22. Mai 2012, 18:55 Uhr

Lafontaine gibt sich geschlagen

Oskar Lafontaine wollte zu viel und hat alles verloren. Sein Comeback als Linke-Chef ist geplatzt. Gegen Ende seiner schillernden politischen Karriere muss er eine bittere Niederlage einstecken.

Linke, Kandidatur, Parteivorsitz, Klaus Ernst, Oskar Lafontaine, Sabine Zimmermann, Bartsch, Dietmar Bartsch, Gysi, Gregor Gysi

Oskar Lafontaine gibt auf, sein Erz-Konkurrent Dietmar Bartsch wird wohl nächster Vorsitzender der Linken©

Oskar Lafontaine hat überreizt. Im Machtkampf mit Fraktionsvize Dietmar Bartsch um den Vorsitz der Linken hat er sich überschätzt und muss sich nun geschlagen geben. Am Dienstag erklärte der 68-Jährige seinen Verzicht auf die Kandidatur für den Parteivorsitz auf dem Göttinger Parteitag Anfang Juni - gut eine Woche, nachdem er seinen Hut in den Ring geworfen hatte.

Die Ausgangslage für Lafontaine war zunächst gar nicht schlecht gewesen. Der Gründungsvater der gesamtdeutschen Linken gilt immer noch als Zugpferd der Partei. In seiner Amtszeit als Parteichef zwischen 2007 und 2009 führte er die Linke auf den Höhepunkt des Erfolges. Als er aus gesundheitlichen Gründen sein Amt abgab, hatte die Partei bei der Bundestagswahl gerade das Rekordergebnis von 11,9 Prozent eingefahren.

Im Ringen um den Parteivorsitz war auch die Riege seiner Unterstützer groß und prominent. Der amtierende Vorsitzende Klaus Ernst schlug ihn für den Posten vor, Fraktionschef Gregor Gysi stand fest hinter ihm, und in den westdeutschen Landesverbänden hatte er breiten Rückhalt. Parteiintern gingen die meisten davon aus, dass er bei einer Kampfkandidatur knapp gegen Bartsch gewinnen würde, dessen Unterstützer vor allem im Osten zu finden sind.

Parteivorsitz nur mit Spitzenkandidatur

Lafontaine wollte aber zu viel. Den Parteivorsitz wollte er nur übernehmen, wenn er dazu auch die Spitzenkandidatur bei der Bundestagswahl 2013 bekommt. Entscheidend für seinen Rückzug war aber, dass er dem anderen Lager keinen Schritt entgegen kommen wollte. Ein Kompromissvorschlag Gysis, nach dem er Vorsitzender und Bartsch Bundesgeschäftsführer werden sollte, schmetterte Lafontaine am Sonntag ab. Gysi wechselte daraufhin das Lager und sagte Bartsch seine Unterstützung zu. Das war's dann. Allerdings hält Gysi durch den Verzicht Lafontaines die Krise seiner Partei keineswegs für beendet. Diverse Teile der Linken müssten nun aufeinander zugehen, ob dies gelinge sei offen.

Besonders bitter für Lafontaine dürfte sein, dass er sich ausgerechnet Bartsch geschlagen geben muss. Vor gut zwei Jahren hatte der Saarländer als Parteichef seinen Bundesgeschäftsführer Bartsch zum Rücktritt gedrängt, weil er eine gezielte Intrige witterte. Das Verhältnis der beiden hat sich seither nicht wieder normalisiert.

Nun scheint der Weg für Bartsch frei zu sein. Ein Konkurrent ist weit und breit nicht in Sicht. Dass der glücklose jetzige Vorsitzende Klaus Ernst noch einmal antritt, gilt als höchst unwahrscheinlich.

Welche Frau bildet Doppelspitze mit Bartsch?

Völlig unklar ist noch, welche Frau mit Bartsch die Doppelspitze bilden könnte. Mit dem Rückzug Lafontaines wäre theoretisch ein Führungsduo mit der Lebensgefährtin des 68-Jährigen, Sahra Wagenknecht, denkbar. Auch Wagenknecht, die die Linke derzeit "in der schwersten Krise ihrer Geschichte" dürfte aber weder persönlich noch politisch mit Bartsch harmonieren.

Denkbar ist dagegen, dass die nordrhein-westfälische Landeschefin Katharina Schwabedissen ein Team mit Bartsch bildet. Die 39-jährige hat bereits ihre Bereitschaft zu einer Kandidatur signalisiert. Ein Team Bartsch-Schwabedissen würde dem Ost-West-Proporz gerecht. Beworben um den Posten hat sich auch die Abgeordnete Sabine Zimmermann. Vor Wochen war es der Rücktritt der Co-Vorsitzenden Gesine Lötzsch, der den offenen Führungsstreit in der Linken auslöste - und den Namen Lafontaine wieder auf die Tagesordnung brachte.

Wie auch immer die Vorstandswahlen am 2. und 3. Juni ausgehen, die neuen Vorsitzenden werden einiges zu kitten haben. Die Gräben zwischen Ost und West, Reformern und Dogmatikern sind tiefer denn je. Bartsch steht für einen pragmatischen Kurs, der eine Öffnung zu SPD und Grünen zum Ziel hat. In erster Linie wird er zusammen mit seiner Co-Vorsitzenden aber Integrationsarbeit in seiner eigenen Partei leisten müssen.

Michael Fischer/DPA
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Rangelei um Linken-Parteivorsitz Lafontaine zieht seine Kandidatur zurück

Oskar Lafontaine macht einen Rückzieher: Da seine Kandidatur den innerparteilichen Konflikt nicht beendet habe, strebe er den Linken-Vorsitz nicht mehr an, teilte er mit.

Führungskrise der Linkspartei Das Lafontaine-Bartsch-Problem

Die Linkspartei ist ein politischer Scherbenhaufen. Eine Krisensitzung zur möglichen neuen Führung hat nichts gebracht. Nun sollen sich Lafontaine und Bartsch zusammenraufen.

Rangelei um Parteivorsitz der Linken Sabine Zimmermann will auch kandidieren

Wer will mal, wer hat noch nicht? Die Rangelei um den Parteivorsitz der Linken geht in die nächste Runde. Nun hat auch eine erste Frau Interesse bekundet.

Führungsdebatte in der Linkspartei Gysi will Lafontaine an der Spitze

Linken-Fraktionschef Gregor Gysi hat sich im Streit um die Führung seiner Partei zu Wort gemeldet. Er schlägt Lafontaine als neue alte Parteispitze vor - und Dietmar Bartsch als Bundesgeschäftsführer. Gleichzeitig warnt er vor einem Auseinanderfallen der Partei.

Linke in der Führungskrise Lafontaine will zurück an die Parteispitze

Oskar Lafontaine ist bereit für seine Rückkehr als Linkenchef. Allerdings unter einer Bedingung: Sein Erzfeind, der Fraktionsvize Dietmar Bartsch, soll auf seine Kandidatur verzichten.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (21/2013)
Geht's jetzt an mein Geld?