Sie kommen aus der Türkei, Albanien oder Usbekistan. Sie können kaum Deutsch, aber sie stellen die Mehrzahl in manchen Klassen: Migrantenkinder. Bildungspolitiker haben erkannt: Gezielte Förderung ist unerlässlich - bis hin zur Elitenbildung.

Helfer "aus sozialem Antrieb": An der Hauptschule in Stuttgart-Ostheim haben ausländische Jugendliche berufserfahrene Pensionäre an der Seite. Hier coacht der frühere Schichtleiter Jörn Hansen Schüler der 8. Klasse, Tugba, Rabia und Serdal© Theodor Barth
Das Camp, das ist das Ort…", stammelt der Junge. "…der Ort…", unterbricht ihn die Lehrerin. Auf den Tischen liegen aufgeschlagene Bücher. Die Schüler erzählen einen Jugendroman nach. "Der Buch heißt Löcher. Der Autör " Klassenlehrerin Birgitta Hillebrandt verbessert manchmal Wort für Wort. Jetzt wendet sie sich aufmunternd einem Mädchen zu, das stumm in der ersten Reihe sitzt. Zögernd murmelt es: "Das Zelt, das ist, wo schlaft, wo Freunde Gruppen sind."
Die sieben Mädchen und neun Jungen der Klasse 6 a der Johannes-Kepler-Ganztagesschule in Mannheim sind zwischen zwölf und 15 Jahre alt. Obwohl fast alle in Deutschland aufgewachsen sind, hangeln sie sich durch die deutsche Sprache wie durch dürres Geäst.
225 Kinder aus 22 Nationen werden an der Schule unterrichtet, nur 24 Prozent sind Deutsche. In der Kantine gibt es kein Schweinefleisch, im Ramadan werden die Kinder geschont, und im Schülercafé läuft türkische Musik.
Als die Klassenlehrerin der 6 a fragt, wie man jemanden nennt, der nicht lesen und schreiben kann, schlagen die Kinder "Nichtleser" und "Faulpelz" vor. "Sie strampeln sich ab, um gute Noten zu bekommen", sagt Birgitta Hillebrandt. Aber ihr Deutsch qualifiziert sie allenfalls zum Hilfsarbeiter.
Die altersschwache Bundesrepublik allerdings braucht Ingenieure und Kaufleute, Programmierer, Chemiker, Biologen, sie braucht Grafiker, Künstler, Autoren und selbstbewusste Bürger. Dazu braucht es Kinder, die lernen. Und davon braucht es viele.
Doch nur eine Bevölkerungsgruppe wächst hierzulande, die der Migranten: 7,4 Millionen Ausländer, 3,2 Millionen Aussiedler und 1,3 Millionen Eingebürgerte, zusammen rund zwölf Millionen Menschen - also etwa jeder siebte Einwohner Deutschlands. Ihre Kinder sind in den Städten bald in der Mehrheit. Der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg hat errechnet, dass der Anteil junger Migranten in den Städten des Ruhrgebiets schon in den nächsten fünf Jahren auf über 40 Prozent steigen wird. Manche Kindergärten haben schon heute reine Ausländergruppen. Die Probleme ballen sich in Vierteln mit preiswerten Wohnungen, die zu Armenghettos werden. Zurück bleiben Alte, Ausländer, Alleinerziehende und Arbeitslose. Immer mehr Kinder werden in bildungsfernen und rückwärts gewandten Milieus aufwachsen.
Wie viel Zündstoff in dieser Entwicklung steckt, haben auch die Kultusminister erkannt. Die neue Pisa-Länderstudie, aus der in diesen Tagen in Berlin erste Details vorgestellt werden, soll deshalb die Situation von Migrantenkinder so genau durchleuchten wie keine Studie zuvor. Schon jetzt zeigt sich, dass einzelne Bundesländer ihren Nachwuchs besser fördern als andere. Laut einer GEW-Untersuchung, die vorige Woche veröffentlicht wurde, bieten Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ihrem eingewanderten Nachwuchs bessere Lernbedingungen als etwa Nordrhein-Westfalen.
Bernd Böttig, Leiter der Berliner Eberhard-Klein-Schule, sagt, was andere wie eine Masernepidemie verschweigen: Seine Schule hat keinen Schüler, der zu Hause deutsch redet (siehe auch Kasten S. 114). Die Haupt- und Realschule liegt in Kreuzberg. Vor gut zehn Jahren noch waren "nur" die Hälfte seiner Schüler Migrantenkinder, vergangenes Jahr dann haben die letzten fünf deutschen Kinder die Schule verlassen. Der Rektor will auch keine neuen: "Weil die hier nicht glücklich werden, wenn sie nicht verstehen, was in der Pause geredet wird."
Viele Schulen und Kindergärten in deutschen Großstädten besitzen einen Migrantenanteil von 80 Prozent und mehr. Als Faustregel gilt: Sind die 50 Prozent erst einmal überschritten, ist die Entwicklung kaum mehr umkehrbar. Wer seinem Kind eine gute Schulbildung ermöglichen will, zieht in einen anderen Stadtteil. Das hat nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu tun, auch bildungsbewusste Einwanderer wandern in Viertel ab, in denen ihre Kinder bessere Chancen haben.
Antonia Rötger, Mutter von zwei Töchtern, ist in Kreuzberg geblieben. "Ich möchte meine Kinder nicht unter einer Glasglocke von Akademikerkindern aufwachsen lassen", sagt die Journalistin, die am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung arbeitet. Dort wurde die erste Pisa-Studie erstellt. In der steht schwarz auf weiß, dass sich kein Industrieland so wenig um seine Einwandererkinder kümmert wie Deutschland. Und dass schon bei einem Anteil von 20 Prozent das Leistungsniveau der ganzen Klasse sinkt. Bei einem Sprachtest für Berliner Vorschulkinder zeigte sich, dass mehr als 80 Prozent des ausländischen Nachwuchses Nachhilfe in Deutsch brauchen, um dem Unterricht folgen zu können.
Nächstes Jahr wird auch Antonia Rötgers jüngere Tochter in einer Kreuzberger Schule eingeschult. Von 125 Erstklässlern sind 100 Einwandererkinder. Ein kurioser Klassenkampf entbrannte. Die raren deutschen Kinder sollten nach einem Vorschlag der Erzieher "gerecht und gleichmäßig" auf die fünf Klassen verteilt werden. Eltern und Lehrer protestierten: Fünf deutsche auf 20 Migrantenkinder - das bringe die Schule zum Kippen. Dann würden deutsche Eltern ihre Kinder endgültig abmelden. Also werden die 25 nun auf zwei Klassen verteilt.
Migrantenkinder - eine Zeitbombe? Oder vielmehr eine Jahrhundertchance? Ein ungewohnter Gedanke für Deutschland, "nach den USA das wichtigste Einwanderungsland der Welt", wie das Berliner Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung konstatierte. Und konservative Politiker beginnen zu begreifen.
"Wir müssen gucken, dass aus den wenigen Kindern, die wir in unserer Stadt haben, etwas wird", sagt Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster, CDU. Die Stadt besitzt nach Frankfurt den höchsten Ausländeranteil aller deutschen Großstädte und leidet zugleich an Überalterung. "Wir haben viermal so viele Autos wie Kinder in der Stadt", sagt Schuster.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 29/2005