Der letzte Arbeitstag

22. Juni 2008, 12:05 Uhr

Ein Leben lang gearbeitet, und dann ist Schluss. Der Abschied vom Berufsleben ist ein bedeutsamer, schwieriger Schritt. Umso wichtiger fürs Seelenheil ist deshalb, wie Chefs und Kollegen den großen Tag gestalten. Der stern hat drei Männer auf dem Weg in den Ruhestand begleitet. Von Beate Flemming

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Lufthansa-Pilot Michael Frohs, 59, fällt nach seiner letzten Landung auf die Knie©

Bitte bloß keinen vertrockneten Blumenstrauß", hat er sich gewünscht, nur einen ganz normalen letzten Arbeitstag "ohne besondere Vorkommnisse". Große Jungs weinen nicht. Nicht mal, wenn sie sich von ihrem schönsten Spielzeug trennen müssen. In diesem Fall ist das 350 Tonnen schwer und 70 Meter breit. San Francisco International Airport. LH 455 nach Frankfurt. Der letzte Flug für Lufthansa-Kapitän Michael Frohs, 59, vier goldene Streifen an den Manschetten. Graues Haar und Gleitsichtbrille. Er sitzt vorne links im Cockpit, lässt die Boeing 747-400 zur Startbahn rollen.

Aber was soll jetzt das? Plötzlich schickt ihn der Tower auf einen Seitenweg. Von rechts und links schießen Löschfahrzeuge der Flughafenfeuerwehr heran. Und werfen ein Tor aus glitzernden Wassertropfen über den Jumbo. "Good last flight", funkt der Mann aus dem Tower. Die Copiloten schmunzeln. Und Frohs? Kein Grund, mit der "Zehner-Regel" zu brechen: zehn Minuten vor Start und unterhalb 10.000 Fuß Höhe kein privates Wort im Cockpit. Frohs biegt auf die Startbahn, gibt Schub, beschleunigt auf 320 km/h Startgeschwindigkeit, zieht am Steuerhorn. Die Boeing hebt ab in den blauen Himmel.

Abschied mit Wehmut

Frohs nimmt Abschied von einem Leben als "Überflieger", wie er das nennt. Er gehe "mit viel Wehmut und noch mehr Demut". Dieses "Privileg", über dem "verregneten Frankfurt die Wolken zu durchbrechen und plötzlich in der Sonne zu sein". Auch Krisen, Kriege und Skandale relativieren sich, bei 920 km/h und in 11.500 Meter Höhe. Rein volkswirtschaftlich betrachtet, wechselt Frohs von den 41 Millionen Erwerbstätigen zu den 19 Millionen Ruheständlern. Und psychisch? Mit welchen Gefühlen sich jährlich rund 760.000 Menschen vom Arbeitsleben verabschieden, ist kaum erforscht.

Der Aufenthalt in der Firma ist ja viel mehr als Arbeit: die Gelegenheit, produktiv zu sein, Leistung zu zeigen, neue Menschen kennenzulernen. Sich körperlich und geistig zu betätigen - so fasst es die Gerontologin und ehemalige Bundesfamilienministerin Ursula Lehr zusammen. Aber: Hat mancher für die Arbeit nicht auch seine Gesundheit ruiniert und/oder seine Ehe? Ist man nicht zweimal umgezogen? Und dann noch dieser Haufen unsinniger Einfälle aus der Chefetage, die man wider besseres Wissen umgesetzt hat, um sie nach ein paar Jahren wieder - Anordnung von oben - rückgängig machen zu müssen! Wenigstens am letzten Tag will man mal laut und vor versammelter Mannschaft hören: "Danke."

Die Laudatio ist besonders wichtig

Die Tübinger Kulturwissenschaftlerin Regina Schamberger-Lang befragte Ruheständler zu ihrem letzten Tag und fand heraus: Die Laudatio ist besonders wichtig. Fehlt sie, beschäftigt das die Betroffenen noch Jahre. "Er war so direkt." "Er war immer loyal." "Man konnte ihn alles fragen." "Und nicht zu vergessen: sein Humor."

Nach dem Abschiedsessen mit der Crew fliegt Frohs in den Ruhestand. Ehefrau Gudrun ist als Chefstewardess dabei©

Gerade als Georg Bayers Augen wegen der vielen schönen Worte über ihn die Überschwemmung droht, wirft der Beamer ein Foto an die ausgerollte Leinwand. Darauf klemmt sich ein verschwitzter Georg Bayer den strohblonden Zopf einer jungen Kollegin zwischen Nase und Mund. Das Bild verdünstet reichlich, was dem jugendfreien Erdbeersaftcocktail in Bayers Hand fehlt. Er schluckt: "Wo habt ihr denn das ausgegraben?"

So plötzlich im Mittelpunkt zu stehen empfindet Bayer als "sehr ungewohnt". 30 Jahre war er einer von vielen bei der Firma Bosch, Personalabteilung. Seine Aufgaben: "Personalauswahl, Personalentwicklung, Entgelt-Pflege". "Warum schaffen Sie denn noch?", wurde er oft von Bekannten gefragt - schließlich begibt sich der Durchschnittsdeutsche mit 63,3 Jahren in Rente. Bayer, 65, rechtfertigte sich: "Wenn ich's noch kann - warum sollte ich nicht?"

Den Ruhestand genießen

Dieser triste Freitag ist sein letzter Arbeitstag. Die damit verbundene persönliche Gefühlslage: unsortierbar; wie bei einem, über den ein Schicksalsschlag hereinbricht. Dass er mithilfe seines Kalenders schon geraume Zeit die Tage bis zu dessen Eintreten zählte, macht es nicht einfacher. Bayer, Bäuchlein, graues Haar und Brille, läuft wie aufgescheucht kreuz und quer durch die Kantine des Bosch-Werks in Reutlingen und begrüßt seine Gäste. 50 Personen hat seine Chefin für ihn eingeladen. Das Ganze empfindet er als "große Ehrerweisung". Er hat seinen feinen dunklen Anzug angezogen. Tulpensträußchen schmücken Stehtische, auf jedem ein marmoriertes Flugblatt mit Bayers Foto, darunter ein Wort: Danke. "Wann immer Ihnen langweilig ist, rufen Sie uns an. Vielleicht haben wir Zeit", sagt die Personalleiterin.

Dieser herzlichen Einladung Folge zu leisten, hat Bayer nicht vor. Ab morgen hat er endlich Zeit. Statistisch gesehen kann Bayer noch 15,6 Jahre den "Ruhestand genießen". Auch keine ganz unproblematische Phase: Psychiater machten schon bei den betroffenen Gattinnen ein Krankheitsbild namens "Retired Husband Syndrom" aus. Der plötzlich Unterbeschäftigte will staubsaugen. Oder er weigert sich. Beides kann das Unerwünschte sein. Das traute Heim: ein Minenfeld.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 25/2008

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KOMMENTARE (6 von 6)
 
gmathol (23.06.2008, 06:25 Uhr)
Wohl dem der dies in der Schweiz tun kann!
In Deutschland heisst dies meistens Altersarmut und leben am Rande der Existenz.
35 Jahre BRD = 15 Jahre Schweiz und das bei doppelter Rente gegenueber dem gluecklichen "Afghanistan Krieger" Deutsch Rentner.
Dumm gelaufen!
Eisenbaer (22.06.2008, 19:03 Uhr)
Gut gemachter Artikel...
...selten unterhaltsam. Hat die ganzen Unterschiede in den Firmen fein herausgearbeitet. Der Pilot wie auch der Paketzusteller als Einzelkämpfer, einzig der Büromensch bekam einen typischen Büromenschenabschied von den anderen Büromenschen...

Genau wie im richtigen Leben.
Kalox (22.06.2008, 18:48 Uhr)
kalox
...grauenhaft, ich bin fast 30, könnte mir aber niemals vorstellen mit der arbeit aufzuhören, ich find`s einfach zu schön...
hauspferd (22.06.2008, 18:33 Uhr)
Schwer zu lesen
Die Verschachtelung der einzelnen Storys macht es schwer den Artikel zu folgen.
Im Fernsehen wird dieses Stilmittel dazu benutzt, um die Konsumenten an den Fernseher zu bannen aber hier ist es doch nicht nötig.
LisaT (22.06.2008, 17:40 Uhr)
Knapp daneben...
...ist auch vorbei. Ein sehr oberflächlicher Artikel, der sich an den reinen Äusserlichkeiten festbeisst.
Interessant zu lesen wäre, was mit Pensionisten ein, zwei, fünf... Jahre nach Pensionseintritt los ist - nicht an ihrem letzten Arbeitstag, der für Arbeitskollegen sowieso bloß eine lästige Heuchelei ist.
albundy69 (22.06.2008, 14:09 Uhr)
Noch´n Pensionär .......
...hätt´n Sie doch bloss auch Lehmann in den Ruhestand begleiten können. Es ginge uns besser ! Viel besser !
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