Audi Rakete fürs Image


Nächstes Jahr prescht Audi mit dem Modell R8 in die Liga der Supersportwagen - und macht damit der eigenen Tochter Lamborghini Konkurrenz.
Von Michael Specht

Neugierige Kinder drücken sich an den Seitenscheiben von rassigen Sportwagen gern die Nasen platt und hinterlassen dort klebrige Fingerabdrücke. Besitzer des neuen Audi R8 werden künftig wohl auch die große Heckscheibe öfter blank reiben müssen. Denn wie in einer Vitrine zum Bewundern liegt unter der Plexiglasscheibe das Herz des flachen Automobils: der V8-Motor.

Der R8, der 2007 auf den Markt kommt, ist bis auf den Zentimeter genauso groß wie der Porsche Carrera (4,43 Meter), was deutlich auf den angepeilten Kundenkreis hinweist. "Als potenzielle Käufer sehen wir hauptsächlich den A8-Kunden, der als Zweitwagen bislang Carrera fuhr", sagt Entwicklungschef Ulrich Hackenberg, 56. Kostenpunkt: etwa 100 000 Euro. Rund 30000 Stück will Audi vom R8 bauen - über die ganze Laufzeit von sieben Jahren. So viel stellt Porsche vom Bestseller Carrera jedes Jahr her.

Skeptiker bei Audi warnen davor, dass dem R8 ein ähnliches Schicksal bevorstehen könnte wie der Luxuslimousine Phaeton vom Mutterkonzern Volkswagen: Superqualität, tolle Technik, schön anzusehen - aber leider kaufen ihn nur wenige. Eine erste Rückmeldung aus der Praxis bekamen die Audi-Manager von Händlern, denen das Auto im Februar gezeigt wurde. Sie monierten die zu geringe Bodenfreiheit. So würde der R8 nicht auf die Hebebühnen ihrer Werkstätten passen. Das führte dazu, dass die Entwickler nun über einen integrierten Wagenlift nachdenken, damit die Mechaniker unten drankommen.

Optisch gibt es keine Risiken. Schon 2003 stellte Audi auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt eine Studie vor, die ähnlich aussah wie der R8 jetzt. Absicht damals: Die Reaktion des Publikums einfangen, ob solch ein Flachmann ankommt. Der Beifall war groß. Seit Frühsommer 2004 werkeln Hackenberg und seine Leute an der Serienversion (mit permanentem Allradantrieb), die komplett aus Aluminium besteht und dennoch 1,6 Tonnen wiegt.

Der Name R8 stammt von den berühmten Audi-Rennwagen ab, die bereits sieben- mal das 24-Stunden-Rennen von Le Mans gewannen (dieses Jahr sogar mit Dieselmotor) und knapp 60 andere Siege einfuhren. Die Sporteinsätze waren nie Selbstzweck. "Wir fahren Rennen nicht zum Spaß", sagt Wolfgang Hatz, 47, Leiter der Aggregate-Entwicklung, "es soll auch was für die Serie abfallen." Als Beleg dafür nennt er ein Beispiel: "2001 haben wir im Le-Mans-Rennwagen erstmals die Kombination Turbo und Benzindirekteinspritzung (TFSI) verwendet - und gewonnen. Drei Jahre später waren wir der Erste, der das in Serienautos angeboten hat."

Diese Technik steckt auch im Heck des R8. Der 4,2-Liter-Motor leistet 420 PS, was dicke für eine Spitze von mehr als 300 km/h reicht. Das ist ein Wert, der vermuten lässt, dass die Maschine von der Audi-Tochter Lamborghini stammt, die solche Bollermänner für ihre landgebundenen Raketen im Regal stehen hat. Doch so ist es nicht. Der Motor ist eine modifizierte Version des eigenen Achtzylinders, wie er zum Beispiel im Modell RS4 eingesetzt wird. Allerdings: Ende 2007 wird es den R8 wahrscheinlich auch mit dem 500 PS starken V10Motor des Lamborghini Gallardo geben.

Schon der Sound des "kleinen" Motors ist mehr als kernig. "Wir sind da an die Grenze des Zulässigen gegangen", sagt Chefentwickler Hackenberg und bittet zu einem Proberitt auf den Beifahrersitz. Der R8 ist nicht das erwartete kompromisslos harte Sportgerät, das einen nach einer längeren Fahrt zum Orthopäden zwingt. Der Wagen ist verhältnismäßig komfortabel, trotz der ultraflachen Breitreifen, die normalerweise den Komfort ruinieren.

Auch die geringe Höhe von nur 1,25 Meter vermittelt erstaunlicherweise nicht das Gefühl, in einem Flachmann mit dem Hintern über den Asphalt zu brettern. Es gibt mehr Bewegungsfreiheit als vermutet. Sogar Platz für zwei Golfbags soll hinter den Schalensitzen sein. Und das Wechselspiel von Metall, Leder und Karbon im Innenraum ist gekonnt, sieht gut aus und fühlt sich gut an. Klar auch, dass der R8 wie auf Schienen durch die Kurven zieht, sich leicht einlenken und optimal verzögern lässt. Da stand die Erfahrung aus dem Motorsport Pate.

In zwei Jahren wird sich Audi etwas trauen, wozu bisher noch kein Hersteller von Supersportwagen den Mut hatte: In Anlehnung an den diesjährigen Le-Mans-Sieg wird es dann im R8 einen V8-Diesel mit voraussichtlich 360 PS geben.

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