. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
1. November 2006, 08:56 Uhr

TV ersetzt die reale Welt

Dick, dumm, gewalttätig. Die Vorurteile zur Auswirkung von übermäßigem TV-Konsum gewinnen im Zusammenhang mit der Unterschichten-Debatte an Brisanz. Je geringer das Einkommen, desto mehr ersetzt das TV die reale Welt.

Harald Schmidt sprach vor über einem Jahr zum ersten Mal vom Unterschichtenfernsehen© Jörg Carstensen/DPA

Die SPD streitet erst in diesen Wochen über die "Unterschicht", doch Harald Schmidt hat schon vor mehr als einem Jahr das "Unterschichtenfernsehen" entdeckt. Der Seitenhieb des damals neuen öffentlich-rechtlichen Stars gegen seinen früheren Arbeitgeber Sat.1 und die anderen Privatsender war ein medialer Vorläufer der Diskussion über die "neue Armut" dieser Tage.

"Wir wissen alle, dass Fernsehen dick, dumm, traurig und gewalttätig macht", holte jüngst Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen zum Rundumschlag aus - im Fernsehen. In der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner" warnte die Christdemokratin während einer Debatte über das Thema Armut energisch vor den Folgen des exzessiven Fernsehkonsums.

Hartz IV-Empfänger, der sich bei Tiefkühlpizza und Bier durch TV zappt

Ob Gerichtsshow oder Nachmittagstalk, Wetten-TV, Telenovela oder Boxen - immer wieder bringen Politiker und Wissenschaftler Fernsehkonsum und soziale Frage in Verbindung. Zum Buhmann wird dann ein nachmittags vor der "Glotze" sitzender Hartz-IV-Empfänger, der sich bei Bier und Tiefkühlpizza durch die TV-Welt zappt.

Eine neue "Massenkultur" habe durch das kommerzielle Fernsehen einen Schub bekommen, diagnostizierte der Historiker Paul Nolte ("Generation Reform") in der "Zeit". Zwischen RTL II und Dieter Bohlen entstehe eine neue Welt als "mediale Inszenierung des Lebens". Während Arbeit zunehmend an Bedeutung verliere, werde Freizeit immer wichtiger - und damit auch das Fernsehen. Zwar könne eine Minderheit problemlos zwischen "Trash-TV" und Arte, Aldi und Edel-Italiener wechseln. Für die meisten sei aber die neue Massenkultur zur Klassenkultur geworden.

Nach einer Studie der ProSiebenSat.1-Vermarktungsfirma SevenOneMedia haben Bildungsniveau, Einkommen und berufliche Stellung der Zuschauer allerdings keinen Einfluss auf die Entscheidung für Privat oder Öffentlich-Rechtlich, für Richterin Barbara Salesch oder Kultur-Talker Gero von Boehm. Auch der Anteil arbeitsloser Zuschauer sei bei Öffentlich-Rechtlichen (10,3 Prozent) und Privaten (10,8) nahezu identisch.

© Illustration: Philipp Möller

Selbst bei Top-Verdienern und Bessergebildeten schneiden RTL, Vox und die anderen Privatsender laut Studie zum Teil besser ab als ARD und ZDF. So erreichen die Privaten bei "Top-Verdienern" - Menschen mit mehr als 2500 Euro Haushalts-Nettoeinkommen - einen Marktanteil von 49,4 Prozent, während ARD und ZDF 45,5 Prozent erreichen.

Je höher das Einkommen, desto weniger TV-Konsum

Dagegen kommt eine Studie der ARD-Werbung zum Schluss, dass im größten und kaufkräftigsten Segment der Bevölkerung, den so genannten Leitmilieus, das Erste zu den bevorzugten TV-Programmen zählt. Diese "Selektivseher" seien durch Werbung nur sehr viel schwerer zu erreichen, weil sie weit weniger vor dem Bildschirm sitzen. In Haushalten mit einem Monatseinkommen von 4000 Euro und mehr sitzen die Menschen laut GfK-Marktforschung am wenigsten vor dem Fernseher: zwei Stunden und 20 Minuten pro Tag. Dagegen läuft bei Erwachsenen mit bis 1000 Euro Haushaltseinkommen der Fernseher im Schnitt fünf Stunden und 16 Minuten.

Der Potsdamer Fernsehwissenschaftler Lothar Mikos verfolgt die Debatte über das "Unterschichtenfernsehen" mit gemischten Gefühlen. Schmidts "unsäglicher" Begriff beschreibe "kein bestimmtes Programm, sondern eine kulturelle Haltung". Es gehe um "einen Lebensstil", sagt der Professor an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) Konrad Wolf. Die so genannte Unterschicht grenze sich mental selbst aus, indem sie gesellschaftlich erwünschte Haltungen wie Flexibilität, Mobilität, Wissenshunger oder Multimedia-Begeisterung nicht annehme.

Esteban Engel/DPA
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Unterschichten-Debatte Berlin ringt mit neuer sozialen Frage

Unterschicht. Prekariat. Soziale Frage. Viele Begriffe für ein Phänomen: In Deutschland entkoppelt sich eine große Gruppe von der "Mehrheitsgesellschaft." Die SPD ringt um Worte. Für die Genossen kann das Thema Chancen bieten - oder zum Bumerang werden. mehr...

Fernsehkonsum bei Kindern Mehr als zwei Stunden sind schädlich

Mehr als zwei Stunden Fernsehen am Tag kann für Kinder gravierende Spätfolgen haben: Übergewicht, Nikotinsucht und Herz-Kreislauferkrankungen drohen. mehr...

Neue Armut Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

Deutschland ist gespalten. Doch oben oder unten ist nicht nur eine Geldfrage. Bildungsarmut ist das größte Problem der neuen Unterschicht. Mehr Geld bringt keinen sozialen Fortschritt. Bildung schon. mehr...

 
stern testen, Serie sichern

Jetzt den stern inklusive der aktuellen Gesundheits-Serie testen! Jetzt sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (7/2012)
Unser täglich Fleisch