22. November 2011, 20:06 Uhr

Dünne Gerüchte aus erster Hand

Kannte die getötete Polizistin Michele Kiesewetter ihre Mörder? Das BKA geht diesem Verdacht nach. Der Bürgermeister ihres Heimatorts ist entsetzt - denn die Hinweise sind sehr vage. Von Malte Arnsperger

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Blumen und Bilder am Gedenkstein für Michele Kiesewetter - Polizei lanciert neue Verdachtsmomente©

Mord, Pannen und Peinlichkeiten: Im Fall der 2007 getöteten Polizistin Michele Kiesewetter kommen immer mehr Ungereimtheiten ans Licht. Rückblick: Die Beamtin aus Thüringen wird am helllichten Tag im baden-württembergischen Heilbronn erschossen. Auf der Suche nach ihrem Mörder leisten sich die Ermittler einen der größten Fehlgriffe der deutschen Polizeigeschichte und suchen jahrelang buchstäblich ein Phantom. Dann werden per Zufall endlich die Mörder gefunden. Ein Neonazi-Trio mit Wurzeln in Sachsen und Thüringen, verantwortlich für mehrere rassistisch motivierte Morde. Und nun lanciert das Bundeskriminalamt den Verdacht, dass es Verbindungen zwischen dem vermeintlichen Zufallsopfer Kiesewetter, deren Heimatort und den Tätern gegeben hat. Doch die Belege sind dünn.

Die Fakten: Michele Kiesewetter fängt als 18-Jährige im Jahr 2003 bei der Bereitschaftspolizei in Baden-Württemberg an. Sie besucht jedoch oft ihre Verwandten im thüringischen Oberweißbach. Im April 2007 hat sie eigentlich Urlaub, meldet sich jedoch freiwillig zum Dienst am 25. April. Während ihrer Mittagspause wird sie in ihrem Auto erschossen, ihr Kollege schwer verletzt. Da wohl nur ihre Vorgesetzten und ihre Familie von der kurzfristigen Dienstplanänderung wussten, war für die Ermittler klar: Die Polizistin war ein Zufallsopfer. Noch vergangene Woche sagte der baden-württembergische LKA-Chef Dieter Schneider, es gebe "keine Anhaltspunkte", dass die Herkunft Kiesewetters ein Grund für den Mord sei. Es habe sich aus den Ermittlungen im Umfeld der Beamtin "bisher kein Motiv für das Verbrechen ergeben".

Handelt es sich gar um eine Beziehungstat?

Nun die Kehrtwende: In einer Sitzung des Innenausschusses des Bundestages erläutert der Chef des Bundeskriminalamtes Jörg Ziercke den Stand der Ermittlungen gegen das Nazi-Trio. Im Anschluss an die nicht-öffentliche Besprechung teilen Innenminister Peter Friedrich (CSU) und weitere Ausschussmitglieder Zierckes ihre Erkenntnisse mit den Journalisten. Hauptaussage: Es scheint, so Deutschlands höchster Polizist, eine Verbindung zwischen Kiesewetters Familie und der rechtsextremen Gruppe gegeben zu haben, Friedrich spricht gar von einer "Beziehungstat". Die genauen Zusammenhänge seien noch unklar.

Warum prescht der BKA-Präsident in diesem hochsensiblen Fall mit Mutmaßungen vor, wenn er selber sogleich einräumen muss, dass vieles noch unklar ist? "Ich bin enttäuscht über den dünnen Neuigkeitswert", sagte dann auch Ausschussmitglied Konstantin von Notz (Grüne) zu "Welt Online". Sein Parteikollege Wolfgang Wieland dagegen verteidigt den BKA-Chef im Gespräch mit stern.de: "Was glauben Sie, wie man Ziercke im Ausschuss den Kopf gewaschen hätte, wenn er nur sagt: "Die Ermittlungen laufen?""

Über Journalisten werden Informationen lanciert

Doch wie sieht es denn mit den angeblichen Verbindungen zwischen Kiesewetter und dem Nazi-Trio wirklich aus? Ist darin ein Motiv für einen Mord erkennbar? Nach Zierckes Darstellung wollte Kiesewetters Familie in Thüringen eine Gaststätte mieten, doch stattdessen sei ein Mann zum Zuge gekommen, gegen den nun als Beschuldigter in dem Ermittlungsverfahren wegen der Neonazi-Mordserie ermittelt werde. Das Lokal, es handelt sich um den Gasthof "Zur Bergbahn", sei ein Treff für Rechtsextremisten gewesen. Kiesewetter selbst habe zwischen 2001 und 2003 gegenüber des Lokals gewohnt, sagte Ziercke. Auch sei 2007 ein Koch eingestellt worden, der denselben Geburtsnamen wie Beate Zschäpe trägt, die Dritte in der Terror-Gruppe.

Auch über Journalisten werden Informationen über "Verbindungen" zwischen den Kiesewetters und dem Nazi-Trio lanciert. So will die "Süddeutsche Zeitung" von Mitgliedern des Bundestagsinnenausschusses erfahren haben, dass der Stiefvater der Beamtin Kontakt mit Uwe Mundlos, einem der Mitglieder der Terrorgruppe, gehabt habe. Demnach gehörte dem Stiefvater eine Kneipe in Thüringen, die als Treffpunkt der rechten Szene galt. In diesem Zusammenhang soll Uwe Mundlos den Gastwirt wegen einer dort geplanten Veranstaltung angesprochen haben.

Ein Leidtragender: der neue Pächter des Gasthofes

Bürgermeister Jens Ungelenk ist entsetzt. "Wie kann es sein, dass die höchsten Sicherheitsinstanzen des Landes, wie etwa der Innenminister, solche Infos an die Presse geben, die mehr als unvollständig sind?" Denn, so Ungelenk im Gespräch mit stern.de, der Stiefvater der Polizistin habe nie etwas mit dem Gasthof "Zur Bergbahn" zu tun gehabt. Zudem betreibe Ralf Kiesewetter seit mehr als zehn Jahren ein eigenes Hotel. "Dieses gehört zu den angesehensten in der ganzen Region und war ganz bestimmt niemals ein Treffpunkt für die rechte Szene." Auch die Familie Kiesewetter weist die Berichte als "Unsinn" zurück. Micheles Stiefvater habe zwar mal Interesse an dem Gasthof gehabt. Aber man habe nie dort gewohnt. Und selbst Beate Zschäpes Mutter sagt der "Ostthüringischen Zeitung", in ihrer Familie habe nie jemand als Koch gearbeitet. Bürgermeister Jens Ungelenk: "Die Presse fällt jetzt in Oberweißbach ein und muss versuchen, die Vermutungen zu überprüfen. Als Folge werden Gerüchte über uns und Einwohner der Stadt gestreut."

Doch warum?

Ein Leidtragender der dünnen Behauptungen ist auch der jetzige Pächter des Gasthofes "Zur Bergbahn", in dem tatsächlich im März 2006 ein rechtsextremes Konzert stattgefunden hat. Doch für dieses Konzert kann Lutz Arnold nichts, denn er betreibt das Gasthaus erst seit Mai 2007. "Bei mir melden sich jetzt ständig Leute und beschimpfen uns oder sagen ihren Aufenthalt ab", sagt der empörte Gastwirt zu stern.de. "Dabei haben wir mit dieser Sachen absolut nichts zu tun." Der grüne Innenpolitiker Wieland verteidigt das Vorgehen des BKA-Chefs: "Wenn es wirklich ein braunes Wirtshaus gegeben hat, kommt der Ort eben in die Schlagzeilen, das ist nicht zu vermeiden."

So töte man Michele Kiesewetter ein zweites Mal

Es gebe nun mal "auffällig viele Zufälligkeiten und Verbindungen" zwischen Oberweißbach, den Kiesewetters und den Terroristen. Diesen Hinweisen müsse die Polizei nachgehen. "Man tut jetzt das, was man direkt nach dem Mord hätte tun sollen." Zumal: "Herr Ziercke hat nicht gesagt, dass die Familie der Polizistin Sympathie für Nazis hatte."

Bürgermeister Ungelenk ist dennoch sauer. Er vermutet ein gezieltes Manöver, um die Presse zu beschäftigen: "Die Sicherheitsbehörden lenken von den eigenen Verantwortlichkeiten ab. Schließlich haben sie jahrelang versagt in diesem Fall." Und er verteidigt die Familie und das Opfer: "Indem man solche Mutmaßungen verbreitet, tötet man Michele Kiesewetter ein zweites Mal."

Von Malte Arnsperger
 
 
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