28. August 2010, 09:12 Uhr

"Eine kalte Wut nach innen"

Der Protest hat bekannte Gesichter. stern.de sprach mit Schauspieler Walter Sittler ("Nikola"), warum er gegen Stuttgart 21 demonstriert. Und was es mit seinem Gelöbnis auf sich hat.

© Sascha Schuermann/DDP Walter Sittler Der in Chicago geborene Schauspieler startete seine Laufbahn am Theater, entdeckte aber schon früh das Fernsehen für sich. Einem breiten Publikum wurde er durch die Fernsehserie "Nikola" bekannt. Sittler lebt seit vielen Jahren mit seiner Familie in Stuttgart. Seit dem vergangenen Jahr engagiert sich Sittler aktiv gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21. Meist demonstriert er in der ersten Reihe.

Herr Sittler, auf einem youtube-Video sind Sie bei einer Art Gelöbnis zu hören. Was hat es damit auf sich?

Das ist einfach ein kleiner Bestandteil unseres Widerstands und nur im Zusammenhang mit dem Gelöbnis der Bundeswehr in Stuttgart zu sehen. Wir wollen möglichst kreativ sein, probieren immer neue Dinge aus. Nur so können wir den Protest lebendig halten.

Aber Sie müssen zugeben, dass das Ganze schon seltsam anmutet - fast wie in einer Sekte.

Ach Quatsch. Beim Gelöbnis hören Sie kein böses Wort. Alles Mögliche kann von Seiten der Gegner groß aufgebauscht werden. Für mich ist das nichts Neues: Auf einmal wird alles total verquer dargestellt. Da tragen auch die Medien eine Mitschuld.

Was meinen Sie damit?

Unser Protest gegen Stuttgart 21 wird kriminalisiert. Jetzt halten sie schon das Rathaus geschlossen, weil sie angeblich befürchten, dass es gestürmt wird. Das ist pure Angstmache.

Angeblich wurden aber Demonstranten auch schon gewalttätig.

Wenn zehntausende Menschen demonstrieren, dann kann ich mich natürlich nicht für jeden Einzelnen verbürgen. Aber wir sind keine Extremisten. Da demonstrieren verletzliche Bürger, die nur wollen, dass die Politik sich hinsetzt. Und die hat nichts Besseres zu tun, als junge Polizisten mit Schlagstöcken zu schicken. Und gewalttätig ist man schon, wenn man etwas anderes macht, als auf der Straße zu stehen.

Einige Beobachter sagen, ihr Protest kommt einfach zu spät. Stuttgart 21 sei hinreichend demokratisch legitimiert.

Das Argument der Unumkehrbarkeit halte ich für Blödsinn. Schließlich wird auch gerade der Atomausstieg rückgängig gemacht. Wenn so viel Geld im Spiel ist, so ein Blödsinn geschieht, dann haben wir einfach die Pflicht, aufzustehen und den Politikern Druck zu machen. Wahlen sind kein Freifahrtsschein.

Aber jetzt hat der Abriss begonnen.

Das ist eine einfache Machtdemonstration. Das muss jetzt auch noch nicht sein. Die wollen, dass wir endlich nach Hause gehen. Aber wir bleiben ungeordnet und aufrecht da. Ich glaube, dass der zivile Ungehorsam täglich größer wird. Bei uns Stuttgartern führt das Verhalten der Oberen zu einer kalten Wut nach innen, zu einem jetzt erst recht. Wir haben so lange eine Chance, wie wir kämpfen. Natürlich unerbittlich friedlich.

Wann geben Sie auf?

Aufgeben kommt für uns alle nicht in Frage. Wir haben uns verpflichtet, unsere Stadt vor einem Blödsinn zu bewahren. Auch wenn es momentan nicht danach aussieht, alle unsere Gesprächsangebote rüde zugewiesen wurden: Wir hoffen immer noch, dass die Politiker irgendwann mit uns reden. Ich denke da speziell an Ministerpräsident Mappus. Der will schließlich nächstes Jahr wiedergewählt werden. Das Beste wäre, sofort einen Baustopp durchzusetzen.

Hoffen Sie, dass sich noch mehr Prominente beteiligen?

Das wäre natürlich sehr sinnvoll. Aber ich will, dass meine Kollegen und andere freiwillig kommen. Ich will niemanden zu etwas drängen.

Wann müssen Sie denn wieder arbeiten, Herr Sittler?

Irgendwann muss ich natürlich wieder meinem Beruf nachgehen. Aber auch dann werde ich nicht locker lassen. Wir werden es schaffen, Stuttgart 21 zu verhindern.

Und wenn nicht?

Dann wäre ich einfach nur enttäuscht. Aber soweit wird es nicht kommen. Der Protest geht auf`s Land über, die Regierenden haben langsam Angst.

Interview: Sebastian Kemnitzer
 
 
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