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Brilliance BS 6: China-Kracher

Beim neuen chinesischen Brilliance BS 6 sind gute Ausstattung und ein Kampfpreis die Lockmittel - nicht aber die miserablen Crashwerte.

Am vergangenen Samstag gab es auf der Autobahn A1 von Hamburg nach Bremen eine Deutschland-Premiere: Die ersten chinesischen Limousinen der Marke Brilliance fuhren nach Bremerhaven, um im Technikzentrum des Importeurs den letzten Schliff für Europa zu bekommen. Wenige Stunden zuvor waren sie mit einem Frachtschiff in Hamburg angekommen. Noch im Dezember soll der Verkauf beginnen.

Allerdings dürften die Wagen selbst von Autointeressierten kaum bemerkt worden sein. Zu brav ist der Karosserieschnitt des Chinamobils. Vorn mit viel Fantasie ein Anklang von Dreier-BMW, hinten vielleicht sogar Maserati? Die Vermutung kommt auf, weil das Blechkleid vom italienischen Edelschneider Giugiaro stammt. Der jedoch muss eine klare Order gehabt haben: Bloß keine auffälligen Rundungen!

Gleichwohl macht der BS 6 einen soliden Eindruck. Was sicher auch daran liegen dürfte, dass in China deutsche Tugenden geschätzt werden. Brilliance-Präsident Yu Min Qi zum stern: "Wir arbeiten mit deutscher Präzision." Kein Wunder: Seit 2003 produziert Brilliance für BMW den Dreier und Fünfer für den chinesischen Markt. An den bereits betagten BS 6-Motoren, es sind Vierzylinder von Mitsubishi, hat Porsche genauso technische Entwicklungshilfe geleistet wie am Fahrwerk. Und das Management wird von zwei deutschen Autoexperten unterstützt: Hans-Ulrich Sachs, ehemals Vertriebsvorstand bei Volkswagen, leitet den Import nach Europa, und Peter Schippl, zuvor Produktionschef der Brilliance/ BMW-Kooperation, ist nach den Worten des Präsidenten "unser Chief Quality Officer. Er hat ein Vetorecht, ohne seine Zustimmung verlässt kein Auto das Werk". Tatsächlich wirkt der BS 6 keinesfalls zusammengeschustert.

Die Platzverhältnisse in dem 4,88 Meter langen Fünfsitzer sind okay. In den Kofferraum passen 550 Liter, fast so viel wie in die Mercedes S-Klasse. Materialanmutung und Verarbeitung allerdings liegen unter Japan- und Korea-Niveau. Die Holzdekor-Einlagen wirken billig, und die Ledersitze riechen nach allem, nur nicht nach Leder. Der stärkste Benziner (130 PS) fährt sich agiler als erwartet, ist gutmütig und schafft knapp 200 km/h Spitze. Fahr- und Windgeräusche bleiben dabei erträglich. Unter Klassendurchschnitt sind die hakelige Schaltung und der Federungskomfort des Fronttrieblers. Merkwürdig ist die Tankklappenentriegelung: Man muss den Kofferraum öffnen und an einer Schnur aus der Seitenverkleidung ziehen - wie früher an der Nachttischlampe. Das gut ausgestattete Topmodell 2.4 S (unter anderem mit Klimaautomatik, Radio/CD, Metallic-Lackierung, Glasschiebedach, Zentralverriegelung und Leder serienmäßig) kostet weniger als 23 000 Euro. Die Einstiegsversion mit Zweilitermotor sogar nur 19 999 Euro.

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Wer Status und MarkenImage für belanglos hält, fährt im Brilliance günstig; drei Jahre Garantie oder 100 000 Kilometer inklusive. Allerdings auch konkurrenzlos unsicher. Den Schleuderschutz ESP gibt es nicht. Ebenso wenig Seitenairbags. Beim Crashtest schafft der BS 6 zwar die deutschen Zulassungsanforderungen. Beim europäischen Norm-Crash (EuroNCAP) hingegen, die eigentliche Messlatte, könnte sich der Wagen leider als China-Kracher erweisen. Denn, wie Brilliance zugibt, bekäme er von fünf möglichen Sternen nur zwei. Ein Sicherheitsniveau wie Anfang der 90er Jahre. Nach den Worten des Importeurs Sachs will man "da jedoch nachbessern".

75 000 Stück sollen bis 2010 in Europa verkauft werden. Wie diese Zahl erreicht werden soll, ist allerdings unklar. Denn nach Stand von voriger Woche sind noch keine Händler unter Vertrag. Zu dem Zeitpunkt inspizierte Importeur Hans-Ulrich Sachs mit potenziellen Kandidaten aus der Schweiz und Belgien die Produktionshallen von Brilliance in Shenyang, der Hauptstadt der Provinz Liaoning. Der Boden glänzte frisch geputzt. Arbeiter in beigefarbenen Overalls schraubten am Fließband made in Germany. Sie verdienen umgerechnet 150 Euro im Monat und arbeiten in Elfeinviertelstunden-Schichten. Sachs: "Die sind hier 20 Jahre weiter als Wolfsburg."

Albert Eikenaar, Adrian Geiges, Michael Specht
Mitarbeit: Ellen Deng

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