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24. Dezember 2006, 09:15 Uhr

Kurs auf den Nordpol

Wo ist der Eisbär? Geduld. Auf der Expedition mit dem alten Postdampfer nach Spitzbergen kommen erst die Fjorde, die Gletscher und die Robben. Aber dann steht er plötzlich da, der weiße Riese ... Von Elfriede Roth

Die "Nordstjernen" ankert im Magdalenefjord, die Passagiere bereiten sich auf den Landgang vor© Harald Schmitt

Hochsommer auf Spitzbergen, 24 Stunden lang Sonne am Stück - theoretisch. Praktisch hängen die Wolken tief über dem kleinen Flughafen von Longyearbyen. Draußen ist es düster, grau und schmuddelig. Trotz des Wetters ist die aus Oslo kommende "Braathens"-Boeing 737 bis auf den letzten Platz gefüllt. Überwiegend mit Trekking- und Expeditionstouristen, leicht zu erkennen an der wetterfesten Einheitskleidung mit Fuchs- und Wolfsemblem. "Wissen Sie, warum Sie hierher wollten?", fragt die schlanke Blonde in der Ankunftshalle ihre Nachbarn am Gepäckband und gibt die Antwort gleich für sich selbst. "Ich eigentlich nicht. Nur, dass ich schon als Kind Eisbären sehen wollte."

Einer steht schon bereit auf dem Airport. Er, der weiße Riese der Arktis. Zwar nur ausgestopft, aber täuschend echt. Ihn einmal in seinem kalten Lebensraum zu sehen, reicht schon als Grund, auf die größte Insel des Svalbard-Archipels im Eismeer zu fliegen. Die ist nur noch rund 1000 Kilometer vom Nordpol entfernt.

Von seinem Gedenkstein blickt John Longyear über den kleinen Ort, der nach ihm benannt ist. 1906 gründete der Amerikaner aus Boston hier die erste Kohlegrube. Nicht gerade idyllisch, dieses Longyearbyen. Eine Ansammlung von Holzhäusern, die sich an der Straße reihen. Statt Autos parken Schneemobile vor den Türen, ohne Schnee wie Schiffe auf dem Trockenen. Rund 1800 Menschen leben hier, darunter viele junge Ausländer, die an der nördlichsten Universität der Welt arktische Biologie oder Geophysik studieren.

Elch oder Rentier?

"Ein Elch! Ich glaub's nicht!", Elke, die Blonde vom Flughafen, reißt im Bus den Fotoapparat ans Auge. Der Geweihträger trottet gemütlich über den Parkplatz zum Supermarkt. "Das ist ein Ren", korrigiert Lehrerin Gretel aus Stuttgart. Ein typisches Spitzbergen-Exemplar, gedrungener und kurzbeiniger als seine Verwandten auf dem Festland. Wenn schon, Elkes Begeisterung schmälert das nicht.

Es gibt genug zu staunen in dieser kargen, rauen Welt zwischen dem 74. und 81. nördlichen Breitengrad. Mit den Guides Thomas und Kyrre geht es ins Endalen, die Landschaft rund um Longyearbyen. Klein, aber perfekt sind die Pflanzen, die zwischen Geröll und Flechten blühen, und sie haben witzige Namen: Stengelloses Leimkraut, Svalbard-Mohn, Arktisches Hornkraut, Scheuchzers Wollgras, Rasen-Steinbrech oder Alpensäuerling. Nur, wer mit gesenktem Kopf wandert, entdeckt die winzigen Juwele.

"Schaut Euch das an." Thomas ist entsetzt. Seit drei Jahren arbeitet er als Guide auf Spitzbergen, nachdem er seinen Heimatort bei Magdeburg gen Norden verlassen hat. Er liebt die Insel. Thomas hält einen gut 50 Zentimeter langen Zweig hoch: abgebrochen. Das kleine Teil musste rund 50 Jahre wachsen, bevor es zertrampelt wurde, lernen wir. Es gehörte zu einer Polarbirke, die kriechen hier auf dem Boden lang und ragen höchstens fünf Zentimeter in die Höhe. Ein Vogel fliegt auf, zwitschert. Es ist die Schneeammer, der einzige Singvogel von Svalbard.

Die Huskys haben den Eisbär auf Distanz gehalten

80 Huskys, eine Frau, drei Kinder. So sieht es bei Karl aus, dem Hundeführer. Heute raucht mal wieder die Hütte, denn der 58-Jährige und seine Frau Berit brutzeln für die Touristengruppe aus Deutschland Rentier- und Walfleisch in einer hängenden Riesenpfanne über offenem Feuer. Dazu servieren sie einen Diavortrag über ihre Schlittenabenteuer. Einer ist auf den Fotos besonders gut getroffen: der Eisbär. Aber Karls Huskys, die Blauäugigen aus Sibirien und die Braunäugigen aus Alaska, haben den Großen Weißen auf Distanz gehalten, erzählt Karl. Nur im Fall von Notwehr hätte er auf den gesetzlich geschützten Eisbären schießen dürfen. Immerhin zwei bis drei trifft es hier pro Jahr.

Vor Karls Hütte weht ein scharfer Wind, der aus acht Grad plus gefühlte null macht - höchstens. Immer noch zu warm für die Huskys, die sich nach dickem Schneegestöber sehnen. "Let's take care of nature", gibt uns Naturfreak Karl zum Abschied mit auf den Weg. Für sein Engagement wurde er von der Umweltstiftung WWF ausgezeichnet. Es ist bald Mitternacht, draußen scheint die Sonne. Franz, ein echter Wiener, ist mit seinem monströsen Teleobjektiv noch immer auf Motivsuche. "Was brauch i um Mitternacht a Sonn!", hat einer seiner Freunde Franzens Nordlandpläne kommentiert. Keine Ahnung, dieser Mensch, was er verpasst.

Auf seine 80 Huskys, die braunäugigen aus Alaska und die blauäugigen aus Sibirien, kann sich Hundeführer Karl verlassen. Selbst vor Eisbären haben sie keine Angst© Harald Schmitt

Nach drei Tagen Sightseeing in Longyearbyen ist es endlich so weit. Die "Nordstjernen", unser Schiff, mit dem wir noch weiter gen Norden wollen, hat im Hafen festgemacht. Das vielsprachige Touristenvolk aus Italien und Frankreich, Norwegen und Schweden, Holland und Deutschland darf an Bord.

87 sind wir. Maximal könnte der alte Hurtigrutendampfer, der vor 50 Jahren in Hamburg gebaut wurde und bis 1996 regelmäßig auf der traditionellen Postschiffroute fuhr, 120 Passagiere aufnehmen. Die ersten von uns haben ihr Gepäck verstaut und kommen wieder an Deck, manche mit langen Gesichtern. Die Kabinen sind klein und eng. Doch das ist schnell vergessen, zu beeindruckend ist das, was draußen vorbeizieht. Bald legt die "Nordstjernen" am Gr¿nfjord in Barentsburg an. Eine russische Siedlung für Kohleabbau auf dem von Norwegen verwalteten Archipel. Leer stehende, teils verfallende Häuser. Aus der Heimat kommt kein Geld mehr. So halten hier zurzeit nur mehr 300 Russen aus. Vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren es fünfmal so viele. Gespenstisch.

Die Sedow kreuzt aus dem Nebel auf

Wieder an Bord. Aus dem Nebel kreuzt ein besseres Russland auf. Majestätisch, mit vier Masten. Es ist die "Sedow", das größte traditionelle Segelschiff der Welt. Mit 15 Knoten (knapp 30 Stundenkilometern) schaukelt uns die "Nordstjernen" durch die Wellen und schließlich in den Schlaf.

Am Morgen hält sich kaum einer lange beim Frühstück auf. "Dat kann man ja nich vorbeiziehn lassen", sagt Udo und filmt die ersten grün-blauen Gletscher zwischen grün bemoosten zackigen Bergen im Magdalenefjord. Kein Wunder, dass Entdecker Willem Barents der Name "Spitzbergen" eingefallen sein soll, als er 1596 diese Kulisse erblickte. Udo aus Moers ist mit seiner Frau Anne schon fünf Wochen im Wohnmobil durch Norwegen gefahren, bevor die beiden in Longyearbyen an Bord gingen. Weltenbummler, wie sich schnell herausstellt.

Der erste Landgang in Zodiacs steht an. Fünf dieser Beiboote sind an Bord. Guide Thomas hat Verstärkung bekommen. Etwa in Gestalt von Liv Arnesen, einer 53-jährigen Norwegerin, die 1994 als erste Frau allein auf Skiern am Südpol war. Die Gäste werden in Gruppen aufgeteilt. Wir sind die "Polarfüchse", andere heißen "Belugas" oder "Papageientaucher". Rein in eine der voluminösen Rettungswesten, den Nippel durch die Lasche gezogen. Fernglas und Kamera eingepackt, und ab geht's an Land in Gravneset, wo dicke Steine zuhauf geschichtet sind. Rund 130 Gräber von holländischen Walfängern liegen hier, daneben Reste von Öfen, in denen Waltran geschmolzen wurde. Immer dabei unsere Guides mit schussbereiter Büchse auf dem Rücken.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 48/2006

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