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Rallye Transsyberia: "Alleine kommt hier keiner durch"

Dass ein Porsche die Rallye Transsyberia gewinnen würde, daran gab es keine Zweifel. Schließlich bestanden zwei Drittel des Teilnehmerfeldes aus Fahrzeugen des Typs Cayenne S. Doch beinahe wäre ein Erzeugnis des Stuttgarter Herstellers als erster durchs Ziel gegangen, das niemand auf der Liste hatte.

Von Axel F. Busse

Thomas Blank und seine Kollegen wähnten sich auf der sicheren Seite. Zwei komplette Austausch-Ölwannen hatten die Porsche-Mechaniker sich auf ihren Versorgungstruck geladen. Wenn es für eines der Teams auf der Rallye ganz dicke kommen sollte, würden sie das Nötige dabei haben. Es kam noch dicker. Achtmal setzten die Cayennes auf den unerbittlichen Schotter- und Geröllpisten Russlands und der Mongolei so hart auf, dass die drei Millimeter starke Aluwanne einen Riss bekam. Wenn kein Ersatzteil zur Hand ist, bedeutet das normalerweise das Aus für das Fahrzeug. Doch Blank und seine Kollegen Holger Klinke und Siegfried Sparwasser wussten zu improvisieren. Mit Kaltmetallkleber wurde der Behälter wieder so geflickt, dass er bis zum Ende hielt.

Ohne gewiefte Mechaniker ist auch der beste Rallyefahrer nur die Hälfte wert und weil das bei der Transsyberia alle wissen, gab es für die Schrauber als heimliche Stars der Rallye am Ende auch Applaus und Pokale. "Des isch die Motivation, die mir brauchet", schwäbelte Sparwasser hinterher zufrieden, "des zählt mehr als Geld." Der Papierform nach war eigentlich Armin Schwarz als Star der vierten Ausgabe der Transsyberia vorgesehen. Der Ex-Rallye-Europameister führte im Verein mit seinem Copiloten und Navigator Oliver Hilger das Feld lange an. Zwar lagen manchmal nur wenige Sekunden zwischen dem deutschen Team und den Verfolgern aus Amerika, Italien und dem Mittleren Osten, doch der 44-jährige Wahlösterreicher verstand es immer wieder, die Konkurrenz auf Distanz zu halten.

Die neunte Etappe brachte die Ernüchterung für die Cayenne-Teams. Die Dunlop-Spezialreifen waren dem scharfkantigen Gestein auf der 106 km langen Etappe nahe Olgy nicht gewachsen. Gleich reihenweise flogen die teuren Pneus den Besatzungen um die Ohren. Das Reifenwechseln brauchte so viel zeit, dass unversehens der Toyota Landcruiser des Teams Simon und Matt Garnham an die Spitze fuhr. Gleichzeitig machte ein anderer Pilot auf sich aufmerksam, der bis dahin kaum einer so richtig ernst genommen hatte: Dr. Erik Brandenburg, im "richtigen Leben" Proktologe aus Hamburg, steuerte seinen Porsche 911 Carrera Safari gemeinsam mit Copilot Stephan Preuß so geschickt Stück für Stück nach vorn, dass das Gesamtklassement zwei Tage vor Schluss auf den Kopf gestellt schien.

Das mehr als 30 Jahre alte Auto, als Replika des legendären "Safari"-Porsche ein Ergebnis ungezählter Schweiß- und Schrauberstunden, lag in Führung, obwohl ihm als reiner Hecktriebler gegenüber den Allradautos kaum Chancen eingeräumt worden waren. Mit 265 PS und 31 Zentimetern Bodenfreiheit meisterte Brandenburg selbst schwierigstes Terrain und blieb auch von Platten verschont. Eine Wasserdurchfahrt wurde dem 911er-Team schließlich zum Verhängnis. Das kaum 900 Kilo leichte Coupé schwamm plötzlich auf, verlor den Boden unter den Rädern und trieb samt machtloser Besatzung fast 150 Meter in reißender Strömung ab. "Das hat uns den Gesamtsieg gekostet", lautete die nüchterne Einschätzung Brandenburgs, der später jedoch bester Laune den Pokal für das Klassiker-Team entgegen nehmen konnte. Armin Schwarz wurde vermutlich allzu großer Ehrgeiz zum Verhängnis. In der Aufholjagd der letzten Tage, die dem vormaligen Spitzenteam die Führung zurück bringen sollte, beendete eines der tückischen Löcher im scheinbar so ebenen mongolischen Steppenboden die rasante Fahrt des Teams mit der Startnummer 10. Der Cayenne setzte wuchtig auf, wurde herumgerissen, überschlug sich viermal und kam als Schrotthaufen zur Ruhe. Dank des stabilen Sicherheitskäfigs im Cayenne S blieben die Insassen fast unverletzt. Rod Millen und Richard Kelsey vom Team North America ließen ihren Cayenne ganz und trugen den Gesamtsieg davon.

Einziges Damenteam meistert besondere Herausforderung

"Wir wollten vor allem ankommen", sagt Katja Poensgen, die mit ihrer Beifahrerin Petra Rutzka einen Suzuki Grand Vitara pilotierte. Das gelang dem einzigen Damenteam mit Bravour. Vor allem für die gelernte Motorradmechanikerin Rutzka war die Premiere eine besondere Herausforderung. Sie hatte sich erst wenige Wochen vor dem Start in Moskau mit einem GPS-Grundkurs Kenntnisse des Streckenlesens angeeignet. "Vorher hab ich mit Navigation nix am Hut gehabt", offenbarte sie bei der Zielankunft in Ulaanbaatar. Auch ihr zweites Ziel - nicht letzter zu werden - haben die beiden Frauen erreicht. Auf die Probleme mit defekten Querlenkern hätten sie allerdings lieber verzichtet. Wenn es, was nicht entschieden ist, ein weiteres Werks-Engagement Suzukis bei der Rallye Transsyberia gibt, dann wohl mit mehr Widerstand in Federn und Dämpfern.

"Alleine kommt hier keiner durch"

Die Stabilität des Porsche Cayenne erfuhren außer dem Team Schwarz/Hilger auch Neil Hopkins und Paul Watson. Ihr Crash während der 10. Etappe führte zum Abbruch der Prüfung, aber auch sie wurden nur leicht verletzt. Dass alle Teilnehmer gesund die Abschlussparty in Ulaanbaatar feiern konnten, war für den Organisationschef der Rallye Richard Schalber ohnehin der eigentliche Erfolg der Tour. Teamgeist, gegenseitige Unterstützung und gute Zusammenarbeit der Wettbewerber standen für ihn im Vordergrund. "Alleine kommt hier keiner durch", war sich der Rallye-Veteran schon am Start in Moskau sicher.

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