Bei der Wahl Anfang September will die NPD wieder in den Landtag Mecklenburg-Vorpommerns einziehen. Reise durch ein Land, in dem Rechte manche Landstriche mit prägen. Von Nils Handler
Birgit und Horst Lohmeyer sind aufs Land gezogen, weil sie ihre Ruhe haben wollten. Sie ließen das Hamburger Stadtleben hinter sich und zogen nach Jamel, ein Dörfchen westlich von Wismar. Sie kauften einen alten Backsteinhof, der sich in ein Rondell kleiner Häuser reiht. Rasen in der Mitte. Auf den ersten Blick ist dieses Jamel eine Idylle. Auf den zweiten fallen einem die NPD-Plakate auf, die sich über die Straßenlaternen verteilen und die hier auch hängen bleiben: "Kriminelle Ausländer raus", "Fremdarbeiterinvasion stoppen" schreit es in weißen Lettern auf rotem Grund.
"Eigentlich müssen die hier ja niemanden mehr überzeugen", sagt Birgit Lohmeyer. Jamel ist das wohl bekannteste Nazi-Nest Deutschlands, selbst in San Francisco berichtet man schon darüber. Die Lohmeyers bleiben trotzdem, und damit das auch jeder mitbekommt, veranstalten sie alljährlich ein Musikfestival gegen Rechts. Zum fünften Mal schon. Zwei Tage spielen regionale Rock- und Punk-Bands auf dem Hof. Botschaft: Wir lassen uns nicht unterkriegen.
Nun ist es wieder so weit, an einem milden August-Wochenende. Kurz bevor das Festival beginnt, fährt plötzlich ein blauer Kleintransporter vor. Die Türen klacken, und sieben muskulöse Männer in schwarzer Kluft steigen aus. Zwei von ihnen haben eine Glatze, auch der Rest ist ziemlich kurzhaarig. Die Besucher erstarren, als sich der Trupp dem Eingang nähert.
"Nachdem im letzten Jahr ein Besucher von Nazis krankenhausreif geschlagen wurde, haben wir in diesem Jahr zum ersten Mal einen professionellen Sicherheitsdienst engagiert", beruhigt Birgit Lohmeyer. Ein Metallzaun und drei Mannschaftswagen der Polizei sorgen zusätzlich für den Schutz der wenigen Gäste. Beim Festivalauftakt sind es nicht einmal 50. "Viele Leute haben Angst herzukommen", sagt Birgit Lohmeyer.
Doch Jamel ist kein Einzelfall, sondern nur ein bekanntes Beispiel der Situation in Mecklenburg-Vorpommern. Als "Klima der Angst" beschreibt Rechtsextremismus-Experte Günther Hoffmann die Situation. "Die Übergriffe auf Campingplätze und die Obdachlosenmorde der neunziger Jahre haben Spuren hinterlassen."
Kurz vor der Landtagswahl am 4. September nehmen die Attacken wieder zu: Unbekannte haben die Wahlkampfbüros der demokratischen Parteien mit Farbbeuteln beschmissen. Einmal warfen sie einen Gullydeckel durchs Fenster. In Greifswald wurde ein Jugendlicher zusammengeschlagen, weil er nachts NPD-Plakate heruntergerissen hat. Die Fälle sind nicht aufgeklärt. Doch alle Zeichen deuten nach rechts.
Bei den jüngsten Umfragen landete die NPD fast immer unter der Fünf-Prozent-Marke und würde damit nicht den Wiedereinzug ins Schweriner Schloss schaffen. Doch Hoffmann zufolge sei es töricht, sich auf die Umfragen zu verlassen. "Viele geben bei Umfragen nicht zu, dass sie NPD wählen. Sie wissen, dass es gesellschaftlich nicht erwünscht ist." Die letzte Umfrage vor der Wahl ergab denn auch einen leichten Anstieg auf 4,5 Prozent.
Dass es ruhiger werde um die Rechtsradikalen sei trügerisch, führt Hoffmann aus: "Je höher der Organisationsgrad und je besser die Infrastruktur der NPD, desto weniger Gewalttaten." Während die Zahl der rechten Straftaten und Propagandadelikte in Mecklenburg-Vorpommern seit Jahren steigt, sinkt die Zahl der Gewalttaten. "Die NPD ist eng verflochten mit den Kameradschaften", erklärt ein Sprecher des mecklenburg-vorpommerschen Innenministeriums, gleichzeitig "versucht die NPD sich ein gut bürgerliches und vor allem straffreies Image aufzubauen".
Besonders düster ist die Lage im Kreis Südvorpommern an der polnischen Grenze, den Nazis europaweit als ihre "Modellregion" preisen. Im Dorf Postlow erreichte die NPD bei der letzten Landtagswahl 38,2 Prozent der Stimmen. Auch im Landkreis holt die NPD hier ihre besten Werte. Die Arbeitslosenquote liegt hier über 20 Prozent - so hoch wie nirgendwo sonst in Deutschland.
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