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22. Mai 2007, 17:01 Uhr

"Internationale" gesungen - Festnahme

Vier Tage lang blieb es im Dunkel diplomatischen Stillschweigens. Erst heute kam es doch heraus: Nur weil sie die "Internationale" sangen, wurden G8-Kritiker festgenommen. Auch Russen wurden an der freien Meinungsäußerung gehindert. Das ist auch im Kreml angekommen. Von Manuela Pfohl

Rund um den Veranstaltungsort des G8-Gipfels in Heiligendamm haben sich schon jetzt die Gegner versammelt© Michael Latz/ddp

Auf verdammt glattes politisches Parkett sind am vergangenen Freitag Polizeibeamte aus dem mecklenburgischen Bad Doberan geraten. In den frühen Abendstunden hatten sie einen besorgten Anruf von privaten Sicherheitskräften des Grand Hotels in Heiligendamm bekommen. Vor der Anlage, in der demnächst die G8-Staatschefs tagen werden, sei eine Gruppe von zehn Personen auffällig geworden, hieß es. Sie habe lautstark die "Internationale" gesungen. "Völker hört die Signale, auf zum letzten Gefecht."

Sie Sicherheitskräfte baten um Unterstützung zur Gefahrenabwehr. Die für die Sicherheit des G8-Gipfels zuständige Polizeitruppe "Kavala" wird informiert. Gegen 18 Uhr stoppen drei Einsatzwagen der Polizei die Gruppe am Ortsausgang von Heiligendamm. Personenkontrollen und Durchsuchungen folgen. Es stellt sich heraus, dass es sich bei den verdächtigen Sängern um zwei Deutsche, eine Engländerin und sieben Russen handelt. Vorwiegend Wissenschaftler und Studenten.

Einer von ihnen ist der Rostocker Martin Krämer. Der 35-jährige Doktor der Agrarwissenschaften fragt die ermittelnden Polizisten, seit wann es verboten sei, in der Öffentlichkeit die Internationale zu singen. Er bekommt keine Antwort. Stattdessen werden er und eine weitere Person vorläufig festgenommen und zum zuständigen Polizeirevier nach Bad Doberan gebracht. Sicherheitshalber.

Draußen beziehen die Russen Posten. Auch sicherheitshalber. Gegen 20 Uhr klingelt im Moskauer Büro des Duma-Abgeordneten Oleg Smolyn das Telefon. Russische Bürger seien in Heiligendamm von der deutschen Staatsgewalt daran gehindert worden, öffentlich ihre freie Meinung zu sagen, teilt der aufgeregte Anrufer mit. Die Behörden hätten es ihm und seinen Landsleuten verboten, die Internationale zu singen. Darüber hinaus seien zwei deutsche Freunde festgenommen worden. Russland möge sich bitte positionieren. Eine Standleitung in den Kreml wird aktiviert.

Gegen 22.00 Uhr meldet die Nachrichtenagentur Reuters vom EU-Russland-Gipfel in Samara: Der russische Präsident Wladimir Putin hat das Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen Oppositionelle (in Russland) verteidigt. Auch die EU sei keine "lupenreine Demokratie". Putin verwies auf die Festnahme von Globalisierungsgegnern vor dem G8-Gipfel in Heiligendamm.

Um 23.25 Uhr werden die vorläufig Festgenommen aus dem Gewahrsam der Bad Doberaner Polizei entlassen.

Erst durch eine interne Mail von Gipfelkritikern, die heute zufällig an die Öffentlichkeit geriet, wird der Vorfall bekannt. Ein Sprecher von "Kavala" teilt daraufhin in Rostock mit, es erfülle selbstverständlich keinen Straftatbestand, "die Internationale erkämpft das Menschenrecht" zu singen. In Moskau sitzt Oleg Smolyn in seinem Büro und feilt an einer Pressemitteilung.

Von Manuela Pfohl
 
 
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