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Neu entwickelter VW Jetta Rucksack-Golf war gestern


In Europa als Biedermann verspottet, in Amerika der meistverkaufte VW: Nun will Volkswagen mit dem neu entwickelten Jetta wieder auf dem US-Markt angreifen. In Deutschland das neue Modell ab Januar zu haben sein - für rund 20.000 Euro.
Von Michael Specht

Wer nach dem biedersten deutschen Auto gefragt wird, dem kommt meistens das Wort Jetta über die Lippen. Auf den "Golf mit Rucksack", wie ihn Kritiker nennen, kann Volkswagen alles andere als stolz sein. Nicht einmal jeder zehnte Golf-Kunde entscheidet sich in Deutschland für das Stufenheckmodell. Wen wundert's? Das Unheil setzten besonders die ersten drei Generationen (1979 bis 1998) des Jetta. Um Geld zu sparen, schweißte VW dem Golf lediglich einen Kofferraum ans Heck und überließ ihn seinem Schicksal. Ein eigenes Profil erhielt der Jetta nicht. Hinzu kamen - zumindest auf dem deutschen Markt - die Sprünge bei der Namensgebung. Aus Jetta wurde Vento, dann Bora und schließlich wieder Jetta.

Jetta hinter Corolla und Civic

Besser lief die Sache in den USA. Dort mag man erstens Stufenheckmodelle lieber als sogenannte Hatchbacks und zweitens behielt der Jetta über alle Generationen seinen Namen. Doch selbst mit diesen guten Voraussetzungen ließ Volkswagen die Konkurrenten - allen voran Toyota - davonziehen. Der japanische Konzern verkaufte 2009 mit 268.000 Einheiten gut drei Mal mehr Corolla als VW Jetta (88.614 Stück). Auch Honda lag mit 214.000 Civic weit vor den Wolfsburgern. Der Grund war schnell gefunden. Der Volkswagen ist den Amis zu europäisch, nicht auf die speziellen Kundenwünsche zugeschnitten und obendrein ein paar tausend Dollar zu teuer.

Nie war er so schön wie heute

Mit der sechsten Generation des Jetta soll genau dies abgestellt werden. Das beginnt mit dem Design. Erstmals in seiner Geschichte erhält der Jetta eine komplett eigene Karosserie, die äußerlich nichts mehr mit dem Golf zu tun hat. VW-Chefdesigner Walter de Silva gelang eine äußerst gut proportionierte Limousine mit langem Radstand, kurzen Überhängen und scharf geschnittenen Konturen. In der Größe legte der Jetta gegenüber dem Vorgänger um neun Zentimeter auf 4,64 Meter zu. Der Radstand wuchs um sechs Zentimeter, was voll und ganz den Gästen auf der Rückbank zugute kommt. Nie saß es sich im Jetta hinten bequemer. Trotzdem kommt der Kofferraum nicht zu kurz. Versprochen wird Platz für 510 Liter Gepäck.

Nüchternes Cockpit

Auch hinter dem Lenkrad gibt es nichts zu kritisieren. VW versteht sein Handwerk, selbst wenn das Interieur ein wenig nüchtern wirkt. Zumindest in der amerikanischen Basisausstattung, die wir für eine erste Testfahrt in San Francisco zur Verfügung hatten. Cockpit und Armaturenbrett überzeugen mit funktionalem Layout. Die klar gezeichneten Rundinstrumente (weiße Ziffern auf schwarzem Grund) lassen sich hervorragend ablesen. Sämtliche Schalter, Regler und Knöpfe sind selbsterklärend. Den Gesamteindruck trübt nur der etwas harte Kunststoff auf dem Armaturenbrett. Doch Volkswagen versichert, europäische Jetta-Kunden können über eine weichere Oberfläche streicheln.

Hightech-Hinterachse für Germany

Weitere Unterschiede zwischen Neuer und Alter Welt bestehen beim Antrieb und Fahrwerk. Für den US-Markt wurde eine etwas einfacher strukturierte Koppellenkerachse - anders hätte man den niedrigen Preis nicht halten können - entwickelt. Doch auch damit ließ sich die VW-Limousine angenehm komfortabel über die Highways dirigieren. Für Europa wird eine aufwändigere Vierlenkerachse aus dem Golf VI verbaut. Sie soll auch bei hohem Kurventempo beste Spurtreue gewährleisten. Und während der Amerikaner gerne noch einen 2,5-Liter-Fünfzylinder-Benziner steuert, endet bei uns die Hubraumskala bei zwei Litern. Zudem kommen ausschließlich Direkteinspritzer mit Turboaufladung zum Einsatz – Diesel wie Benziner. Im Einzelnen sind dies: 1.2 TSI (105 PS), 1.4 TSI (122 und 160 PS), 2.0 TSI (200 PS), 1.6 TDI (105 PS) und 2.0 TDI (140 PS). Der kleinste Benziner und Diesel ist zudem mit dem Spritsparpaket BlueMotion erhältlich und soll den Jetta zu einem Verbrauch von 5,3 beziehungsweise 4,2 Litern verhelfen.

Zukunftsmarkt Amerika

Den Preis des neuen Jetta gibt VW erst in einigen Monaten bekannt. Er soll aber auf Niveau des jetzigen Modells liegen. Damit würde der Jetta 1.2 TSI Trendline bei rund 20.000 Euro beginnen, inklusive Klimaanlage, aber ohne Radio. Deutlich aggressiver positioniert Volkswagen die Preise in den USA. Dort startet der Jetta als Zweiliter-Benziner mit 115 PS und 15.995 Dollar. Man hofft, so den Segmentanteil des Jetta von derzeit acht Prozent mindestens verdoppelt zu können. Um den Faktor vier auf 800.000 Einheiten jährlich will VW gar seine Gesamtverkäufe in den USA steigern. Diese Zielvorgabe gilt für 2018. Helfen soll dabei vor allem eine Limousine oberhalb des Passat. Für dieses momentan NMS (New Midsize Sedan) genannte Modell baut Volkswagen gerade ein neues Werk in Chattanooga/Tennessee.


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