"Die Neger der Nation"

9. Februar 2013, 18:31 Uhr

Ostsee-Könige kommen weder in Kinderbüchern vor noch belästigen sie Journalistinnen. Soziologen erklären das alles mit der Theorie der Dominanzkultur. Eine Erleuchtung. Von Holger Witzel

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Es dauert noch: Plakat an einer Schallschutzmauer in Magdeburg©

Es gibt sehr unterschiedliche Ansichten darüber, wann die "Deutsche Einheit" vollendet sei. Hiesige Kabarettisten kalauern gern, dies sei der Fall, wenn der letzte Ostdeutsche aus dem Grundbuch verschwunden sei - also ungefähr jetzt. Der Brandenburger Ministerpräsident Matthias Platzeck möchte dagegen erst von einer gewissen Normalität sprechen, "wenn ein Sachse in Hamburg Sparkassendirektor wird". Also nie. Selbst optimistische Musterschüler wie Joachim Gauck schätzen, dass Ostdeutsche - also alle außer ihm - noch etwa 20 Jahre brauchen, "um vom Status der Abhängigkeit und Unterdrückung in den eines freien Menschen zu gelangen".

Wann das bei Westdeutschen so weit ist, nicht nur bei ihren unterjochten Frauen, fragt leider niemand. Oder warum Ostdeutsche nach 22 Jahren selbst in ihren Siedlungsgebieten so selten Sparkassendirektor sind, wenigstens zum Üben? Und doch gibt es für diese Phänomene eine überraschend plausible Erklärung, von der ich erstmals bei einem Vortrag mit Frau Prof. Dr. Ingrid Miethe von der Universität Gießen hörte. Sie sprach über "Ostdeutsch-Sein im erweiterten Westdeutschland" und die sogenannte Dominanzkultur. Und wenn Stammleser jetzt staunen, dass ich mich ausgerechnet in diesem Zusammenhang auf eine Erziehungswissenschaftlerin aus Hessen berufe, ist das vermutlich auch schon die Froschperspektive der Dominierten.

Frauen, Afroamerikaner und Ostdeutsche

Ingrid Miethe konnte überhaupt erst nach 1990 studieren, weil sie den Lebenslaufverwaltern der DDR zu aufsässig war. Heute ist sie als ostdeutsche Professorin an einer Universität im sexistischen Westen wieder eine Ausnahme. Von den westdeutsch besetzten Lehrstühlen an ostdeutschen Unis gar nicht zu reden - auch in der Klarheit, mit der sie über ihre Erfahrungen sagt: "Wir müssen immer dreimal besser sein."

Ohne mit der Wimper zu zucken nennt sie die westdeutsche Gesellschaft eine typische Dominanzkultur. Ursprünglich erklärten Soziologen damit, warum Frauen im Westen oder Afroamerikaner in den USA trotz Bürgerrechten viel zu lange viel zu wenig zu sagen hatten. Es ist gewissermaßen ein Modell für neue Ausgrenzung durch Umarmung und geht grob zusammen gefasst so: Die dominante Mehrheit einer Gesellschaft will ihre Privilegien behalten, die Unterprivilegierten wollen daran teilhaben. Anders als in offenen Diktaturen reden sich gleichzeitig alle ein, sie wären eigentlich alle gleich oder hätten zumindest die gleichen Voraussetzungen - und verfestigen dadurch nur die herrschende Ungleichheit. So habe ich es zumindest verstanden.

Ich, der "Zonenlümmel"

Besonders perfide sind die Wechselwirkungen und Mechanismen, mit denen die Mehrheit den anderen ihre Identität abspricht. Ungleichheit wird geleugnet, letztlich auch von den Dominierten, die ihre Identität – wie gewünscht – abzulegen versuchen, sich mit den Dominanten identifizieren, ja diese sogar imitieren, um scheinbar dazu gehören zu dürfen. So werden politische, soziale und ökonomische Hierarchien zementiert. Alte Machtverhältnisse reproduzieren sich durch Anpassung – und wenn jemand ein Problem damit hat, ist das allein sein Problem. Dann ist er ein ewig Gestriger und selbst schuld, wenn er "nicht im Westen ankommt." Jede Abweichung wird individualisiert, umgekehrt, notfalls neu konstruiert: Wer nicht hüpft ist Kommunist. Der Böse, das Exotische, die belästigte Leberwurst.

Es war, als nähme mir Ingrid Miethe eine Augenbinde ab, und seitdem beherzige ich ihre Ratschläge unter anderem an dieser Stelle: Zum Beispiel sollten die Dominierten die eigene Identität offensiver positiv besetzen, ohne in Trotz-Reaktionen zu verfallen. Meine Rede: Schnauze Wessi! Wer sich jedoch auf diese Weise "explizit exponiert und damit die Selbstverständlichkeit der Dominanzkultur stört", warnt die Professorin, müsse auch riskante Zuschreibungen in Kauf nehmen. Na und?! Ich lache über Leserbriefe, die mich "Zonenlümmel" schimpfen. Es könne sogar, so Frau Miethe, "karrierestrategisch nicht klug" sein, "sich zu einer marginalisierten Gruppe zu bekennen" – aber hey: "Schnauze Wessi" hat – vom West-Verlag als Geschenkbuch getarnt – inzwischen vier Auflagen.

Sklavenlöhne als Standortvorteil

Vermutlich sind das nur jene "osthomogenen Gruppen", zu denen die Professorin rät, bevor man sich – "nicht zu schnell!" – in die "gesamtdeutsche Auseinandersetzung" stürzt. Das allerdings sehe ich anders: Immer drauf! Denn tatsächlich sind die Parallelen zu anderen Apartheidregimes kaum zu übersehen.

Wie unter Afroamerikanern ist die Arbeitslosigkeit von Ostdeutschen doppelt so hoch. Nicht selten haben sie Jobs, für die sich die anderen zu fein sind. Fast immer für weniger Lohn. Wie im Dreieckshandel der frühen Neuzeit, als das alte Europa Afrikaner nach Amerika verkaufte, preist die offizielle Wirtschaftsförderung Sachsens die Sklaven-Löhne der neuen Welt sogar noch als Standortvorteil an: "Made in Germany hat seinen Preis", wirbt deren Homepage: "Paid in Saxony fällt erstaunlich günstig aus."

Die ossifizierte Unterschichtenarmee

Was sich der verklemmte Westen über die Promiskuität Ostdeutscher zusammenfantasiert, deckt sich in etwa mit dem, was Gloria von Thurn und Taxis für die Ursache von Aids in Afrika hält: Die "schnackseln" da eben gern. Zwar erkennt man ihre Leistungen beim Sport oder in der Musik an. Sie selbst aber sprechen nach wie vor einen eigenen Slang und teilen das solidarische Gefühl, eine zweitklassige Minderheit zu sein.

Allein Nordrhein-Westfalen hat so viele Einwohner wie alle ostdeutschen Kolonien zusammen. Wie seinerzeit in Vietnam verteidigen dennoch vor allem Ostdeutsche in Afghanistan die Freiheit der anderen. Seine Formulierung von der "Unterschichtenarmee" durch "Ossifizierung" nennt der Historiker Michael Wolffsohn inzwischen zwar "unglücklich", aber immer noch eine "unbestreitbare Tatsache", solange 20 Prozent der Bundesbürger ein Drittel der Bundeswehr stellen. Und da ist noch nicht mal nach normal sterblicher Mannschaft und Offizieren unterschieden. Seit der Wehrpflicht-Aussetzung dürften diese Verhältnisse noch unausgewogener sein.

Oh Du Martina Luther King!

Wie das mit der Problemprojektion funktioniert, zeigt auch ein Zitat, das ausgerechnet mir in den Füller geschoben wird: Irgend so einem Schwätzer von der Badischen Zeitung gefiel es 2010, in einem Artikel zum 20. Jahrestag der Kolonialisierung, seine rassistischen Vorurteile mit Ost-Klischees zu einem "Neger der Nation" zu verquirlen. Unter dem Deckmantel der "Sprachkritik" tat er dabei so, als hätte der stern dieses Bild zuerst benutzt. Tatsächlich zitiert er nicht mal seine Google-Quelle richtig, in der eine gewisse Iris Hut für ihr Buch "Politische Verdrossenheit" einen meiner Artikel – allerdings mit ihren Worten – so zusammenfasst, wonach sich "Ossis" angeblich wie die "Neger der Nation" fühlen.

Selbstverständlich gehört weder das Wort "Neger" und erst recht nicht das von der "Nation" zu meinem aktiven Wortschatz. Aber bitte - auch das zählt zum typischen Verhalten der Dominierten - tun wir den blassen Westlern den Gefallen: Ja, wir sind es. Gauck ist unser Alibi-Obama, Cindy aus Marzahn eine blondierte Angela Davis, Wolfgang Thierse der Malcom X vom Prenzlauer Berg... Und Frau Professor Miethe für mich Martina Luther King. We shall overcome! Und natürlich: Keine Gewalt!

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Schnauze, Wessi!

stern-Reporter Holger Witzel, 46, liegt die deutsch-deutsche Völkerverständigung am Herzen. Der jüngste Sammelband seiner Kolumnen heißt "Heul doch, Wessi"

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