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19. Juni 2005, 08:00 Uhr

Invasion der Exoten

Schlangen, Echsen, Giftspinnen und Insekten sind die Haustiere des Single-Zeitalters. Wie viele es sind, weiß niemand. Nur wenn sie ausbüxen oder zubeißen, wird ihre Allgegenwart offenbar. Von Gerd Schuster und Peter Thomann (Fotos)

Tut nichts, ist aber schwer zu sehen - einen Namen machte sich Andree Hauschild aus Grevenbroich mit Skinken: Er hat 49 Arten der eidechsenähnlichen Glattechsen gezüchtet und mehrere Fachbücher verfassts© Peter Thomann

Wenn Stefan Strebl sein Haustier herzen möchte, braucht er zwei kräftige Bodyguards. Die sollen seine Haut retten, falls die kapitale Riesenschlange, die der 33-jährige Systembetreuer in seinem Haus bei Landshut päppelt, ihren Ernährer zu würgen beschließt. Zwei Wächter sind der gängigen Sicherheitsnorm "ein Mann pro Meter Schlange" zufolge Pflicht, denn Strebls Boa constrictor ist 3,20 Meter lang, oberschenkeldick und hält mit etwa 40 Kilo den deutschen Gewichtsrekord für ihre Art.

Ob die Helfer im Falle eines Falles das Schlimmste verhindern können, ist ungewiss - die Riesenschlangendame, die Strebl 1996 als 35-Zentimeter-Wurm kaufte, besitzt die Kraft einer hydraulischen Presse. Glücklicherweise jedoch ist das oliv und schwarz gemusterte Prachtstück überaus träge und bei deftiger Fütterung friedlich. "Nur gut, dass sie nicht weiß, wie stark sie ist", sagt Strebl.

Der bayerische Boa-Besitzer liegt voll im Trend. Warane, Schlangen, Agamen, Kaimane, Geckos, Vogelspinnen, Leguane, Chamäleons und Schildkröten sind die Haustiere des 21. Jahrhunderts. Zwar schnurren die Exoten nicht, und sie halten mit Ausnahme der Bartagamen auch nichts von Zärtlichkeit und Zuwendung, doch sie haben Vorteile, die im Single-Zeitalter schwer wiegen: Sie müssen nicht Gassi gehen, bellen, jaulen und miauen nicht, nehmen es nicht übel, wenn man sie ein paar Tage allein lässt - und sind ideal, um Haustierverbote zu umgehen.

Weitgehend unbemerkt rollt seit Ende der 90er Jahre eine Flut von Echsen und Reptilien über Westeuropa und die USA hinweg. In Großbritannien tummeln sich laut "The Independent" bereits fünf Millionen Krokodile, Schildkröten, Gift- und Würgeschlangen. Das Blatt rechnet damit, dass die Exoten spätestens 2006 den Hund vom zweiten Haustierplatz hinter der Katze verdrängen werden.

Bei uns könnte der Siegeszug der schuppigen Asylanten ähnlich fortgeschritten sein. Amtliche Angaben fehlen. Nach einer Studie des Zentralverbands Zoologischer Fachbetriebe (ZZF) von Januar 2005 wohnen rund 23 Millionen Haustiere unter deutschen Dächern - schätzungsweise 7,3 Millionen Katzen, 5,9 Millionen Kleinsäuger wie Meerschweinchen und Mäuse, über fünf Millionen Hunde und 4,6 Millionen Ziervögel. Weiteres Getier schwimmt laut ZZF in etwa drei Millionen Aquarien und Gartenteichen und kriecht durch rund 400.000 Terrarien. Zahlen nannte der ZZF hier nicht.

Vielleicht, weil sie peinlich sind. Die Münchner Artenschutzgruppe Pro Wildlife schätzt den Bestand an Aquarienfischen auf 80 Millionen. Wegen ihres meist raschen Ablebens werde die gesamte Population durchschnittlich viermal im Jahr ausgetauscht, was einem "Verbrauch" von 320 Millionen Tieren entspreche. Pro Wildlife schätzt, dass deutsche Tierfreunde ihr Heim mit etwa 100.000 Giftschlangen, 200.000 Riesenschlangen sowie, von zahllosen anderen Echsen und Reptilien abgesehen, Raubkatzen, Gürteltieren, Kleinbären und an die 30 Affenarten teilen, die der ZZF allesamt unerwähnt ließ.

Panzerechsen - "die Krokodile gehören zur Familie." Vor 15 Jahren kaufte Orazio Martino ein paar handgroße Baby-Alligatoren. Mittlerweile sind ihm und seiner Frau Andrea die Echsen über den Kopf gewachsen© Peter Thomann

"100.000 Gift- und 200.000 Würgeschlangen - das ist viel zu wenig!", sagt der Lingenfelder Ingenieur Bernd Wolff. In der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT), dem Verein der Exotenfreaks, leitet er die Arbeitsgemeinschaft Schildkröten.

Über Zahlen reden die Boa-Bändiger und Vipern-Verwahrer ungern. Sie haben Angst vor Nachbarn, Behörden sowie der Presse und sind sich bewusst, dass sie in der Öffentlichkeit - so Hans-Dieter Philippen, Chefredakteur der Schildkröten-Zeitschrift "Marginata" - gemeinhin als "gefährliche Irre" gelten. Trotzdem sickerte einiges durch: etwa, dass besonders sammelwütige Exotenhalter, die 300 Riesenschlangen, 400 Giftnattern oder 800 Vogelspinnen pflegen, relativ häufig sind und dass die Nachbarn selten von dem Privatzoo auf der anderen Wandseite wissen. Oder dass es alkoholkranke Riesenschlangenhalter gibt, die "nachts Hunde von der Straße wegfangen" - als Futter für ihren Sechs-Meter-Python. Es gibt sichere Indizien für den Exotenboom: etwa die Zahl der Unfälle mit den "lebenden Waffen im Wohnzimmer" (Pro Wildlife), der Feuerwehreinsätze zur Rettung entflohener oder ausgesetzter Tropentiere sowie der Echsen, die in Tierheimen landen.

Klapperschlangenbisse sind für den Intensivmediziner Andreas Schaper vom Giftinformationszentrum (GIZ) Nord in Göttingen ein Gradmesser für den Giftschlangenbestand. "Sie sind zwar noch eine Rarität, aber ihre Zahl nimmt aufgrund des Exotenbooms sprunghaft zu", sagt der Arzt. "Unsere Giftambulanzen haben immer öfter mit Verletzungen durch exotische Gifttiere zu tun." In den Jahren 2000, 2001 und 2002 gab es mit 15 Bissen fast doppelt so viele Klapperschlangen-Attacken wie in den 20 Jahren zuvor zusammen. Auch die Zahl der Unfälle mit Skorpionen, Vogelspinnen und giftigen Aquarienfischen stieg stark: Sie verdoppelte sich 2002 gegenüber dem Durchschnitt der sechs Vorjahre auf etwa 200.

"Die Dunkelziffer ist enorm, denn Bisse von Vogelspinnen und Stiche von Aquarienfischen sind nicht meldepflichtig", ergänzt Schapers GIZ-Kollege Martin Ebbecke. "Sie werden nur erfasst, wenn die Betroffenen zum Arzt gehen und der bei unserer Zentrale Rat sucht." Schaper multipliziert die Daten seines 13 Millionen Einwohner zählenden Einzugsgebietes mit sieben. Plus Dunkelzifferzuschlag kommt er für ganz Deutschland auf viele tausend meist schmerzhafte Konflikte zwischen Haustier und Halter.

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Ausgabe 25/2005

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