. .
News am 15.02.2012
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
22. September 2008, 09:37 Uhr

Wie Paulson die USA retten will

Mit einem Rettungspaket über 700 Milliarden Dollar will Finanzminister Henry Paulson die US-Wirtschaft vor dem Untergang bewahren. An mehreren Fronten kämpft der Ex-Investmentbanker für seinen Plan - und häuft dabei gigantische Macht an. Von Matthias Ruch, New York

US-Finanzminister Henry Paulson hält das Schicksal Amerikas in seinen Händen© ABC News, Fred Watkins/AP

Deutlicher hätte Henry Paulson seine Macht nicht zur Schau stellen können. Seite an Seite mit George W. Bush tritt der Finanzminister Freitag früh in Washington vor die Kameras. In kurzen Sätzen kündigt er den Plan an, mit dem er die größte Volkswirtschaft der Welt aus ihrer schwersten Krise seit 1930 retten will. Er hält das Schicksal Amerikas in seinen Händen. Der Präsident neben ihm - nur noch ein Statist.

In Geheimverhandlungen mit den führenden Bankern und Politikern des Landes treibt Paulson seinen Coup voran. "Es geht um Hunderte von Milliarden Dollar", kündigt er an. Am Samstag nennt die Regierung erstmals eine Zahl: 700 Milliarden Dollar! Mit diesem Geld will sie Hypotheken aufkaufen, die von ihren Besitzern nicht mehr bezahlt werden können. Dazu muss sie die zulässige Obergrenze der Staatsverschuldung von derzeit 10.600 Milliarden Dollar auf 11.300 Milliarden Dollar anheben. Beides geht nur per Gesetz.

Paulson drückt aufs Tempo. Noch in dieser Woche soll der Kongress das Gesetz verabschieden. Jeder Tag zählt. Gemeinsam mit Ben Bernanke, dem Chef der Notenbank Fed, legt der frühere Chef der Investmentbank Goldman Sachs die Marschroute fest. Präsident Bush nennt Paulson "My wartime general" und überlässt ihm das Kommando: "Die amerikanische Wirtschaft steht vor beispiellosen Herausforderungen", mahnt Bush staatstragend. "Wir antworten mit beispiellosen Maßnahmen."

Amerikas Kapitalismus steht auf der Kippe

Selbst Barack Obama und John McCain, die sechs Wochen vor der Wahl unermüdlich um den Einzug ins Weiße Haus kämpfen, stehen plötzlich nicht mehr im Mittelpunkt. Was Paulson gerade schafft, schien bislang unmöglich. Mit seinem Pragmatismus setzt er sich über Parteigräben hinweg und bringt Politiker beider Lager zusammen, um der Krise zu trotzen. "An diesem Wochenende handeln wir nicht als Republikaner oder Demokraten", sagt Chris Dodd, Chef des Bankenausschusses im Senat. "An diesem Wochenende sind wir alle Amerikaner." Auch Nancy Pelosi, die Präsidentin des Repräsentantenhauses, fordert in einem Brief an Bush eine parteiübergreifende Initiative. Amerikas Kapitalismus steht auf der Kippe, der Wahlkampf muss warten.

Der 700-Milliarden-Plan, den Paulson und Bernanke scheinbar aus dem Ärmel gezaubert haben, ist der Höhepunkt einer neuen finanzpolitischen Kehrtwende, die Paulson im März eingeleitet hat. Bear Stearns, die fünfgrößte Investmentbank der USA, war in den Strudel der Finanzkrise geraten. Paulson, der aus seiner Zeit bei Goldman Sachs über beste Kontakte an die Wall Street verfügt, schaltete sich hinter den Kulissen ein. Kurz darauf folgte der Zwangsverkauf an JP Morgan.

Paulson macht unbeirrt weiter

Spätestens mit diesem Deal werden Paulson und Bernanke zum Team. Nur gemeinsam können sie sich über politische Widerstände hinwegsetzen und erreichen, was beide nun für nötig halten. Bernanke, der Denker, und Paulson, der Macher. Ihre nächste, ungleich größere Intervention folgt Anfang September. Den Hypothekenfinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac droht der Untergang - und Paulson ist zur Stelle. Bis zu 200 Milliarden Dollar kostet die Verstaatlichung der beiden Häuser. Das freie Spiel der Märkte, für das Paulson als Banker stets gestritten hatte, ist Vergangenheit. "Die USA unter Paulson sind kommunistischer als China", flucht der berühmte Hedge-Fonds-Manager Jim Rogers.

Doch Paulson macht unbeirrt weiter. Als der größte Versicherungskonzern Amerikas, AIG, in der vergangenen Woche kurz vor der Pleite steht, springt die Regierung mit einem Kredit von 85 Milliarden Dollar ein. "AIG stand wenige Stunden vor dem Bankrott", erzählt Paulson später. Wenige Tage zuvor hatte sich die drittgrößte Investmentbank der USA, Merrill Lynch, unter das Dach der Bank of America gerettet. Der gesamte Markt wird neu geordnet, Paulson zieht die Fäden. Spötter sprechen seitdem vom größten "volkseigenen Betrieb" der Welt.

Die Alternative ist der wirtschaftliche Super-GAU

Dass ausgerechnet ein Investmentbanker wie Paulson diese staatlichen Interventionen führt, ist für die Wall Street nicht ohne Ironie. "Die Freiheit zum Erfolg bedeutet auch die Freiheit zu scheitern", pflegte der Jurist früher zu sagen. Doch genau dieses Scheitern wird jetzt um jeden Preis verhindert. "Bisher haben wir immer Einzelfallentscheidungen getroffen", sagt er. "Jetzt brauchen wir mehr. Wir müssen nun eine grundlegende Lösung finden." Eine Lösung für 700 Milliarden Dollar? "Dieser Plan wird die Verschuldung weiter nach oben treiben", räumt Paulson gestern mit versteinerter Miene ein. "Aber es ist bei Weitem der günstigste Weg." Die Alternative ist der wirtschaftliche Super-GAU: der Zusammenbruch weiterer Banken, ein Kreditmarkt ohne Kredite, Depression. In Amerika, und weit darüber hinaus.

Wenn der Kongress den Rettungsplan tatsächlich genehmigt, wird Paulson damit wohl zum mächtigsten Finanzminister aller Zeiten. Sein Haus bekommt umfassende Vollmachten - und wird zugleich vor juristischen Angriffen geschützt. "Paulson sagt: 'Glaubt mir, ich werde alles richtig machen, wenn ich die absolute Kontrolle bekomme'", klagt Nouriel Roubini, Volkswirtin an der New York University. "Aber wir leben doch nicht in einer Monarchie!" Der Minister würde damit "für einige Monate zum Diktator des US-Finanzsystems", spottet auch die Wall Street.

  zurück
1 2
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Wall Street Das Ende der Investmentbanken

Zäsur an der Wall Street: Unter dem Druck der Kreditkrise geben die beiden letzten US-Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley ihren rechtlichen Sonderstatus auf und werden zu gewöhnlichen Geschäftsbanken. Sie werden der direkten Aufsicht der Notenbank Fed unterstellt. Die US-Regierung bastelt derweil an einem 700 Milliarden Dollar schweren Rettungspaket. mehr...

Weltweite Finanzkrise Merkel greift US-Regierung an

Bundeskanzlerin Angela Merkel meldet sich in der Bankenkrise zu Wort - und teilt tüchtig aus: Die USA und Großbritannien seien dafür mitverantwortlich, dass die Finanzmärkte zusammengebrochen sind. Die Regierungen beider Länder hätten sich gegen Regelungen gewehrt. mehr...

Finanzkrise "Wehe, wenn jetzt die Märkte kippen"

Gebannt schaut die Welt, ob die Börsen weiter positiv auf den Rettungspakt für die taumelnde Bankbranche reagieren. Einige Börsianer fürchten das Schlimmste, sollte sich die Erholung der letzten Tage als Strohfeuer entpuppen. Sicher ist schon jetzt: Das Finanzsystem steht vor grundlegenden Veränderungen. mehr...

Verhalten beim Börsensturz Was Kleinanleger beachten sollten

Die Börsen kennen derzeit nur eine Richtung: abwärts. Das ist die Zeit, in der viele Kleinanleger um ihr Erspartes bangen. Hier einige Expertenratschläge zum Verhalten in Zeiten der Finanzkrise. mehr...

 
stern testen, Serie sichern

Jetzt den stern inklusive der aktuellen Gesundheits-Serie testen! Jetzt sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (8/2012)
Whitney Houston