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Probefahrten Landrover: Die Wüsten-Ratte

Fast jeder Hersteller bietet eine Art von Geländewagen an. Die sind allerdings für den Discovery 3 keine Konkurrenz, denn er bezwingt den Untergrund, vor dem sie sich fürchten. Jenseits befestigter Wege ist das Kanten-Monster das Maß der Dinge.

Von Gernot Kramper

Runde Räder, rundes Lenkrad - mehr Kurven braucht ein Wagen nicht. Dem SUV-Trend wohlig, weichgespülter Formen stemmt der Discovery eine Schnauze wie ein Scheunentor entgegen. Hart, ehrlich und unverwechselbar. Einer, wie keiner. Aus der Entfernung schaut man noch zaghaft auf diese Männerfantasie in Stahl. Steht man neben der Haube, die fast bis zur Brust geht, fast man Vertrauen. Mit schwerem Schwung öffnet sich die Tür zur Geländeseligkeit. Ein Ruck, ein Sprung und man sitzt an Bord. Mit dem Discovery erlebt man noch einmal die Liebe auf den ersten Blick, oder man kann gleich wieder aussteigen. Sicken und Hutzen des Vorgängers wurden vollkommen eliminiert. Kantig und glatt steht der Discovery da. Das Design mag nicht jedermanns Sache sein, auf jeden Fall ist es ein großer Wurf. Kein Wagen sieht massiver und bulliger aus. Zugleich ist die Formensprache ruhig und erwachsen, frei von pubertären Verirrungen.

Funktional und solide

Im Innenraum fühlt man sich sofort zu Hause und an der kernigen Seite gepackt. Eckige Formen, aber sanft anzufassen, ein Lenkrad, das das Gefühl vermittelt, allen Fährnissen einer Wüstenexpedition gewachsen zu sein. Und eine Batterie solider Schalter, die sich auch mit Handschuhen bedienen lassen. Fließende Formen gibt es nicht, der Wagen setzt auf senkrechte und waagerechte Flächen. Kleine Kritikpunkte: Das Display des Radios kann der Fahrer in normaler Haltung kaum erkennen. Die Instrumentierung im Cockpit ist etwas zu zurückhaltend gestaltet, ein wenig auffälliger würde man sich Geschwindigkeitsanzeiger und Drehzahlmesser schon wünschen. Liebhaber zarter Formen kommen nicht auf ihre Kosten. Im Discovery geht es schon wuchtig zu. Die Flaschenhalterungen nehmen eine Literflasche auf und selbst mit Zerren und Poltern lässt sich die Innenausstattung nicht erschüttern. Durch Umklappen der Rückbank lässt sich das Ladevolumen des Kofferaums auf bis zu 2558 Litern erweitern. Der Discovery hält hier mit großen Kombis oder Vans mit. Ausgestattet mit insgesamt sieben Sitzplätzen, lässt sich der Wagen absolut als Reise- und Geschäftsfahrzeug benutzen. Die versenkbaren Sitze in der dritten Reihe können auch Erwachsenen zugemutet werden. Werden sie benutzt, schrumpft der Kofferaum natürlich.

Das Aussehen entspricht dem Charakter

Trotz Elektronik und leichtem Gesumme unter der Haube gehört der Discovery zu den beinharten Burschen unter den Offroadern. Fahrgefühle wie in einer Limousine gibt es auch in der neuen Version auf Asphalt nicht. Sein Charakter entspricht einem Wüstenschiff. Weit über der Straße walzt der Fahrer dahin. Unebenheiten machen dem Wagen nichts aus, aber die Behauptung, man glitte unmerklich über sie dahin, träfe nicht die Wahrheit. Auf gewellten Fahrbahnen senkt und hebt sich der Landrover wie ein Eisbrecher in schwerer See. Anders gesagt: Schnell gefahrene Kurven sind immer ein riskantes Manöver, warum sollte der Fahrer dies nicht mitbekommen? Zum Glück beeindruckt die mächtige Schnauze den Fahrer. Zum Rasen, Drängeln und Durchquetschen verführt dieser Wagen nicht. Souveräne Dominanz heißt hier: Übersicht bewahren und Spur halten. Hat man das begriffen, fährt sich der Discovery sehr komfortabel. Selbst bei hohen Geschwindigkeiten bleibt er sicher auf der Straße.

Ein Wagen als Erzieher

Verblüffende Erfahrung, dieser Wagen führt zu einem Fahrstil, wie ihn die Polizei empfiehlt. Endlich einmal wird es nicht zum Mentalitätsproblem auf leerer Ausfallstraße mit 50 Sachen dahinzurollen. Andere Wagen jucken nachts auf menschenleeren Straßen immer unter dem Gasfuß, der Discovery stampft stoisch voran und gibt dem Fahrer das Gefühl, genau so sei es richtig. Wie in allen Fahrzeugen einer gewissen Größe bleibt man überdies von nervigen Manövern der Mitfahrer verschont. Im Berufsverkehr ist der Discovery die reinste Nervennahrung. Natürlich passt der Discovery auch in eine Normgarage. Nur mag er sie nicht teilen. Damit er seinen Platz findet, muss vorher einmal tüchtig ausgeräumt werden.

Kultivierter Kraftkerl

Der Sechszylinder-Diesel beeindruckte bislang auch im Jaguar S-Type oder der Peugeot 607, die mit ihm ausgestattet wurden. Die Zeit erdigen Nagelns ist beim Discovery mit diesem Triebwerk vorbei, die Laufruhe des Motors ist unglaublich. Anstatt werkelnder Zylindertakte surrt die Maschine unter Last wie eine Turbine. Wenn den sechs Töpfen etwas abverlangt wird, etwa bei der Beschleunigung, ist der Motor dabei durchaus zu vernehmen. Schaltet die Automatik aber auf Normal-Betrieb um, ist er nicht mehr zu hören. Das Gewicht des Discovery erfordert mehr Krafteinsatz als ein Jaguar oder ein Peugeot 607. Im Discovery reicht die Leistung immer noch aus, um unangestrengt aus jeder Lage zum Sprint anzusetzen. Im fließenden Verkehr hält das Dickschiff souverän mit. Der Verbrauch hält sich in erfreulichen Grenzen. 12 Liter im Durchschnitt auf selbstgefahrenen 100 Kilometern sind angesichts des Fahrwerks absolut verträglich. Die Firma glaubt an weniger als zehn Liter im Mix.

Der Pfadfinder

Abseits befestigter Wege trumpft der Discovery erst richtig auf. Im Zweifel versteht das Auto mit Luftfederung und "Terrain Response System" mehr vom Gelände als der Fahrer. Der muss eigentlich nicht mehr, als einen Drehschalter auf der Mittelkonsole bedienen. Dort werden die entsprechenden Einstellungen für Motor, Getriebe, Lenkung und Fahrwerk für den jeweiligen Untergrund gewählt. Ganz simpel helfen Piktogramme bei der Entscheidung. Nur ob Schnee/Gras, Felsen, Sand oder Schlamm vor dem Wagen liegen, muss der Fharer wissen, den Rest macht die Technik dann schon.

Unpraktisch? Kein Stück!

Wer mit dem Geländeversteher unterwegs ist, muss sich gleich anhören: "Aber die Parkplätze!" Einmal muss es gesagt werden: Das ist ein ganz närrisches Gewäsch, wurde der Discovery doch nicht dafür gebaut, in winkeligen Innstadtgassen in der dritten Reihe zu parken. Sein Daseinszweck ist es, voller Stolz über eigenen Landbesitz zu kurven. Wer diesen Wagens dennoch in der Nähe von Ballungsräumen stationiert, wohnt zumindest in einer Vorort-Fluchtburg der Besserverdienenden und verschmäht es dort schon aus Prinzip auf der leeren Straßen zu parken, wo doch eigene Räumlichkeiten für jedes Fahrzeug bereitstehen. Im Büro wartet ebenfalls ein reserviertes Plätzchen. Und bei auswärtigen Terminen? Gott ja, da gibt man eben den Schlüssel am Empfang ab. Kurz und knapp: Wer nicht einmal zehn Quadratmeter sein Eigen kann, auf dem er den Discovery abstellen kann, sollte sich von einem deratigen Fahrzeug fernhalten.

Preisklasse

Billiger ist die neue Version nicht geworden. Das Grundmodell TDV6 mit dem 190 PS starken V6-Dieselmotor ist ab 38.500 Euro zu haben. Es besitzt sechs Airbags, Klimaanlage, DSC, CD-Radio, Fensterheber und eine Zentralverriegelung. Das SE-Paket für 4800 Euro bietet zusätzlich Xenonlicht, Luftfederung/Terrain Response, PDC, Sichtpaket und größere Räder. Wer den Wagen nicht nur in der Einkaufszone verkommen lassen will, muss diese Ausgabe tätigen. Im HSE-Kit für weitere 5000 Euro kommen Annehmlichkeiten, wie elektrisch verstellbare Ledersitze, Tempomat, andere Räder und ein aufwändiges Soundsystem hinzu. Dann liegt der Diesel schon bei 48.300 Euro. Im Vergleich zum größeren Range Rover ist der Discovery damit immer noch das günstigere und vor allem bessere Angebot. Weniger edel, aber kerniger: er besitzt die bessere Technik und beschleunigt flotter. Für das gleiche Geld erhält man auch einen gut ausgestatteten Wagen der gehobenen Mittelklasse, aber wesentlich teuerer ist der Landrover auch nicht. Und was macht man mit einem 5er BMW in der Wüste? Richtig, man geht zu Fuß weiter.

Wenn schon Gelände, dann richtig

Sie halten auch nichts von Pseudo-SUVs? Fahrzeugen mit schwächlichen Motoren, die besser in einem Kombi geblieben wären, kastrierten Allradfähigkeiten, die höchstens zum Befahren des heimischen Rasens taugen, aber mit aufgemotzten Karosserien und anmontierten Bullenfängern? Dann ist der Discovery der richtige Wagen. Fertigungsmängel, wie sie die Marke lange Zeit heimsuchten, waren beim bösesten Willen nicht zu entdecken. Nebenbei ist das ein echtes Familienfahrzeug. Wenn die Kids damit von Schule abgeholt werden, dürfte der Stolz-Faktor mit anderen Fahrzeugen kaum zu erreichen sein. Einzige Frage in der allzu kurzen Testphase: Ist es Sünde einen Wagen permanent zu unterfordern?
Jeden Morgen drückt man sich die Nase an der Fensterscheibe platt, trotzdem wollen weder Schnee noch Glatteis über Deutschland hereinbrechen. Immerhin, am Wochenende soll es in den Mittelgebirgen mächtig schneien...

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Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.