Daytona 500 Rennwagen als Waffe


Was der Superbowl für den Football-Freak, ist für echte Motorsportfans Daytona 500. Das wichtigste Rennen der NASCAR-Serie ist ein Testosteron-geladenes Spektakel für den wahren amerikanischen Mann.
Von Helmut Werb, Daytona

Die NASCAR-Rennserie, ein Mammut-Unternehmen mit 36 Rennen pro Jahr, geschätzten 75 Millionen Fans weltweit und seit den 50er Jahren weitgehend im Familienbesitz des France-Klans, hat in den letzten zehn Jahren nicht nur alle anderen Motorsport-Arten in der Publikumsgunst in den Schatten gestellt, sondern ist die einzige Sportart in den USA, die beträchtliche Zuwachsraten bei den TV-Einschaltquoten aufweisen kann. Bei soviel Erfolg gibt es nicht nur kräftig Show (beim diesjährigen Daytona 500 trat Bon Jovi gleich dreimal auf), sondern auch den "offiziellen Ketchup des Daytona 500" und das "offizielle Kopfschmerzpulver", was beim gewaltigen Bierkonsum der Besucher sicherlich als Zielgruppen-affin durchgehen kann.

Zu den Mammutrennen in Daytona, Kalifornien oder in Talladega kommen bis zu einer Viertelmillion Zuschauer, der Saisonstart in Florida lockte - über eine ganze Woche gestreckt - eine knappe halbe Million an die Kassen. Das macht bei Eintrittspreisen zwischen 95 Dollar bis weit über 500 Dollar ganz gut was aus (vom verzehrten Bier und den unzähligen T-Shirts und Jacken ganz zu schweigen), und für das liebe Geld bekommen die US-Fans auch das geboten, was sie am liebsten sehen: handfeste Auseinandersetzungen zwischen gestandenen Männern und Spannung bis zum Abwinken der karierten Flagge. So manche Rennserie in Deutschland und dem Rest der Welt könnte sich in dieser Hinsicht die eine oder andere Scheibe abschneiden bei den amerikanischen Kollegen.

Gekämpft wird mit der Maschine

Dabei sind NASCAR’s Rennwagen von handzahmen US-Karossen genau so weit entfernt wie ein DTM-Renner vom Audi A4, aber wo beim europäischen Motorsport technische Raffinesse gefordert wird, bietet NASCAR die brachiale Gewalt eines Tyrannosaurus Rex. Gefahren wird mit nahezu identischen Autos, die von antiquierten V8-Motoren mit untenliegenden Nockenwellen angetrieben werden und deren hochprozentiges Bleibenzin von anachronistischen Vergasern zerstäubt wird. Um an der publikumsträchtigen und bisher ausschließlich von US-Herstellern bestückten Serie teilnehmen zu dürfen, musste Toyota seinen V8 erst einmal um Jahrzehnte zurückentwickeln.

Aber manchmal sind Kämpfe mit Keulen ja spannender als die mit Kleinkaliberpistolen, und US-Fans wollen vor allem eins - sie wollen unterhalten werden. Ein Grund, warum's bei NASCAR ständig rummst. Bei den 44 Fahrern, die pro Rennen antreten, sind weniger technische Feinheiten wie gekonntes Anbremsen einer Kurve gefragt, sondern Mano-A-Mano Schlagabtausch über 200 Runden, nicht feinfühliger Drift am Kurvenausgang, sondern Courage im Angesicht des Feindes im (nicht vorhandenen) Rückspiegel. Hier wird nicht mit Finesse die Maschine beherrscht, sondern der Gegner im Zweikampf (oder Drei- oder Vierkampf) niedergerungen, und das meist im wahrsten Sinn des Wortes. Gekämpft wird mit der Maschine, der Rennwagen ist Waffe. Sowas gefällt.

Gewolltes "triple bumping"

Kein Wunder, dass die große Diskussion zum Saison-Start in Daytona nicht der baldige Eintritt der Japaner in die Serie war, sondern das so genannte "draft bumping", eine besonders perfide - wenn auch zugegebenerweise äußerst effektive - Art des Windschattenfahrens, bei dem sich die Boliden gegenseitig wahrhaftig ins Heck donnern, um so noch einen Tick schneller ums Oval zu brettern. Das ist besonders dann lebensgefährlich, wenn es von unerfahrenen und ehrgeizigen Rookies praktiziert wird, und ausgerechnet das Rauhbein Tony Stewart, der dafür bekannt ist, Gegner gern mal aus dem Oval zu katapultieren und seinen Kollegen dann in aller Öffentlichkeit mit Prügeln droht, wenn sie sich revanchieren, plädierte im Vorfeld der Daytona 500 für strenge Strafen fürs "draft bumping", nur um beim Rennen dann zwei Kollegen kurzerhand in die Mauer zu schieben.

Matt Kenseth, eines von Stewarts Opfern, überholte den Chevrolet des Rowdies bei der nächsten Boxenausfahrt und fuhr ihm mit seinem Ford in den vorderen Kotflügel, noch bevor die beiden die Strecke erreichten, was das Publikum mit großem Beifall belohnte. Bei solch rauhen Sitten überrascht es wenig, dass die Drohung mit saftigen Strafen nicht viel half - im Gegenteil, während des Rennens konnte man sogar die Kunst des "triple bumping" bewundern, sozusagen ein (gewollter) dreifacher Auffahrunfall, der die Renner an den Gegnern geradezu vorbeischleuderte.

Spuren von Feindberührung

Es dauerte beim Rennen am vergangenen Sonntag dann auch nur 16 Runden bis zum ersten Crash, und der vom US-Talkshow-Master Jay Leno chauffierte Pace-Car durfte auf die Strecke, eine Corvette Z06, mit 505 PS schneller und deutlich stärker als die Rennwagen, die hinter Leno zum Boxenstop fuhren. NASCAR schreibt für die so genannten Super-Tracks wie Texas, Talladega oder Daytona nämlich "restrictor plates" für die Motoren vor, die die Atemluft der Vergaser einschränkt und die Leistung um mehr als 30 Prozent auf knappe 400 PS beschränkt. Trotz der schwachen Brust erreichen die Boliden Geschwindigkeiten von über 300 Stundenkilometern - und das über Mammutdistanzen von über 800 Kilometer pro Rennen. Für so etwas brauchen wir in Deutschland mindestens zwei Fahrer - in den USA macht das einer.

Die Ausfallquote ist hoch, aber nicht nur wegen des enormen Verschleißes an Fahrern und Material, sondern hauptsächlich weil permanent auf Tuchfühlung gefahren wird und die Fahrzeugpulks stundenlang um Positionen rangeln - beim Rennen in Daytona lagen nach 180 von 200 zu fahrenden Runden die ersten 26 Wagen nur zwei Sekunden auseinander, und es gab 31 Führungswechsel unter 19 verschiedenen Fahrern. Nennen Sie mir ein Rennen in Europa, das eine Stunde lang so spannend ist, geschweige denn die dreieinhalb, die Daytona dauerte. Gefahren wurde meist in Dreier-Reihen, auf bis zu 31 Grad überhöhten Steilkurven ein enorm effektiver Zuschauer-Thrill, und nicht ein einziges Fahrzeug wies nach dem Rennen keine Spuren von Feindberührung auf.

Publikumsliebling und Chevy-Pilot Dale Earnhardt Jr, dessen Vater vor fünf Jahren in Daytona tödlich verunglückte, führte unter dem donnernden Beifall der Viertelmillion das Rennen sieben Mal an, fiel bis auf den 14. Platz zurück, um am Schluss noch mit dem achten Platz davon zu kommen. Der Sieger, Jimmy Johnson, ebenfalls auf Chevrolet, startete vom 9. Startplatz, lag nach mehrmaligen Feindkontakten - unter anderem mit Tony Stewart - auf dem 26. Rang, und schaffte dennoch ein grandioses Herzschlag-Finale. Das würde man sich in der Formel 1 auch mal wünschen.


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