Ist es ein Ort? Ein Gefühl? Im Zeitalter von Globalisierung, Wirtschaftskrise und Wertewandel entdecken viele Deutsche, wie wichtig es ist, sich irgendwo zu Hause zu fühlen.

Senait Mehari - Sängerin und Schriftstellerin, 28, geboren in Asmara, Eritrea© Alfred Steffen
Heimat ist mehr. Mehr als Heim, mehr als Heimstatt, mehr als Heimatstadt, mehr als Heimatland. Heimat ist eigen, konturlos, verschwimmend in Farben und Formen, ausufernd und ungreifbar wie ein Traum.
Heimat ist Heimat, deutsch und unübersetzbar. "Heimat - A German Dream" heißt ein englisches Buch. Die Autorinnen versuchen ihren Landsleuten das deutsche Wort mit den Begriffen "homeland" und "roots" nahezubringen - der Ort der Verwurzelung. Er ist für jeden ein anderer: das geduckte Dorf im Hunsrück, der Krabbenkutter-Hafen in Friesland, die Mietskaserne mit vier Hinterhöfen in Kreuzberg, die hohen Wälder Thüringens, Bayerns Alpenpräludium, Fachwerk im Harz, das flache Tellerland der Küstenköge, die grünen Hügel Hessens, die schwarze Zechensiedlung im Ruhrgebiet, die ausgefransten Kiefern der Mark Brandenburg, die dunklen Tannen des Schwarzwaldes, Nordseewatt und Ostsee-Bodden, Inselstrand und Weinberge, Ströme und Fabriken, Werften, Sägereien, Marktplätze, Villenprotz und Backsteinstrenge, Glaspaläste, Kirchturmglocken und Türme, kleine Häuser, große Häuser - Orte, wo Wurzeln haften.
Aber Heimat ist noch mehr. Die Erinnerung gehört dazu, die ins unterbewusste Gedächtnis eingebrannte Mischung aus Geschmack, Geruch, Geräuschen, der Duft von Bratwurst und Rotkohl auf dem Küchentisch, das grelle Gelächter der Möwen im Himmel, der Schrei der Bussarde, die hohen Wolken, die Luft, die nach salziger See riecht, nach Autoabgasen oder dem Morgennebel über herbstlichen Wiesen. Heimat ist Weißwurst und Weizenbier, der Dialekt der Kindheit, das Klopfen der Skatkarten auf dem Wirtshaustisch, die Lieblingsmusik der Eltern, das Gutenachtgebet, der Geruch von Lebkuchen und Weihnachtsbaum im Wohnzimmer und das Aroma der Sonntagsbrötchen.
Solange Heimat da ist, spürt man sie kaum. Wie gute Luft, die man atmet und für selbstverständlich hält. Erst wenn beides fehlt, erkennt man ihren Wert. Dann schmerzt die Lunge von Kneipenqualm und die Seele von Heimatverlust. "Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen", schrieb Theodor Fontane. In der Fremde hat ihn jeder schon erlebt, diesen plötzlichen Wärmestrom, wenn aus dem Radio in Singapur eine Bachkantate dringt oder jemand im amerikanischen Fernsehen Rilke zitiert. Deswegen ist Heimat auch umso schöner, desto weiter weg sie ist. Aus der Ferne sieht man keine fahle Haut, keine Falten. Ferne verklärt und macht sehnsüchtig. Manchen so sehr, dass er ohne Heimat nicht mehr leben will. Er sei "erschöpft durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns" und resigniert, "nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selbst vernichtet", schrieb der Emigrant Stefan Zweig, bevor er sich gemeinsam mit seiner Frau 1942 in Brasilien das Leben nahm.
Ihre Sprache ist für viele der wichtigste Teil der Heimat. "Wenn ich daheim bin, versteht mich jeder sofort", sagt der weltläufige Politiker Wolfgang Schäuble und bekennt, dass ihm diese "Geborgenheit in der Mentalität" wichtig sei. So wie Hermann Hesses Peter Camenzind, der nach langer Weltwanderung zurückkehrt in die Berge und das Dorf seiner Kindheit: "Hier fällt es niemand ein, einen Sonderling in mir zu sehen." Keiner lacht heute mehr über solche Sätze.
Heimat: Es ist noch nicht lange her, da war das "Heidi" und "Der Förster vom Silberwald" und "Die Sennerin von St. Kathrein", da waren das die Vertriebenen und der Kanzler, der vor ihnen Durchhaltereden über "die Bindung an Werte und die urtümlichen Lebensformen unserer Heimat" hielt. Heimat, das waren Trachtengruppe und Blaskapelle, Spießigkeit und Goldschnittgemüt, der Nachhall von nationalem Pathos und das deutsche Wesen, an dem die Welt genesen sollte. Heimat war der erklärte Feind aller Spät-Achtundsechziger und anderer progressiver Weltbürger. Ihre Heimat war da, wo die Rechnungen ankommen. "Heimat", höhnte der "Spiegel", "das ist der Lindenbaum, unter dem Vater Staat und Mutter Natur einträchtig im Kreis ihrer Lieben beieinander sitzen und sich freuen, dass alles ist und bleibt, wie es immer war."
Dann kam 1984 "Heimat", ein Titel so provokant wie programmatisch, die erste Staffel der TV-Chronik von Edgar Reitz über Schabbach, das fiktive Dorf im Hunsrück. Ein sensationeller Erfolg. 15000 Briefe erhielt Reitz. Jetzt, 20 Jahre später, folgt Teil drei der Heimat-Chronik (ab 15. 12., ARD), der die Jahre vom Fall der Berliner Mauer bis zur Jahrtausendwende beschreibt. Und der Wert von Heimat ist in diesen Jahren noch gestiegen. 56 Prozent der Deutschen geben an, dass Heimat "eher an Bedeutung gewonnen" hat, nur für 25 Prozent ist sie bedeutungsloser geworden. Längst sind auch die ehemaligen Spötter umgeschwenkt und heimgekehrt. Heimat ist salonfähig, vom Vertriebenentreffen bis zum Veteranenstammtisch des Frankfurter Häuserkampfes.
Warum? Jedenfalls nicht, weil das wieder vereinte Vaterland von einem neuen kollektiven Heimatgefühl erfasst wäre. Im Gegenteil. Die Atmosphäre im vergrößerten Heim der Deutschen ist ungemütlich geworden, muffig und frostig zugleich; so, als seien die Fenster zum Lüften lange nicht geöffnet worden, als stünden aber gleichzeitig zwei Türen weit offen, durch die scharfe Zugluft weht: Durch die eine wirbeln Investitionen und Arbeitsplätze hinaus, durch die andere ausländische Arbeitsemigranten hinein. Gleichzeitig haben viele Ostdeutsche Teile ihrer alten Heimat verloren, oft die Arbeit, manchmal nur die altvertraute Ost-Schrippe; aber der Verlust hat das Lebensgefühl erzeugt, sie seien Emigranten ohne Auswanderung.
In solch einem Deutschland, einem frostig gewordenen Heim, sucht man nach warmen Winkeln, nach einem Mansardenstübchen mit Kachelofen. "Zwei Sprachen Land entfernt verwandt", singt Herbert Grönemeyer, "an verschiedene Ufer gespült/zum gemeinsamen Gelingen verdammt/Heimat ist kein Ort - Heimat ist ein Gefühl."
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Stern
Ausgabe 51/2004