Die Tischmanieren der DDR-Elite

9. August 2012, 14:13 Uhr

Man sprach mit vollem Mund und schenkte dem Personal kaum einen Blick. Der langjährige Butler von DDR-Spitzenfunktionär Erich Honecker enthüllt, wie sich die Elite immer tiefer in ihrer Welt vergrub.

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Sekt für den ersten Deutschen im All: Kosmonaut Sigmund Jähn lässt sich von Lothar Herzog (M) 1978 bei einem Empfang in Berlin ein Gläschen servieren.©

Erich Honecker trank Büchsenbier aus dem Westen und ließ sich am liebsten Buletten und Kassler auftischen. Der DDR-Spitzenfunktionär kippte auch jeden Morgen den Saft einer Zitrone hinunter. "Um sich vor Grippe zu schützen", schreibt sein damaliger Butler Lothar Herzog in seinem Erinnerungsbuch "Honecker privat", das jetzt - knapp 23 Jahre nach dem Mauerfall - in den Buchhandel kommt.

Der heute 68-Jährige war zwölf Jahre lang persönlicher Kellner und einer der Stasi-Personenschützer von Honecker. Der Mächtige, den er auf Reisen in rund 30 Länder begleitete, habe nie ein persönliches Wort mit ihm gewechselt. "Ich war eine Art sozialistisches Mainzelmännchen", schreibt Herzog.

Es sind Innenansichten eines Systems, dessen Spitze sich ungeniert am "Volkseigentum" bediente. Wohl eher unfreiwillig wird deutlich, wie abgehoben die Funktionärselite lebte, und dass sie ihr Volk nur aus der Perspektive abgeschotteter Orte und getönter Autoscheiben wahrnahm.

Essen auf "Wartburg"-Rädern

Auch im Urlaub deckte Herzog für die Honeckers den Tisch. Für dessen Frau, Volksbildungsministerin Margot, mussten immer HB-Zigaretten da sein. Eine weiche Seite suchte der Butler an seinem Arbeitgeber vergeblich."EH zeigte nie Gefühle." Erst mit Enkel Roberto sei der menschlich einsame Honecker milder geworden.

Es ist keine selbstkritische Bilanz des Kellners, der es bis zum Stasi-Hauptmann brachte. Er habe seinen Auftrag erfüllt, den Genossen die Wünsche von den Augen abzulesen - trotz deren Anflügen von Gutsherrenmentalität. "Es war halt so", schreibt der Rentner. Den Mauerfall erwähnt er in seinem Buch nicht. In Wandlitz, dem Wohnsitz des obersten SED-Führungszirkels, hielt sich Herzog mehr als 20 Jahre auf.

Die DDR-Führung ließ sich in ihren hermetisch abgeriegelten Jagd- und Ferienhäusern rundum bedienen. Nach Speisekarten bestellten die Funktionärsfamilien dort ihr Essen zum Wochenende. Gekocht und geliefert wurde für jedes Haus extra - zuerst mit einem Dienst-Wartburg. Als es Beschwerden über dessen Lautstärke gab, sei ein VW-Transporter angeschafft worden, erinnert sich Herzog. In den 70er Jahren vergrößerte sich die Schar der Lieferfahrzeuge: "Ein Auto wartete nur, um Honecker-Wünsche zu erfüllen."

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