22. April 2008, 12:53 Uhr

Wenn nur 300 Euro zum Leben bleiben

Immer mehr deutsche Rentner knapsen mit jedem Cent. Auch Martha H., Christa Maier und Eleonore Kalaja aus München gehören zu den Altersarmen. Für stern.de haben die drei ihre Haushaltsbücher geöffnet. Von Brigitte Zander

Eine von Deutschlands armen Alten: Martha H. auf ihrer Couch im Münchner Arbeiterviertel Moosach©

Armut versteckt sich oft in solchen tristen Wohnmaschinen wie im Münchner Arbeiterviertel Moosach: acht Stockwerke, 54 Parteien, rundherum etwas Abstandsgrün. Dann der nächste graue Mietshausklotz.

Genau hier, im sechsten Stock hinter einer hellgrünen Tür, wohnt Martha H. (Name von der Redaktion geändert). Eine kleine freundlich lächelnde 82-Jährige öffnet. Die Grauhaarige steht leicht krumm, auf ihren Stock gestützt, ganz adrett im grünen Pullover, grauer Wollhose und Pantoffeln. Sie schnauft etwas, weil sie gerade noch am Atemgerät inhaliert hat, das ihr Asthma lindern soll. Mehrfach täglich sitzt Frau H., die Schläuche in der Nase, auf der Sofakante, schaut über die kahle Balkonbrüstung auf die nahe Durchgangsstraße, oder liest aus ihrem zerfledderten Gebetbuch, und atmet. Ja, fromm sei sie schon: "Das ist so mein Halt".

Seit 38 Jahren wohnt Martha H. in diesem genossenschaftlichen Sozialwohnungs-Hochhaus. Zuerst mit Mann und den jüngsten drei ihrer fünf Kinder. Da haben die vier Zimmerchen auf 73 Quadratmetern "auch prima gepasst". Aber ihr Mann ist seit 24 Jahren tot, die Kinder haben längst Kinder und wohnen verstreut im Umkreis von 300 Kilometern. Eigentlich ist sie nun zu groß. Aus Sparsamkeit heizt sie nur den Wohnraum und das Bad, das so winzig ist, dass selbst ein jugendlich-sportlicher Mensch nur unter Verrenkungen in die Wanne steigen könnte.

Umzug würde nichts bringen

Doch sie hängt an der Wohnung, aus emotionaler Treue und finanziellen Gründen: Umziehen lohnt angesichts ihres günstigen alten Sozialtarifs nicht. "Schon eine kleinere Wohnung im Haus kostet für Neumieter nur 40 Euro weniger, und einen Umzug halten meine Möbel nicht aus." Zum Beispiel der Kleiderschrank, ein glänzend poliertes Nachkriegsmodell, auf dessen Kante ein Dutzend geschenkter Äpfel liegen. Und außerdem fordert der Vermieter heutzutage drei Monatsmieten als Kaution. Das wären ja 1500 Euro, rechnet Martha Hansen entsetzt vor. "Ja, wo sollt ich die hernehmen?" Ein Sparbuch hat sie nie besessen.

Martha stammt aus kleinen Verhältnissen. Geboren im niederbayerischen Vilshofen, als Einzelkind. Der Vater starb früh, die Mutter schlug sich durch. Ausbildung? "Volksschule halt", sagt Martha ergeben. Ihr Schicksal war vorgegeben. Sie heiratete einen geflüchteten Ungar, der als Kaminkehrer schuftete, aber "allweil krank" war. Er hinterließ ihr eine kärgliche Witwenrente von 386,20 Euro. Abzüglich des AOK-Beitrags von 28 und der Pflegeversicherung von 6,57 Euro bleiben davon 349,89 Euro.

Putzen für 2,50 Mark die Stunde

Dazu kommt noch ihre eigene Rente von mickrigen 164,48 Euro. Der finanzielle Lohn für Kindererziehung und Putzen. So "richtig gearbeitet", auf Lohnzettel, habe sie kaum. Nur einmal war sie offiziell angemeldet bei einer Putzfirma, sonst hat sie oft nebenher geputzt, anfangs für 2,50, später gab's neun Mark. Auf die Hand. "Wir haben's eben gleich gebraucht." Sparen fürs Alter, Rürup-Riester-Vorsorgeplanung? Solche Gedanken mussten sich die H.s nie machen. Es ging ums Überleben.

Sie breitet die Dokumente ihrer Existenz auf dem Wohnzimmer-Tisch aus. 364,38 Euro Rente insgesamt. Die angekündigte, umstrittene Erhöhung von 1,1 Prozent würde ihr genau 3,78 Euro mehr bescheren. Zusammen mit einem Lastenausgleich für Flüchtlinge von 83 Euro kommt sie heute gerade mal auf 597,37 Euro. "Nicht so dolle", weiß sie. Schon die Wohnung kostet 553 Euro warm. Im vergangenen Jahr war noch eine Nachzahlung von 431 Euro fällig. Vom gesetzlich definierten Existenzminimum, 345 Euro, kann die Moosacher Rentnerin nur träumen.

Zu stolz für Sozialhilfe

Für solche Fälle hat der deutsche Sozialstaat die 345-Euro-Grundsicherung (früher Sozialhilfe) eingeführt. Die Stadt München stockt ihren bedürftigen Senioren ab 65 Jahren die Alterseinkünfte künftig sogar auf 371 Euro auf, weil in der bayerischen Metropole fast alles teurer ist als anderswo. Außerdem übernimmt sie die "ortsübliche Miete". Für einen Alleinstehenden maximal 429,50 Kaltmiete plus Heizkosten. 9400 arme Alte haben diese Staatsstütze beantragt. Martha H. nicht.

Nein, zum Sozialamt will sie auf keinen Fall gehen, sagt sie. "Das will ich nicht. Und meine beiden Söhne Peter und Heinz auch nicht". In diesem Augenblick wirkt die sonst so bescheidene Frau energisch und streng. "Peter und Heinz zahlen, was ich brauch'; das Telefon, den Strom, Taschengeld zum Leben", sagt sie.

Wenigstens ein Wohngeld von 103 Euro hat die Caritas für sie durchgedrückt, und zuletzt 300 Euro von der Nachzahlung übernommen. Seit kurzem bekommt sie wegen ihres schweren Asthmas und der kaputten Füße auch Pflegestufe eins: 204 Euro. Damit finanziert die Rentnerin viel: zusätzliche Medikamente wie Abführmittel, Hustentabletten und Tees, die die Kasse nicht übernimmt. Auch Creme, Seife, Putzmittel. Mal einen Blumenstrauß für die nette Nachbarin aus dem Parterre, die für sie einkauft - umsonst. Und sie zahlt der allein erziehenden Enkelin, "die es nötig hat", und bei Oma putzt, einen Obolus.

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KOMMENTARE (10 von 48)
 
Gockeline512 (24.04.2008, 12:00 Uhr)
noch ist eine Minderheit,doch es werden mehr
Ich kenne so viele,die von 400-800 Euro leben müßen,die von ihren Kindern abhängig sind.Es werden nun täglich von nun an bis in 10-20 Jahren immer mehr werden.Noch reden alle man müße den Kinder und Alleinerziehenden helfen weil sie noch in der Mehrheit sind.Das Bild wird sich drehen.Es wird kaum noch Geld vorhanden sein für die Kinder,weil es nicht mehr reichen wird für die Alten.Die leben dann von Sozialhilfe,und für ihren Pflegebedarf in Heimen wird das Geld gebraucht werden.Das einzig schöne daran ist:mit der Pflege der Alten wird eine Menge an Berufen fällig.Auch Hauswirtschafterinnen,die in die Familien gehen werden müßen für die ambulante Pflege.Aus mit dem Jugendkult! Es wird mehr Volksmusik und ähnliches gehört.Kein Hip-Hop oder ähnliches wird gewollt.Es wird die Kultur wieder verändern.Noch will man an der Jugend und ihrem Bedarf festhalten.Nach dem Jugendkult kommt der Altenkult mit anderer Musik und der Innenschau nach verlorenen Gefühlen.
FreddyKraus (23.04.2008, 16:07 Uhr)
Ekelstadt München
Das ist es (u.a.!!!) was mich an München so anekelt. Auf der einen Seite die Bussi-Gesellschaft und auf der anderen Seite kommen die Menschen nicht über die Runden. Ich war Polizist in München (verh. 3 Kinder) Ich fühlte mich wie ein Assozialer Mensch mit meinem Einkommen in dieser kalten Stadt. Jetzt arbeite ich in Leipzig mit fast dem doppelten Einkommen als Abteilungsleiter bei einer grossen Firma. Uns geht es zehnmal besser als in München und wir fühlen uns sauwohl in dieser schönen Stadt Leipzig mit seinen normalen Menschen. Es geht auch ohne Bussi Bussi aber dafür mit Charakter und Nächstenliebe, was München schon lange nicht mehr hat.
nony (23.04.2008, 11:51 Uhr)
Ich krieg die Krise
Ehrlich. So viele Statements, leider so wenige, die über emotionale Schnellschüsse hinausgehen.
Es ist sicher richtig, dass es arme und reiche Rentner gibt. Diesen Unterschied gibt es aber über alle Generationen hinweg. Statt jetzt über arme und reiche Rentner zu lamentieren, und das ganze noch mit ein wenig Rassismus (Immigranten, Asylanten, Ossis ...) zu garnieren, sollte man sich doch mal an die Fakten halten.
1. Diejenigen, die am lautesten über die ungerechten Renten schreien, bedürfen sie aller Wahrscheinlichkeit nach am wenigsten. Dies liegt unter anderem daran, dass arme Schweine nun mal keine Lobby haben, aber immer wieder für alles Mögliche herhalten müssen.
2. Was ist zurzeit in Europa das grösste Armutsrisiko? Alt werden gehört sicher nicht dazu (ich hoffe "der da" liest das jetzt auch). Kinder haben / bzw. bekommen steht dabei ganz oben in der Liste. Ebenso wie krank bzw. arbeitslos werden. Weiterhin gehören Scheidungen ebenfalls zu den Armutsrisiken für alle Beteiligten.
Gegen Krankheit und Arbeitslosigkeit kann man nicht viel machen. Kinder lassen sich dagegen ganz hervorragend vermeiden (so lange man nicht Boris Becker heisst). Nun ja und wer heiratet heute noch ohne Ehevertrag, falls ER sich das überhaupt noch antut?
Soweit also die Fakten. Bloss, was tun? Ohne teils massive Eingriffe wird hier überhaupt nichts mehr gehen. Diese Eingriffe werden aber von der Politik nicht vorgenommen, da sie zur sofortigen Abwahl der entsprechenden Person(en) führen würden. Dies ist auch der Grund dafür, dass immer wieder mit der Giesskanne Gelder verteilt werden.
Also bleibt uns Durchschnittsbürgern bloss, weiterhin derart schmalzig emotionale Berichte zu ertragen und auf den Kollaps des ganzen Sozialsystems zu warten. Frühestens dann wird sich VIELLEICHT etwas ändern. Aber auch nur vielleicht. Und alle über 40 - 50 jährigen, werden sich dann warm anziehen können, weil es für sie ziemlich sicher nichts mehr geben wird. Das ist dann die erste Generation der wirklich armen Rentner, da sie zu einem grossen Teil ihr Leben lang in die Kassen des Sozialsystems einbezahlt haben, ohne je auch nur einen Cent daraus zu sehen zu bekommmen. Also weder Rente, noch Sozialhilfe o.ä. Dummerweise haben sie aber auch keine, oder zu wenig Kinder, die für die Versorgung aufkommen könnten. Somit bedeutet das, dass in Zukunft die Gräber wohl nicht mehr zugeschüttet werden, damit wir auch weiterhin von dort aus zur Arbeit gehen können. Die jüngeren haben dagegen noch die Möglichkeit privat vorzusorgen, so sie nicht blöd genug sind, ihr Leben komplett auf Pump zu finanzieren.
H.P. (23.04.2008, 08:09 Uhr)
Asteriskina,

eine Grundrente von 900 Euro und mehr muss es schon sein und keine Sozialhilfe, da stimme ich mit Dir überein. Ich persönlich habe jetzt 41 Jahre Beiträge bezahlt und kann noch mit 60 in Rente gehen, mit 18% Abzug, ich werde ungefähr, wenn überhaupt, 900 Euro Rente bekommen, worüber ich mich nicht einmal beschwere, weil ich das Glück hatte Gesund zu bleiben und mir etwas Geld weglegen und ein Haus bauen konnte und meine Frau mit gearbeitet hat. Es geht nicht um mich. Ich bin ein bescheidener Mensch, mir reicht es schon, wenn ich Gesund bleibe, ich muss nicht einmal ins Ausland um Urlaub zu machen. Es macht mir einfach keinen Spaß, in einem so reichen Land wie Deutschland zu leben, wo sich einige alles gönnen und der Rest muss sehen wie er über die Runden kommt. Mir tun diese Menschen Leid, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, die es immer schwerer haben werden, auch die junge Generation wie Du. Nur eine ausgeglichene Gesellschaft kann auf Dauer friedlich miteinander leben, dann macht das Leben auch Spaß, wenn es allen gut geht, man muss kein Millionär sein um glücklich zu sein, nur man sollte schon so viel haben, um gut zu leben. Es macht vielen bestimmt keinen Spaß Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen!
setus (23.04.2008, 08:08 Uhr)
Warum ?
Die Rentenkassen wären übervoll.
Die Diebe aber, die sie geplündert haben leben in Saus und Braus von Ihren Minister- und Abgeordnetenpensionen.
Für die Menschen im eigenen Land ist kein Geld da. Warum leistet man sich, um dem Ausland in den Hintern zu kriechen immer noch jede Menge Scheinasylanten ?
gmathol (23.04.2008, 05:27 Uhr)
Meine Bitte an alle alten Menschen die so leben: Gehen Sie unbedingt zum Sozialamt!
Sie tuns das nicht fuer sich selbst, sondern auch fuer die kommenden Rentner Generationen bei denen ein unsaeglicher Staat glaubt die Rente noch weiter kuerzen zu muessen oder gar mit Steuern zu belasten.
Die Durschnittsrente im "REICHEN" Deutschland betraegt 800 Euro - davon wird es immer schwieriger zu ueberleben, geschweige zu leben.
Natuerlich ist Geld fuer neue Fregatten, Afghanistan und anderen Sicherheitsquatsch reichlich vorhanden.
Die MWST muss von Lebensmitteln, Energie entfernt werden.
Wer die Kriegsindustrie unterstuetzen will kann das durch Eigenbeteiligung tun. Das Volk hat mittlerweile andere Sorgen.
manesse (22.04.2008, 22:43 Uhr)
@sfrancisco
Ich wiederhole noch einmal: Dann soll man bei den reichen Alten für die armen Alten abkassieren. Die jüngere Generation geht das nichts an.
sfrancisco (22.04.2008, 21:20 Uhr)
"Endstation Armenküche"
Unter diesem Titel läuft derzeit eine bundesweite Plakat-Kampagne des VdK, der berechnet hat, dass ein Durchschnitts-Rentner durch die Reformen der letzten vier Jahre 130 Euro im Monat weniger hat. Inflation nicht mitgerechnet. Er fordert darum, den Geringverdienern den Rentenversicherungsbeitrag aufzustocken. Das müßte doch bezahlbar sein.
Brandenburg (22.04.2008, 20:23 Uhr)
Nur bei den Alten?
Meine Mutter hat ihr Leben lang gearbeitet und muss leider auch mit einer sehr kleinen Rente auskaommen. Aber wie sieht es denn heute teilweise bei den "Jüngeren" aus? Auch dort sind nach Abzug aller Fixkosten teilweise nurnoch 500 Euro über.Der Mittel stand stirbt, und wir nähern uns immermehr amerikanischen und canadischen Verhältnissen an. Ja, auch im deutschen "Traumland Canada", können viele Menschen in BC oder Alberta nurnoch mit 2 Jobs überleben. Leider wird das bei Sendungen wie "Mein Neues Leben XXL" oder ähnlichen totgeschwiegen. Gruss vom Ex-Canadier
manesse (22.04.2008, 20:02 Uhr)
Habe nun alle Zuschriften
zu diesem Artikel gelesen. Und ich blebe dabei: Die Armut eines kleinen Teils der Alten in unserem Land ist nicht das Problem der jüngeren Generation. Einzig gefragt ist die Solidarität unter den Alten. Dann müssen eben die Rentner und Pensionäre abgeben, die hohe Altersbezüge haben. Dann aber wird ein Sturm der Entrüstung durch Deutschland ziehen, wenn die rüstige Pensionärin ihre vierte Kreuzfahrt im Jahr absagen muss, weil sie bei 3000 Euro Bezügen pro Monat 200 Euro für die armen Altersgenossen abgeben muss. Wo ist die Solidarität unter den Alten, so frage ich? Warum reden Politik und Sozialwissenschaft nicht über diese probate, angemessene und faire Lösung des Problems?
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