Als kleiner Junge wäre er fürs Leben gern Feuerwehrmann geworden. Diesen Status hat er jetzt - in der Politik. Thomas de Maizière wird gleich für drei Ressorts gehandelt. Wer ist der Mann? Von Hans Peter Schütz

Mann für alle Fälle: Kanzleramtschef Thomas de Maizière, CDU© Philipp Guelland/DDP
Wer über die künftige Kabinettsliste spekuliert und einen Namen braucht, kommt schnell auf Thomas de Maizière. Geht das Finanzministerium an die CDU und Roland Koch will nicht? Her mit de Maizière. Möchte die Kanzlerin einen anderen Innenminister? De Maizière soll's machen. War doch sehr gut als Kanzleramtsminister? Okay, dann möge er dort bleiben! Fehlt nur noch, dass er als neuer Verkehrsminister gehandelt wird, weil man irgendwo im neuen Kabinett Merkel auch einen Ossi braucht. De Maizière ist wenigstens ein halber. Ein Wossi. Geboren in Bonn, politisch ausgewachsen nach der Wiedervereinigung in den neuen Ländern.
Der Mann mit den silbernen Strähnen im strubbeligen Haar ist im derzeitigen Kuhhandelgeschäft zwischen FDP und Union eine Idealbesetzung. Einerseits ist für den 55-Jährigen Loyalität eine extrem wichtige Tugend, aber Ja-Sagerei lehnt er ab, selbst der Kanzlerin gegenüber. Er streitet gerne, kommt aber ein Kompromiss endlich zustande, steht er eisern dazu. Werden die eigenen Ideen dabei von anderen verkauft, zuckt er mit den Schultern: "Der größte Erfolg kann manchmal sein, etwas verhindert zu haben."
Noch etwas macht ihn in diesen Tagen zum idealen Wegbegleiter der Kanzlerin. Er besitzt enormes Durchhaltevermögen, hält aber "höflichen Umgang miteinander für ganz entscheidend in der Politik". Das hilft ihm sehr im Clinch mit den Liberalen, deren Fan er gewiss nicht ist. Schließlich stehen die Liberalen seit jeher unter dem Generalverdacht, nicht Politik für die Menschen im Land machen, sondern nur für ihre eigene Klientel. Das Motiv seiner eigenen politischen Arbeit ist umfänglicher angelegt. Die Politik einer Partei müsse so orientiert sein, dass sie für eine Mehrheit der Bevölkerung gut ist. Er wolle den Menschen im Land die Angst vor Freiheit nehmen, beschreibt er seine Liberalität. "Man muss den Mut haben, auf Regeln zu verzichten."
Von ihm stammt der Satz in Merkels erster Regierungserklärung "Wir wollen mehr Freiheit wagen". Das war vielen in der CDU/CSU viel zu nahe an Willy Brandts Botschaft "Wir wollen mehr Demokratie wagen" gewesen. Vor allem die Christsozialen schäumten, zumal denen nicht verborgen blieb, dass de Maizière ihren Edmund Stoiber einmal "den am meisten überschätzten Mann der deutschen Politik" genannt hatte.
Sich selbst nennt de Maizière einen klassischen Wertkonservativen. Aber dieser politische Kompass macht ihn nicht blind, was in dieser Kategorie der politischen Selbsteinschätzung so oft der Fall ist. Er operiert am liebsten mit Argumenten. "Ein maßgeschneiderter Brückenbauer zwischen Parteien", nennen ihn sein Freunde. Sein einstiger Förderer Kurt Biedenkopf machte einen Freudensprung, als er vor vier Jahren von der Berufung de Maizières ins Kanzleramt hörte - obwohl er ihn am liebsten zu seinem Nachfolger auf dem Stuhl des sächsischen Ministerpräsidenten gemacht hätte. Biedenkopfs Lob auf de Maizière: "Sitzt er am Tisch eines Kabinetts, sitzt dort die Wirklichkeit." Weil der eines ganz besonders hasse: Nix genaues weiß man nicht.
Dass er einmal gesagt hat, in den politischen Amtsstuben werde zu viel "gequatscht", nahmen ihm viele übel. Er liest schneller als andere, er denkt schneller als andere und er zeigt weniger Gefühle als andere. Aber: der frühere sächsische Regierungssprecher Michael Sagurna hat ihn einmal mit dem Satz beschrieben, de Maizière sei einer, bei dem der Beifahrer im Auto ruhig schlafen könne. Der Mann reagiere und funktioniere immer richtig. Kein Wunder, dass der Vorwurf der Arroganz ihn daher auf seinem Weg durch die Amtstuben der Politik stets begleitet hat.