. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
25. Mai 2010, 14:55 Uhr

Brutalstmöglich sympathisch

Roland Koch war demonstrativ souverän, entspannt, gelassen. In Wiesbaden hat die CDU-Reizfigur verkündet, warum sie künftig ohne politische Machtspiele leben will. Fraglich nur, ob die Story stimmt. Von Florian Güßgen

Roland Koch, Hessen, Rücktritt, Pressekonferenz, PK, CDU, Wirtschaft, Unternehmen, Angela Merkel, Schwarzen Kassen, Volker Bouffier, der

Lächelnd verkündet Roland Koch in der hessischen Staatskanzlei in Wiesbaden seinen Rückzug aus der Politik© Thomas Lohnes/DDP

Den Haien entrann ich/Die Tiger erlegte ich/Aufgefressen wurde ich/Von den Wanzen", heißt es bei Brecht. Und so ähnlich scheint es nun auch Roland Koch zu ergehen, der letzten echten Reizfigur der CDU: Den peinlichen Skandal um die schwarzen Kassen der Hessen-CDU hat er überstanden, Andrea Ypsilanti hat er als hessische Ministerpräsidentin verhindert. Aber jetzt tritt er ab, weil ihn das kleine Klein-Klein in Hessen zermürbt und das große Klein-Klein in Berlin nervt - und weil ihn die Kanzlerin nicht zum Minister küren will. So die eine Lesart der Knallermeldung vom Dienstag.

Vielleicht ist aber auch alles ganz anders. Koch selbst gibt seinem Rückzug einen völlig anderen Dreh. Unendlich ruhig ist er, als er am Dienstag um halb eins in Wiesbaden vor die Presse tritt, gelassen. Ihr habt mich alle unterschätzt, lautet die Botschaft. Ich bin nicht der fiese Ehrgeizling, für den ihr mich haltet. Ich kann loslassen, kann ohne Politik und Macht und das ganze Gedöns. Ganz locker. Ganz prima. Und damit Tschühüss. Koch, der Freund des Dalai Lamas, hat sich zu einer Wiedergeburt ohne Politik entschlossen.

"Politik ist nicht mein Leben"

"Politik ist ein faszinierender Teil meines Lebens, aber Politik ist nicht mein Leben", sagt Koch - und dieses Zitat wird in allen Rückblenden auf dieses Jahr auftauchen. Er wolle etwas Neues machen, jung genug sei er, sagt der 52-Jährige. Und, ja klar, es werde irgendetwas mit Wirtschaft sein, wenn er auch noch nicht exakt entschieden habe, was, sagt der Anwalt. Im Juni soll die hessische CDU nun einen neuen Vorsitzenden wählen, da tritt Koch nicht mehr an. Ende August hört er als hessischer Regierungschef und Landtagsabgeordneter auf, auf dem CDU-Parteitag im November will er sich nicht als Vize der Bundespartei wiederwählen lassen.

Böse, wer Koch unterstellt, seine Entscheidung entspringe einer immer größeren Distanz zur Parteichefin, zu Angela Merkel. Der hatte er noch in der vergangenen Woche lautstark empfohlen, doch bitte bei der Bildung zu sparen. In Wiesbaden sagt Koch nun, er habe seine Entscheidung schon lange im Herzen getragen und mit seiner Familie und, das ist interessant, mit CDU-Chefin Merkel schon vor einem Jahr darüber gesprochen. Dabei wäre der Konflikt mit Merkel durchaus eine plausible Erklärung für Frust gewesen, denn de facto war Kochs Karriere blockiert: In Hessen war er schon alles, was man werden konnte, und im Bund, in Berlin, konnte er nach jüngster Einschätzung aller Auguren nichts mehr werden. Immer wieder war er in der Vergangenheit als möglicher Nachfolger des maladen Finanzministers Wolfgang Schäuble gehandelt worden. Koch selbst schien sich mit finanzpolitischen Interviews zu bewerben. Nach Schäubles Ausfall bei den wichtigen Verhandlungen zur Eurokrise in Brüssel hatte Merkel hinter den Kulissen jedoch klar signalisiert, dass Koch für sie keine Alternative darstelle. Berlin war, das war damit klar geworden, für ihn keine Option.

Ein herber Schlag für die Konservativen

Für Koch ist das an diesem Tag alles kein Thema. Ehrgeiz? Machtspiele? Enttäuschung? Pah, liederliche Winzlinge, die ihr glaubt, derart niedere Motive könnten ihn treiben, scheint er sagen zu wollen. Auch gesundheitliche Gründe schließt er aus. Nein, sagt Koch. Er übergebe ein gut bestelltes Haus, mit dem politischen Kurs der schwarz-gelben Regierung in Hessen sei er rundum zufrieden, und einen Nachfolger könne er der hessischen CDU auch ans Herz legen. Den Namen will er nicht offen nennen. Aber es ist kein Geheimnis, dass Kochs Innenminister Volker Bouffier ein aussichtsreicher Kandidat wäre.

Trotz aller Lockerheit. Für den konservativen Flügel in der Union ist Kochs angekündigter Rückzug ein herber Schlag. Bislang ist er einer der Speerspitzen der Wertkonservativen in der CDU, mithin auch ein Brückenkopf hin zu den Wirtschaftsliberalen in der Union. Friedrich Merz ist schon länger weg. Demnächst nun auch Koch. Die Konservativen werden es nach Kochs Abgang künftig noch schwerer haben, in der CDU der Weichspülerin Angela Merkel Gehör zu finden. Der baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus käme als neue Speerspitze in Frage, wortgewaltig ist er und unverfroren dazu. Aber er braucht Zeit zur Profilierung. Noch ist Mappus zu frisch im Amt, um ein mit Koch vergleichbares Gewicht in die Waagschale werfen zu können.

Ein fast sympathischer Abgang

Koch selbst schließt bei der Pressekonferenz aus, sich weiter prominent in die Debatte mit einbringen zu wollen. Er sei ein politischer Mensch, sagt der Mann, der im vergangenen Jahrzehnt so regelmäßig politisch provoziert hat wie kaum ein zweiter. Deshalb werde er auch künftig politisch denken, aber eben von der Seitenlinie aus, als einfaches Parteimitglied - auch wenn ihm das Disziplin abfordern werde. Dass er dabei Störfeuer abschießen werde, solle jedoch keiner erwarten. Eine Weisheit schreibt Koch seinen Nachfolgern und bisherigen Mitstreitern dennoch ins Stammbuch: Es sei keine Zeit, in der man sich vor unangenehmen Wahrheiten drücken dürfe, nur weil man das Echo in der Öffentlichkeit fürchte, sagt er.

Was Koch tatsächlich zu seinem Rückzug bewogen hat, ob man ihm die Geschichte von der Suche nach einer neuen Balance im Leben glaubt oder nicht - darüber kann man in den kommenden Tagen trefflich streiten. Unabhängig von der Frage, ob es die Wanzen waren, die Kochs politische Karriere am Schluss aufgefressen haben, muss man ihm eines lassen: Anlässlich seines Rückzugs hat er noch einmal einen beeindruckenden Auftritt hingelegt. Für einen, der jahrzehntelang als größter Unsympath der Republik galt, war der Abgang schon fast sympathisch.

Von Florian Güßgen
 
 
KOMMENTARE (10 von 31)
 
Schisser3000 (26.05.2010, 09:11 Uhr)
Roland Koch
Ja ,die Ratten verlassen das Singkende Schiff. Es ist der erste der merkt das in dem Land nichts mehr zu holen ist.
LaoLu (26.05.2010, 01:36 Uhr)
Nach gut: Dann mal ganz deutlich:
Roland Koch ist ein GAU für das, was man mir vor langer Zeit mal unter der Überschrift "Demokratie" beigebracht hat.

Ich würde von Herrn Koch in der Tat kein gebrauchtes Auto kaufen, um mal bei einem bekannten Spruch zu bleiben.
Und das ist bitterernst gemeint.
Prologo (25.05.2010, 22:00 Uhr)
Alles Gequatsche, Koch hat hingeschmissen,.....

....denn Koch ist ja nicht blöde. Nach den letzten Exzessen von Merkel, wie sie das Land Verschuldet und in den Keller gerasselt hat,....

gehört jeder in die Anstalt der in diesem Schuldenladen noch etws reissen will.

Merkel wird langsam in der Sch..e..i..., die sie angerichtet hat, alleine gelassen. Kochs Rückzug bedeutet nichts anderes, als Koch will nicht in der selbigen mit verenden.

Hoffentlich dauert es nicht mehr so lange.

MfG,
T.
appaz (25.05.2010, 21:13 Uhr)
@scherbengericht
Was verstehen Sie unter "gemäßigt"?
Und kennen Sie das Sprichwort von der großen Baumansammlung, in die jemand irgendwelchen Quatsch hinein brüllt?

Wenn Sie sich etwas ernsthafter mit diesen Fragen auseinander setzen, werden Sie womöglich erkennen können, weshalb Herr Koch so ungelitten ist.
planemaecher (25.05.2010, 18:23 Uhr)
..@ das schaf...
..jetzt bekommt der hessische Klüngel einen Namen: Volker Bouffier... wie war das mit dem neuen Chef der hessischen Bereitschaftspolizei....wo sind die Politiker mit Ecken und Kanten? Armes Deutschland!
hotte_m (25.05.2010, 18:17 Uhr)
Brutalstmögliche Freude
empfinde ich, dass er geht. Nur der mögliche Nachfolger wird uns Hessen schon zeigen dass alles noch steigerungsfähig ist.
Benkku (25.05.2010, 18:07 Uhr)
Das Spiel geht weiter.
Dann ist der Koch also dabei abzutauchen. Freiwillig? Nach meiner Meinung insgesamt gesehen als ein strategischer Schachzug des rechten Flügels gedacht. Nach außen hin läßt sich die kosmetische Aktion Koch noch halbwegs als bürgerfreundliche Säuberung des Politbüros verkaufen. Ob das allerdings zieht, ist zu bezweifeln, wählbarer werden die dadurch auch nicht mehr, denn Merkel gehorcht dem.
affenkopf (25.05.2010, 18:06 Uhr)
endlich
eine hassfigur weniger.
testsieger2006 (25.05.2010, 17:57 Uhr)
hehe!
Jetzt schreien all seine politischen Gegner, Feinde. - wieder brutalstmöglich ausgetrickst!

Schlimm ist nur, dass die Rote Angie damit ihren letzen konservativen Widersacher in der CDU los ist. Naja, die SPD hat es mit der Abspaltung der USPD (die Linke) ja vorgemacht, dass Spaltungen durchaus möglich - um was den Wahlerfolg betrifft - auch sinnvoll sind. Warten wir also ab, bis irgendein genervter CDUler eine Partei mit Namen "die Rechte" gründet.
Styx2007 (25.05.2010, 17:14 Uhr)
Tja - da wird der feine Herr wohl ....
...in der Wirtschaft seine Tausender verdienen. Mal sehen, wo er jetzt anheuert und sein Schäflein ins Trockene bringt. Diese Typen sind alle gleich und stopfen sich schön die Taschen voll - jetzt eben in der freien Wirtschaft bei einem, der von Koch wohl in der Amtszeit gut profitiert hat.
MEHR ZUM ARTIKEL
Roland Koch bestätigt Rückzug "Politik ist nicht mein Leben"

Paukenschlag in der CDU: Hessens Ministerpräsident Roland Koch zieht sich aus der Politik zurück, wie er am Mittag bestätigte. Schon kursieren erste Namen für seine Nachfolge. mehr...

Roland Koch tritt zurück Die Rede im Wortlaut

Hessens Ministerpräsident Roland Koch tritt zurück. Mit dem Ende seine Amtszeit wird er alle politischen Ämter aufgeben. Lesen Sie im Folgenden die Rede im Wortlaut. mehr...

Kritik an der Kanzlerin Koch und Seehofer machen Front gegen Merkel

Gegen die Politik der Bundesregierung wächst Widerstand aus den eigenen Reihen. Die CDU-geführten Länder wollen mit einem Nein zur Erhöhung des Bafög ein zentrales Vorhaben der Koalition kippen. CSU-Chef Horst Seehofer möchte angesichts der Finanzpolitik der Kanzlerin manchmal regelrecht "aus der Haut fahren". mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe