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17. Januar 2011, 07:12 Uhr

Lateiner Lafontaine und der Kommunismus

Die Wirtschaft boomt, weshalb hat der Kommunismus dennoch Konjunktur? Anne Will stellte am Sonntag die Systemfrage - auch an den Linken-Paten Oskar Lafontaine. Der überrollte die ARD-Talkerin zum Dank mit einer überraschenden Interpretation des K-Worts. Von Florian Güßgen

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Kommunismus trotz florierender Konjunktur? ARD-Talkerin Anne Will hatte auch den Linkspartei-Paten Oskar Lafontaine sowie Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) zu Gast© DPA

An der Kommunismusdebatte sind mehrere Sachen erstaunlich. Etwa dass Linkspartei-Chefin Gesine Lötzsch Anfang Januar - wohl mehr aus Versehen denn aus Kalkül - sie überhaupt losgetreten hat. Oder dass es für die Rückwendung zum Kommunismus zwar sicher keine Mehrheit gibt, nicht mal in der Linkspartei, dass aber gleichzeitig in der Debatte eine Strömung erkennbar ist, die Lötzschs Ausrutscher mit einem erbosten "Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen" verteidigt. Irgendeinen Nerv hat Lötzsch schon getroffen, ein Gefühl des Zukurzkommens, der Ungerechtigkeiten. Es gäbe also einiges zu beleuchten und zu sortieren, insbesondere für die Cheftalker der öffentlich-rechtlichen Sender. Gerade deshalb ist mindestens ebenso erstaunlich, dass es den vermeintlich wichtigsten Talkshows von ARD und ZDF nicht gelungen ist, diese Debatte auf den Punkt zu bringen.

Nachdem am Donnerstagabend bereits ZDF-Talkerin Maybrit Illner am Kommunismus gescheitert war, legte ARD-Kollegin Anne Will am Sonntag nach, mit einer diffusen Fragestellung, einem entsprechend unentschiedenen Gäste-Casting und einem folgerichtig bizarren Gesprächsverlauf. "Wirtschaftsboom und Jobwunder - wer träumt da noch vom Kommunismus?", hatte Will ihre Sendung überschrieben. Die Redaktion hatte so wohl gehofft, der schon etwas abgestandenen Debatte über einen Lötzsch-Beitrag in der Tageszeitung "Junge Welt" durch die Verknüpfung mit aktuellen - sehr guten - Konjunkturzahlen etwas mehr Aktualität und Spannung zu verleihen. "Die Wege zum Kommunismus können wir nur finden, wenn wir uns auf den Weg machen und sie ausprobieren, ob in der Opposition oder in der Regierung", hatte Lötzsch geschrieben.

Von Stalin zum deutschen Export

Will stellte also nicht nur die Systemfrage - was kann der Kommunismus, was der Kapitalismus nicht kann? - sondern spannte den Bogen noch weiter, gleichsam von Stalin zu den aktuellen Exportdaten der deutschen Unternehmen. Entsprechend grob waren die Gäste vorsortiert: Linkspartei-Pate Oskar Lafontaine war da, Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP), der zum Konservatismus konvertierte "Spiegel"-Mann Jan Fleischhauer sowie die mutmaßlich nur Feinschmecker-Kreisen bekannte Filmregisseurin Aelrun Goette.

Der Anfang war zwar absurd, aber nicht einmal schlecht. Denn Lafontaine, der Ex-Linkspartei-Chef, verkürzte den Kommunismusbegriff demonstrativ auf einen Nenner: das Gemeinschaftseigentum. Lötzsch habe nichts falsch gemacht, lautete seine Botschaft. Es sei ihr immer nur um den demokratischen Sozialismus gegangen. Jenseits dessen gehe es ihm, Lafontaine, jedoch vor allem darum, die Bedeutung der (lateinischen) Wortwurzel "communis" hervorzuheben. Die lasse sich mit Gemeinschaftseigentum übersetzen - und darum gehe es doch bei der Lösung der wichtigen politischen Probleme. Die Banken müssten ebenso verstaatlicht werden wie die Energieversorger. Immer wieder hob Lafontaine auf das Gemeinschaftseigentum ab, zog seine haarsträubend geschichtsvergessene Verkürzung des Kommunismus-Begriffs durch - und weigerte sich dabei beharrlich, Wills Kernfrage zu beantworten: Hat Lötzsch einen Fehler gemacht? Mit keinem einzigen Wort kritisierte Lafontaine, der sich schon vor mehr als einer Woche im stern.de-Interview deutlicher als an diesem Abend vom Kommunismus distanziert hatte,, seine Nachfolgerin. Dieser Anfang war nicht schlecht, denn er war entlarvend.

Will wollte die Welt vermessen

Es hätte sich gelohnt, Lafontaine an dieser Stelle zu packen, über sein Geschichtsverständnis zu sprechen, über die historischen Gräueltaten, die er herunterspielte, über das Gedankengut der Linkspartei. Jan Fleischhauer versuchte das, kam aber nicht durch, die anderen Diskutanten allen voran der nette Wirtschaftsminister Brüderle, waren argumentativ zu schwach. Und Will selbst blieb keine Zeit. Denn sie hatte sich offenbar vorgenommen, in den 60 Minuten dieser Sendung die Welt zu vermessen - und unter anderem folgende Fragen zu beantworten: Sind Linke im Allgemeinen und in Berlin-Kreuzberg im Besonderen intolerant? Reagieren sie, wenn kritisiert, mit Gewalt? Wie erlebte Regisseurin Goette als Ostdeutsche den Kapitalismus in der Bundesrepublik nach der Wende? Was gibt es für Alternativen? Warum tut sich die soziale Schere in Deutschland immer weiter auf, obgleich die Wirtschaft 2010 doch im Rekordtempo gewachsen ist? "Ist das der Preis, den wir für den Aufschwung zahlen?" Und: Welche Konjunkturdaten wird Brüderle wohl kommende Woche im Kabinett präsentieren?

Nach spannenden ersten Minuten versank die Sendung so im Nirwana, verkam zu einer erkenntnisfreien Aneinanderreihung von Plattitüden. Einen peinlichen Höhepunkt erlebte die Sendung auch noch, als der Armutsforscher Christoph Butterwegge sich nicht zu schade war, Brüderle vorzuwerfen, dessen Verständnis von Wirtschaftspolitik erinnere ihn an Hitlers ersten Wirtschaftsminister Alfred Hugenberg. Brüderle hatte gesagt, er halte es für die größte soziale Tat, wenn ein Staat Arbeitsplätze schaffe.

"Es gibt Grenzen des Nachdenkens"

Diese zerfaserte Will-Sendung ist umso bedauerlicher, als dass die Kommunismusdebatte als solche ja nicht einfach abzutun ist. Das Liebäugeln einiger weniger mit einem radikalen Systemwechsel hat in der Debatte ein offenbar von vielen Bürgern zutiefst empfundenes Gefühl von Ungerechtigkeit, von falscher Verteilung von Wohlstand zum Ausdruck gebracht. Was sind die Wurzeln dieser Wahrnehmung - und wie kann Politik damit umgehen? Das ist die interessante Kernfrage. Warum eine Rückkehr zum Kommunismus dabei eine ungemein problematische Antwort ist, hätte auch "Anne Will" schneller und direkter beantworten können. Wie einfach eine treffende Einordnung der Debatte hätte sein können, zeigte gegen Ende Jan Fleichschhauer. Wenn man über Alternativen zum gegenwärtigen System nachdenke, etwa über eine kommunistische, gebe es Grenzen des Nachdenkens, sagte der "Spiegel"-Mann. Demokratisch verfasste Gesellschaften dürften schlicht nicht durch totalitäre Systeme ersetzt werden. So ein Gedankengut müsse geächtet werden. Diese Grenze habe Lötzsch überschritten, das Tabu gebrochen, argumentierte er.

Aber bevor die Runde über diese Grenzen hätte diskutieren können, war Will schon wieder bei der Konjunktur.

Von Florian Güßgen
 
 
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