Abgefahren Porsche für Dummies


Ich besitze einen Golf III mit 80er-Jahre-Plastikradkappen. Er hat ein paar PS, ist aber auch wurscht, weil ich sowieso kaum fahre. Dann spielte mir das Weltgeschehen die Schlüssel für einen Porsche Targa 4 in die Hände. Was nun?
Von Lutz Kinkel

Stuttgart Zuffenhausen. Hier sitzt Porsche, ein Unternehmen, das seine Bilanzen auch auf Blattgoldtäfelchen veröffentlichen könnte, so profitabel ist es. Die Steuern, die Porsche an den Stadtsäckel zahlt, müssten eigentlich reichen, um die Bürgersteige mit Strass zu pflastern. Aber Zuffenhausen sieht so aus, als würde Arte hier Filme über das Prekariat drehen. Straßen. Beton. Verunglückte Springbrunnen. Ramschläden. Am S-Bahnhof hängt die kaputte Neon-Röhren-Reklame für einen Friseursalon über einer Daddelhalle. Mein Golf mit den Plastikradkappen aus dem Baumarkt würde sich geschmeidig in diese Stadtlandlandschaft einfügen.

"Herr Kinkel!" "Herr Schönhuber!" "Willkommen bei Porsche in Stuttgart-Zuffenhausen!" "Da nich' für!" Herr Schönhuber erinnert in seiner überbordenden Freundlichkeit an John Cleese in "Fawlty Towers", es fehlt ihm indes an Ironie. Wer bei Porsche arbeitet, scheint Porsche zu mögen, Porsche zu fahren, und vielleicht auch Porsche zu essen. "Gut, dass sie so früh gekommen sind. Wir haben noch fünf Wagen zur Auswahl. Wollen Sie einen 3,6 Liter, einen 3,8 Liter, einen 4, einen 4S, Gangschaltung oder Automatik?" "Ist mir wurscht." "Bitte?" Naja. Wenn ein Alien vor dem Zigarettenautomat steht, wird es auch nicht wissen, ob es Marlboro oder Camel ziehen soll. "Also ich nehm' dann einfach einen." "Ähem." Konsterniert, um nicht zu sagen: fassungslos kramt Schönhuber unter den bereits vorbereiteten Plastikhüllen mit Schlüsseln, Papieren und Fahrtstreckenbeschreibungen. Sein Glauben an Motorjournalisten liegt in Trümmern. Meine Karriere als Motorjournalist fängt gerade erst an.

An der Metallic-Rippe verhakt

Auf dem Programm stehen: Jetzt nach Saalfelden zischen, ein Kaff bei Salzburg; morgen ein Tag Fahrsicherheitstraining unter den strengen Augen von Walter Röhrl, Gottvater des Motorsports. Dann wieder Abreise nach Zuffenhausen. Jeweils zwei Journalisten bekommen einen Porsche zugeteilt. Mein Copilot heißt Henning und sieht ziemlich porschig aus, also so, als würde er eine Auster mit Jaques Chirac schlürfen können, ohne sich mit dem Zitronensaft Löcher ins weiße Hemd zu brennen. Gemeinsam streunen wir zum Parkplatz, ich spiele mit dem Schlüssel herum, um zu wissen, wie man sich so als Vorstandsvorsitzender fühlt.

Da steht er. Nein: Da liegt er. Blaumetallic, geduckt, doppelauspuffrohrig. Hat die Dimensionen eines platt gehauenen Kleinwagens, aber macht einen recht werthaltigen Eindruck. Ich nähere mich von hinten und hake meine Finger an ein paar blauen Rippen fest. Damit beginnt, ohne dass ich es gewollt hätte, der Crashkurs Porsche für Dummies.

Porsche hat keinen Kofferraum. Schon gar nicht unter dem Spoiler.

"Henning, wo hat das verdammte Ding einen Kofferraum?" Henning grinst. Ich fummle an den blauen Rippen am Heck herum. Kein Schloss, kein Hebel, nichts. "Probier's vorne." "Vorne?" "Vorne." Doch auch das hat nicht geholfen. Unter der Kühlerhaube befindet sich eine Ablage für einen Beautycase. Auf den Rücksitzen, die Haustieren bequem Platz bieten würden, solange es Katzen sind, lässt sich mit Not der Sack mit den Golfschlägern unterbringen. Offenkundig lassen Reisende im Porsche einen Chauffeur mit einem Ford-Transit hinterherfahren. Henning und ich reisen ohne Zweitwagen. Also sieht unser Porsche so aus, als würde eine Zwergenfamilie umziehen.

Zum Einsteigen einen Schuhlöffel mitnehmen

Die Karosserie des Porsche liegt einen Lufthauch über der Straße. Würde man wie gewohnt einsteigen, säße man auf dem Dach. Das ist unpraktisch. Also muss sich der Fahrwillige demütigen, in die Knie gehen, in einer komplizierten Drehbewegung seine Beine ums Lenkrad manövrieren und versuchen, dabei irgendwie lässig auszusehen. Das gelingt nie, der Bandscheibenvorfall ist vorprogrammiert, also braucht es einen Schuhlöffel. Groß, breit und stark. Henning hatte seinen vergessen, wofür es natürlich Schimpfe setzte.

Wie Topfschlagen: das Zündschloss finden

Die Zeit verstreicht nur zäh. Henning fläzt sich auf dem Beifahrersitz und wartet. Ich stochere mit dem Schlüssel auf dem Armaturenbrett rum. Wo zum Teufel steckt man das Ding rein? Startet die Kiste über einen Funkimpuls des Schlüssels? Soll ich Simsalabim sagen? "Henning?" "Links" "Links?" "Links". Aha. Das Zündschloss liegt also links vom Lenkrad. Wie affig. Ich lasse mich belehren, dass diese Konstruktion auf die Rennen in Le Mans zurückzuführen ist. Die Fahrer sprinten zum Wagen, penetrieren linkshändig den Schlüssel und knallen mit der Rechten den Gang rein. Macht die Ingenieurs-Gattin zwar eher selten, wenn sie mit ihrem Porsche zum Delikatessenladen schuckelt, ist aber offenbar wichtig. Fürs Image.

Erst Kupplung treten. Dann starten.

"Henning, das Teil geht mir auf die Nerven. Er zündet nicht." "Kupplung treten" Ich spare mir inzwischen die Rückfragen. Natürlich ist die Kupplung so eingestellt, dass sie Fahrern wie Lukas Podolski ein angenehmes Gefühl von spielerischer Belastung des Oberschenkels vermittelt. Menschen mit sitzender Lebensführung und andere Zivilisationsgeschädigte müssen sich mühen. Es heißt, das Getriebe soll beim Start geschont werden, also ist das Kupplung treten obligatorisch. Trimm Dich made in Zuffenhausen.

Alle erwarten, dass man rast. Also rast man.

Porsche fahren heißt, sich in eine psychologische Falle zu manövrieren. Sobald unser Spielmobil im Rückspiegel des Vordermanns auftaucht, fährt er rechts ran. Egal, ob BMW, Mercedes oder Audi. Mit anderen Worten: Jeder erwartet, dass wir geschwindigkeitsmäßig alles zersägen, was uns vor die Kühlerhaube kommt. Also zersägen wir alles, was uns vor die Kühlerhaube kommt. Das Auto funktioniert wie eine selbst erfüllende Prophezeihung. Wer versucht, mit einem Porsche eine Kaffeefahrt zu unternehmen, endet in der psychischen Zerrüttung.

"PSM" ist ein merkwürdiges Kürzel für "Bloß nicht ausschalten"

An der Mittelkonsole rechts unten befindet sich einen Knopf namens "PSM". Nach einem Fahrsicherheitstraining weiß man, dass man diesen Knopf besser mit Sekundenkleber versiegeln sollte. Denn er schaltet die ganzen elektronischen Stabilitäts- und Sicherheitsprogramme ein - oder eben aus. "Aus" heißt: Ein rohes Ei mit Raketenantrieb fahren. "An" heißt: Auto fahren.

Zweiter Gang bei 100 Stundenkilometern. Klingt prima.

Ein Porsche muss nach Öl, Gummi und Testosteron klingen, deswegen haben die Ingenieure irgendwo eine Soundmaschine eingebaut. Wir wollen sie testen. Also: In den Tunnel fahren, Fenster runter, Gas geben. Das Portiönchen Gas, das mir noch erlaubt ist, reicht aber nicht, um den Motor akkustisch auszuquetschen. "Schalt' einfach runter", sagt Henning. "Bei 100 in den zweiten Gang? Du bist krank." "Tu's einfach." Okay. Mein Golf wäre vermutlich unvermittelt eingeschmolzen, der Porsche faucht die Mauerwände an. Ein Spektakel für Heavymetal-Fans. Und der Beleg dafür, dass man im Stadtverkehr gar nicht umschalten muss. Erster Gang reicht.

Das Cockpit: acht Stundenkilometer Spitze, dreht bis 330

Das Porsche-Cockpit ist gewöhnungsbedürftig. Alles ist vertauscht. In der Mitte der Drehzahlmesser, links die Geschwindigkeitsanzeige, rechts außen die Anzeige der Ölvorräte. Auf den ersten Blick liest sich das so: Spitzengeschwindigkeit acht Stundenkilometer, Motor dreht bis 330, Spritverbrauch ist sensationell niedrig, was bei diesem Tempo aber auch nicht weiter verwunderlich ist. Aber eigentlich ist alles anders. Das fällt spätestens bei der ersten Radarkontrolle auf.

Tanken. Immer wieder. Der Reifen vorne rechts schluckt alles weg.

Henning fährt an die Tankstelle. Man muss im Porsche öfter an die Tankstelle. Der Verbrauch liegt nach Werksangaben im Schnitt bei 11,3 Liter, aber das reicht nur, wenn man die proaktiven Leistungsreserven nicht mobilisiert, wie man so sagt. Henning jedenfalls überlegt - und ICH lehne mich ausnahmsweise mal im doppelt genähten Elefantenohrmuschelleder meines Sitzes zurück - wo der verfluchte Tankdeckel montiert ist. Natürlich fragt er mich nicht. Sondern nimmt die Bedienungsanleitung zur Hand, die ordnungsgemäß im Handschuhfach liegt. Also: Der Tankdeckel steckt vorne rechts auf dem Kotflügel, gleich über dem Radkasten. Möglicherweise werden die Reifen direkt mit Benzin beschossen. Es tropft allerdings nix auf den Pneu, alles deutsche Wertarbeit.

Umweltsau!

Henning fährt Landstraße. "Das ist das Revier für einen Porsche", sagt er und startet ein Überholmanöver, das dank der 325 PS unseres Targas nicht im Nirwana endet. Was tut man in einer solchen Situation? Lesen. Das beruhigt. Ich nehme mir den Fahrzeugschein vor, eine Bibel ist nicht an Bord. Im Fahrzeugschein ist auch die CO2-Emmission notiert: 272 Gramm pro Kilometer. Das ist skandalös und nicht zu entschuldigen. Ich fühle mich schlecht. Henning auch. Wir sprechen das Wort "Umweltsau" offen aus. Am Straßenrand fallen die Blätter von den Bäumen, das Ozonloch reißt auf, kleine Kinder husten. Wir fahren weiter.

Walter Röhrl fährt nicht. Er tut etwas anderes.

Letzte Trainingseinheit auf dem Testgelände in Saalfelden, Österreich. Nachdem alle Schleuder-, Brems-, Schnee- und Reaktionstests absolviert sind, hängt das Auto schon beinahe vertraulich am Hintern. Zum Schluss bekommen die Teilnehmer ein Angebot, zu dem sie nicht Nein sagen können: rasen. Auf der hauseigenen Kurzstrecke. Und wer danach wissen will, was Rasen eigentlich bedeutet, darf eine Runde mit dem ehemaligen Ralley-Weltmeister Walter Röhrl drehen. Einige zögern, Henning mag nicht, ich bilde mir ein, ich hätte keine Verwandten und setze mich einfach ins Auto. Dann gibt Röhrl Vollgas, die Piste verengt sich zur Carrera-Bahn, er schleudert, häckselt, stoppt, prügelt die Gänge rein, schmiert um 180 Grad, springt über Bodenwellen, röhrt, röhrlt, und ist nach einigen gefühlten Nah-Tod-Erfahrungen wieder im Ziel. Natürlich steigt er entspannt aus und lässt sich von seinen schlotternden, nass geschwitzten Beifahrern gratulieren. Dafür, dass er wieder mal angekommen ist. Hallelulja!


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