Der FC Bayern trifft am Abend (ab 20.45 Uhr im stern.de-Live-Ticker) in der Champions League auf die wohl beste Elf Europas: den FC Barcelona. Dessen neuer Trainer stammt, wie die Hälfte des Teams, aus der Akademie des Klubs. Auch die Stars müssen sich seinem System unterordnen. Von Wigbert Löer, Barcelona

Barcelonas Spieler Messi, Henry, Iniesta und Hernandez feiern ein Tor gegen Numancia© Albert Gea/Reuters
Nach einer guten halben Stunde ergreift Nervosität das Stadion Camp Nou, das in warmes Abendlicht getaucht ist. Samuel Eto'o versiebt schon wieder eine Chance, und 75.000 Menschen stöhnen, springen auf, raufen sich die Haare. Drei Tore sind bereits gefallen für ihren FC Barcelona gegen den Tabellensechsten Málaga - Xavi, Messi und Henry -, aber Eto'o leidet, und mit ihm leiden die Fans. Mit 23 Treffern führt er die Torjägerliste in Spanien an, doch seit Wochen versagt er vor dem Kasten.
Schöne Sorgen sind das. Barça-Sorgen. Der FC Barcelona, nächsten Mittwoch und Dienstag darauf Viertelfinalgegner des FC Bayern in der Champions League, ist die im Moment wohl stärkste Fußballmacht Europas. Die Katalanen strahlen wieder, ihr Offensivkunstwerk ist unwiderstehlich. Für Fußballfreunde, aber auch für die meisten Gegner.
Dabei verführt der Barça-Fußball durch eine Zutat, die eigentlich nicht im Rezeptbuch des attraktiven Fußballs zu finden ist: Kontrolle. Die Mannschaft bietet durchkalkulierte Vorstellungen, setzt ein Konzept kühl und präzise um. Passar, passar, passar i poc regatejar - abspielen, abspielen, abspielen und nicht so viel dribbeln: Die reine Lehre Barças verlangt dauerhaften Ballbesitz, schnelles Passspiel und Ziehharmonika-ähnliches Nachrücken.
All die Trainer und Spieler, die anderswo auf ihre Philosophie verweisen, weil das eben so modern klingt, müssten erröten, wenn sie Barça sehen. Nirgendwo sonst ist ein Stil so tief verinnerlicht, eine Handschrift so deutlich sichtbar. Philosophie heißt "Liebe zur Weisheit". Und den Mann, der jetzt das Ensemble dirigiert, haben sie früher als Spieler den "Weisen" genannt. In jedem Gespräch, das man in Barcelona über das neue Team führt, fällt sein Name spätestens im dritten Satz: Pep Guardiola, sagen Spieler und Funktionäre, Journalisten und Altvordere, gab dem Verein seinen Glanz zurück.
Die Vereinsführung wollte als Trainer den Portugiesen José Mourinho, vor einem Jahr, als klar wurde, dass sie nach dem Champions-League-Sieg 2006 und zwei dürren Jahren nicht nur die satten Stars Ronaldinho und Deco wegschicken mussten, sondern auch Trainer Frank Rijkaard. Der hatte nach fünf Jahren jede Autorität eingebüßt. Doch der unerbittliche Mourinho forderte ein knapp zweistelliges Millionengehalt, einen Vertrag mit langer Laufzeit und Unsummen für Neuzugänge. So bekam Guardiola den Job, 37 Jahre alt, erst seit einem Jahr Trainer der B-Mannschaft. Weniger Erfahrung ging kaum. Mehr Barça aber ging auch nicht.
Als vor einem Jahr die Verantwortlichen des FC Bayern erklärten, warum sie Jürgen Klinsmann geholt hatten, merkten sie an, Klinsmann kenne den Klub. Klinsmann spielte einst zwei Jahre in München. Pep Guardiola kam zu Barça, als er 13 Jahre alt war - und blieb fast zwei Jahrzehnte.
Der Sohn eines katalanischen Küchenverkäufers schlief in den Mehrbettzimmern des Internats, durchlief alle Jugendteams, spielte elf Jahre lang im Camp Nou, vier Jahre davon als Kapitän. Im Mittelfeld der legendären Mannschaft, die Anfang der 90er Jahre unter Johan Cruyff vier Meisterschaften in Folge und den Cup der Landesmeister gewann, war Guardiola des Trainers rechte Hand. Er weiß alles über Barça - über das Spiel, die Bosse, die Strippenzieher, die zu jeder Zeit höchsten Erwartungen. Er wohnt auf der Avinguda Diagonal, die die Stadt durchschneidet. Das typische Barça-Spiel, das der Holländer Cruyff und sein katalanischer Assistenztrainer Carles Rexach etabliert haben, hat er gelernt wie Lesen oder Fahrradfahren.
Carles Rexach, früher selbst Kapitän und nach seiner Zeit mit Cruyff auch noch Cheftrainer des FC Barcelona, ist ein kantiger Kerl von 62 Jahren. Er sitzt auf einem Sofa im üppigen Trainingszentrum "Ciutat Esportiva" am Westrand der Stadt, ein paar Meter weiter trainiert sein Nachfolger das Häuflein Profis, das nicht zu Länderspielen berufen wurde. "Pep hatte als Kind Wachstumsprobleme", sagt Rexach. "Er war nicht schnell, nicht groß, hat auch nicht gut verteidigt. Aber er hatte den Fußball im Kopf. Und wir fingen damals an, Leute zu suchen, die Fußball interpretieren können."
Dass, wie kürzlich beim kommenden Gegner FC Bayern, Spieler öffentlich die Taktik kritisieren oder überhaupt Vorgaben einfordern, scheint unter Pep Guardiola undenkbar. Alle Fragen sind längst geklärt, das Barça-System hat immer recht. Viele Spieler kennen eh nichts anderes.
Der Torwart Valdés, die Innenverteidiger Puyol und Piqué, Xavi, Iniesta und der 20-jährige Sergi Busquets aus dem Mittelfeld, das Sturmtalent Bojan Krkic und schließlich Lionel Messi - sie alle lernten bei Barça. Philipp Lahm hat mal festgestellt, dass Spieler aus der eigenen Jugend beim FC Bayern kaum den höchsten Stellenwert erreichen könnten. Bei Barcelona gilt unter Pep Guardiola das Gegenteil: Wer von außen kommt, muss sich anpassen. Thierry Henry, der 102 Länderspiele für Frankreich und 116 Premier-League-Tore für den FC Arsenal machte, besetzt bei Barça brav den Platz des linken Außenstürmers.
Es sind die Katalanen, die bestimmen. "Der Anführer bin ich, die Mannschaft folgt mir", sagt Pep Guardiola. Die Hierarchie im Team beginnt bei Carles Puyol, dem Sohn eines Bergbauern aus den Pyrenäen. Der wild gelockte Kapitän ist kein Denkertyp, aber er erledigt seinen Job so pflichtbewusst, dass ihm der Champions-League-Sieg 2006 zusetzte: Er musste feiern. In den fünf Jahren zuvor, zwischen seinem 23. und 28. Lebensjahr, war er nie nach drei Uhr ins Bett gegangen.
Übernommen aus ...
Ausgabe 15/2009