Weil er beim Spiel der U21-Nationalmannschaft am Freitag in Israel fehlte, wird dem deutschen Nationalspieler Ashkan Dejagah Antisemitismus vorgeworfen. Der in Teheran geborene und in Berlin aufgewachsene Mittelfeldspieler des VfL Wolfsburg äußert sich bei stern.de erstmals über die Hintergründe der Affäre.

Dejagah hat mit seiner Weigerung, in Israel zu spielen, eine Kontroverse ausgelöst© Friedemann Vogel/Bongarts/Getty Images
Ja, natürlich. Ich hatte niemals damit gerechnet. Das wollte ich überhaupt nicht. Ich bedauere diese Missverständnisse sehr. Wenn einige mein Fehlen falsch verstanden haben, entschuldige ich mich dafür. Die Anschuldigungen machen mich sehr, sehr traurig. Ich habe gegen keinen Menschen auf der Welt irgendwelche Vorbehalte, ich bin kein Rassist.
Das ist Quatsch.
Rein persönliche. Das habe ich auch Dieter Eilts, meinem Trainer bei der U21-Nationalmannschaft, erklärt. Ich habe ja neben dem deutschen Pass auch noch den iranischen. Bis heute erkennt die iranische Regierung Israel nicht an und untersagt den Bürgern die Einreise dort. Iranische Staatsbürger, die nach Israel einreisen, müssen mit harten Strafen, mit mehreren Jahren Gefängnis rechnen. Ich selbst war zwar schon seit fünf, sechs Jahren nicht mehr im Iran. Aber meine Eltern fahren jedes Jahr mehrmals dorthin. Wir haben noch viele Verwandte in Teheran. Es ging bei der ganzen Sache gar nicht um mich, das habe ich für meine Familie getan. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.
Nein. Natürlich haben meine Eltern, mein Bruder und ich über die ganze Sache gesprochen. Aber ich war es, der nichts riskieren wollte. Deshalb habe ich Dieter Eilts angerufen.
Eilts hatte Verständnis für meine Bedenken. Ein paar Tage später rief er mich an und sagte, er würde meine Situation respektieren und mich nicht für das Länderspiel gegen Israel nominieren. Aber fürs nächste Spiel, gegen Moldawien, würde er mich dann vielleicht wieder berücksichtigen.
Ich kann allen versichern, wir haben mit Politik nicht viel im Sinn. Wir interessieren uns dafür nicht großartig.
Meine Einstellung hat damit absolut nichts zu tun. Ich konzentriere mich auf den Fußball, damit hab ich genug zu tun. Es ist traurig, was mir alles unterstellt wird.
Ich kann Persisch nicht lesen und schreiben, ich spreche es nur. Von diesen Meldungen habe ich in den deutschen Zeitungen gelesen. Damit kann ich nichts anfangen. Für mich zählt nur das Wohl meiner Familie.
Meine Religion ist der Islam, ich glaube an Allah, aber ich bin nicht streng gläubig.
Nein. Aber vor jeden Spiel bete ich auf Persisch zu Allah. Das ist mein Ritual.
Nein, das ist mit meinem Beruf nicht vereinbar. Auch andere Profi-Fußballer und Muslime, zum Beispiel Franck Ribery, halten das so.
Ich wollte damit ausdrücken, dass ich mich beiden Ländern und Kulturen verbunden fühle. Ich habe ja auch auf dem einen Unterarm Berlin und auf dem anderen Teheran eintätowiert. Ich fühle mich als Deutscher und als Iraner. Meine Eltern stammen aus dem Iran, ich bin hier aufgewachsen, ich spiele für die deutsche Nationalmannschaft.
Das stimmt nicht. Mein Vater hat von mir nie gefordert, dass ich für den Iran spielen soll. Mein Vater war genau so stolz wie ich, als ich mit 16 Jahren zum ersten Mal von der deutschen Junioren-Nationalmannschaft eingeladen wurde. Ich spiele gerne für Deutschland. Der DFB hat mir ja auch geholfen, einen deutschen Pass zu bekommen. Mittlerweile haben meine Eltern und mein Bruder auch deutsche Pässe. Was stimmt, ist: Es gab Anfragen der iranischen Nationalmannschaft. Ich hätte bis zu meinem 21. Lebensjahr die Möglichkeit gehabt, zu wechseln. Aber ich habe mich nie damit befasst.
Ich werde Herrn Zwanziger das Gleiche sagen wie Ihnen. Ich bin so wie ich bin. Jeder, der mit mir redet, wird merken, worum es mir wirklich geht: die Familie. In einem persönlichen Steckbrief für die Klubzeitschrift des VfL Wolfsburg habe ich geschrieben, dass ich mir wünsche, dass überall auf der Welt Frieden herrscht. Daran hat sich nichts geändert.
Die waren genauso überrascht wie ich. Die haben den Telefonstecker rausgezogen und gewartet, dass es vorbeigeht. Und mein Bruder wundert sich, dass einige Zeitungen schreiben, er lebe in Teheran und spiele dort für den Verein Paykan - dabei wohnt er in Berlin bei meinen Eltern.
Ich weiß nicht, was damals mit Hashemian war. Wenn ich gelogen hätte und das wäre herausgekommen - das wäre für mich noch schlimmer. Ich will niemanden verarschen.
Na klar. Ich bin doch hier aufgewachsen. Es ist immer wieder ein geiles Gefühl, für Deutschland aufgestellt zu werden. Und es ist immer noch mein Ziel, irgendwann in der A-Nationalmannschaft anzukommen und bei einer Weltmeisterschaft für Deutschland mitzuspielen.
Natürlich habe ich Bammel. Ich habe jahrelang für meine sportliche Ziele trainiert - und jetzt kann es von einem auf den anderen Tag vorbei sein. Da fragt man sich schon: Wie konnte es nur so weit kommen?
Biografie Ashkan Degajah Ashkan Dejagah, 21, wurde 1986 in Teheran geboren. Ein Jahr später zogen seine Eltern mit ihm nach Berlin. Mit 16 Jahren bekam Dejagah zusätzlich zu seiner iranischen Staatsbürgerschaft die deutsche. Seitdem spielte er in mehreren deutschen Jugendnationalmannschaften. Mit 18 Jahren debütierte der offensive Mittelfeldspieler mit Hertha BSC Berlin in der Bundesliga. Vor dieser Saison wechselte er ablösefrei zum VfL Wolfsburg, wo er bisher in neun Spielen zwei Tore erzielte.