"

G20 hat noch gar nicht angefangen, doch der Gipfel ist schon da: Hubschrauber stehen über der Stadt, Stormtrooper zeigen sich - und die Bewohner? Sie cornern.

Seit etwa 20 Uhr stehen über dem Viertel und "stehen" ist in diesem Fall wörtlich gemeint. Es sind keine Patrouillenflüge mit gelegentlich wiederkehrenden Geräuschen, es ist eine massive Lärmbelästigung, die dafür sorgt, dass du statt den Sonnenuntergang auf deinem Balkon zu genießen, in die Wohnung gehst und die Tür nach draußen schließt. Anstrengend. Fliegerabend statt Feierabend. Nicht jeder mag den Sound von Egoshooter-Videospielen nach einem Arbeitstag.

Dann, 22 Uhr, Lärm von vorn. Du lebst in der Schanze, dem Viertel, wo du diesen Brei im Ohr kennst: Ein Mob versammelt sich, du rennst runter. Auf der Straße jedoch, stellt sich die Situation anders dar. So, als wärst du nicht zu Hause. Kriegstouristen sind unterwegs. Auf der Stresemannstraße, die dein Viertel durchzieht, ein Stau. Lkw, Busse, überforderte Fahrer, die mit gewagten Aktionen versuchen, die Hindernisse – Menschen – zu umfahren, indem sie als die Spur wechseln.

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Endlich raus, endlich mitmischen

Dann hörst du Stimmen. "Lass mal nach da vorn gehen, da soll noch mehr los sein." In den Gesichtern der Menschen, die zu Fuß und mit dem Rad unterwegs sind, liegt ein Strahlen. Endlich passiert mal was. Endlich geht's los. Der G20-Gipfel, der sich seit Wochen in einer Überpräsenz an Polizei aus allen Bundesländern zeigt, beginnt, bevor die ersten Politiker angereist sind. Endlich können Anwohner ganz nah bei denen sein, die sie seit Wochen den nächtlichen Schlaf kosten. Denn die Hubschrauber-Kontrolleinsätze finden seit Mai über dem krawallgebeutelten Schanzenviertel statt. Endlich raus, endlich mitmischen.

Dann tauchen die Einheiten auf, Stormtrooper wäre der treffendere Begriff, denn die Polizisten sind bewehrt wie die Kriegsarmee in "Star Wars". Schützer, Schoner, Helme, und dazu eine Gesichtsmaske, als gehörten sie eigentlich zum schwarzen Block. Doch die alternative Antitruppe ist heute Abend noch gar nicht im Einsatz. Die Kennzeichen der Mannschaftswagen tragen vorn im Nummernschild ein "BA-", das steht für Bamberg in Bayern. "Wir treten geschlossen zurück", raunt es durch ihre Reihen, als die Eskalationsstufe den Rückmarsch vorgibt. Es sind nur Bürger, Anwohner, Neugierige. Keine Molotowcocktail-Werfer. Unbeholfen wirkt das von den überrüsteten Einheiten. Umso größer der Spaß für die Anwohner. Die Hamburger Polizei kennt ihre Pappenheimer, die Zugereisten haben's schwer.

Bayerische Polizisten treffen Schanzenviertel-Bewohner

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Abhängen an Bürgersteigecken

Aber der Spaß am Gegenüber ist die Hauptsache. Die Bewehrten haben keine Ahnung, die Anwohner ihren Spaß. Kriegsgewinnler sind sie, die sich für die Schlaflosigkeit der vergangenen Wochen rächen. Und Dienstag ist eigentlich noch vor dem Anfang. Es war nur "cornern" im Viertel, das Abhängen auf Bürgersteigecken. "Welcome to hell", der Aufmarsch des echten schwarzen Blocks, ist erst Donnerstag.

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