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Kaufguide Youngtimer: Schneeweiß und mit Radkappen, bitte!

Nüchtern und chromfrei. Die 80er Jahre sind da. Aber gerade bei den Ü20-Autos ist der Grat zwischen geschmackssicher und peinlich schmal. stern.de gibt Kauftipps und erklärt, warum Old School in ist.

Ein Traum von einem BMW

Ein Traum von einem BMW

Im Kampf gegen die automobile Langeweile von Polo bis Zafira haben die Deutschen den entdeckt. Seine Besonderheit: Zeitweise Ungeliebtheit als schnöder Gebrauchtwagen. Anders als Allzeit-Ikonen wie Saab 900 Cabrio und Porsche 911 gehört ein Hänger in der Biografie dazu.

Und weil ein Youngtimer mindestens 20 Jahre alt sein muss, um so genannt zu werden, gerät das Jahrzehnt von und Wirtschaftsaufschwung ins Visier: Die Brot- und Butterautos der 80er sind zu Klassikern des Alltags gereift. Sogar Katalysatoren sind kein Problem. Wer statt Mondeo oder Cayenne lieber Geschmack will, sollte aber nicht zum Barock eines Opel Commodore oder Volvo 242 greifen. Sachlichkeit ist angesagt.

Autos: Forever Young – Sehnsucht nach der Kindheit führt zu Youngtimer-Boom
Der alte Luxus garantiert auch heute noch einen großen Auftritt.

Der alte Luxus garantiert auch heute noch einen großen Auftritt.

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Tipp 1: Der Baby-Benz

Der ist da. Klammheimlich hat er sich gemausert: Vom Shuttle-Service für den Tennisplatz zum soliden Untersatz für Studierende und Styler. Er verkörpert Klarheit, Nüchternheit und den Drang nach oben. Er ist zum Youngtimer geworden, dem ehemaligen Trend, der heute eine Selbstverständlichkeit geworden ist, zu einem Ausweis von Stil und Bewusstsein des Fahrers. Und dieses Bewusstsein ist das der 80er: Kohl statt Schmidt, Pop statt Hippie und Weißlack statt Chrom.

Überhaupt, das aufpreisfreie Weiß – es ist wieder da und ziert neue Audi Q7 genauso wie den großstädtischen Mini Cooper. Der Mercedes 190, egal ob als E oder D, ist ihr Urvater. Er ist in, und sorry, der chrombeladene, fast schwülstig gezeichnete und zum Rost neigende Bruder W123 ist out. Ein „Must Buy“? Ja, denn der 190 ist Old School statt Retro, und das Schiebedach gibt’s fast immer dazu. Wichtig ist nur, dass er weder auf Baumarktfelgen läuft noch Spoiler hat – sei denn, es handelt sich um die Sportversion 2.3-16. Radkappen, please!

Tipp 2: Die fahrende Sauna

Als Leonid Breschnjew, der oberste Sowjet, im Herbst 1982 starb, startete in Ingolstadt die Revolution: Der CW-Weltmeister Audi 100 rollte auf die Straßen. Die Scheiben standen so schräg wie bei keinem davor, und als Folge heizte sich der Innenraum bis zu Schmerzgrenze auf. Fahrende Sauna nannte das der Volksmund. Der Geist des Audi 100 ist der von Ferdinand Piech, und für den war die gute Aerodynamik ein Mittel für hohe Geschwindigkeit und niedrigen Verbrauch.

Er ist in, weil er seiner Zeit weit voraus war – ein 5er BMW oder Mittelklasse-Mercedes aus den gleichen Baujahren sieht daneben uralt aus – und weil er Audi zu dem gemacht hat, was die Marke heute ist. Der Audi 100 verkörpert den technoverliebten Spirit der 80er in Reinkultur, und der stilbewusste Youngtimer-Käufer setzt noch einen drauf. Avant, CS, turbo, quattro oder am besten alles zusammen sollte hintendrauf stehen. Für die plüschige Ford Granada-Fraktion bleibt da nur leises Mitleid.

Tipp 3: Der Golf II

Der Youngtimer war ursprünglich das Ergebnis einer Zwickmühle: Die Ebbe im Geldbeute zwang zu Sparsamkeit und Qualität, aber gleichzeitig musste die Würde gewahrt bleiben. Diesem Lastenheft entsprach schon früh der Mercedes Diesel. Für die Youngtimer von heute,

also die Baujahre 1978 bis 1987, trifft das auch auf den Volkswagen Golf II zu.

Wie bitte? Ein Golf II soll ein stilsicheres Auto mit Youngtimer-Qualitäten werden? Er wird es nicht, er ist es schon. Natürlich nicht als heruntergekommener Viertwagen, der zertreten an der Straßenecke steht. Aber ein unverbastelter GTI, GT oder G60 ist eben der Wagen, den die Yuppies im Anzug einstmals gut fanden. Der war schnell wie sie selbst, rational, aufstrebend und im Gegensatz zu seinem von Giorgio Guigiaro gezeichneten Vorgänger aus Deutschland. Heide-Design, höhnten viele, aber zeitlos, und für den stilbewussten Altautofahrer mit dem Vorteil der unbeschränkten Ersatzteilverfügbarkeit ausgestattet. Eine Kaufempfehlung, wenn er gepflegt, sportlich oder als Golf Country sogar die Keimzelle der SUVs ist.

Tipp 4: Der E32

Was klingt wie ein Zusatzstoff im Kaugummi, ist die zweite Generation des 7er BMW. Der hat mit Baujahren ab 1986 die Schwelle zum Youngtimer gerade erst überschritten, ist aber mit seiner eleganten Form, Airbags, ABS und Katalysator jetzt schon ganz klar auf dem Weg zur Fahr-Ikone. Er war eins der ersten 100.000-Mark-Autos und mit dem ersten Nachkriegs-Zwölfzylinder im 750iL der erste echte Konkurrent für die Mercedes S-Klasse.

Kaufen? Ja, bitte, aber mit Verstand. Viele E32 sind in schlechte Hände geraten: Übergroße Felgen, extreme Tieferlegung und zwielichtige Gestalten am Lenkrad zeugen davon. Das ändert aber nichts an der guten Basis, die zudem auch noch deutlich billiger ist als eine S-Klasse oder ein Audi V8. Der Siebener der zweiten Generation ist dabei, in zu werden. Der BMW-Top-Styler von gestern, der 6er als 635 CSi, hat den Weg von der ersten Hand über die Luden und den Kiffer-Film "Lammbock" zum Klassiker schon hinter sich. Der E32 tritt ihn gerade an. Zugreifen.

Tipp 5: Der kleine Hai

Den Spott, den der Porsche 944 bei seinem Debut als 924 ertragen musste, muss für die Macher und Fahrer unerträglich gewesen sein. Mit einer aufgemotzten Audi-Maschine, Frontmotor und Heckklappe war er das Gegenteil des gusseisernen 911. Mit der Neutaufe zum 944 blieb zwar die Karosserie in den Grundfesten erhalten, aber der Motor war komplett neu: Porsche entschied sich, den Achtzylinder vom Hai gezeichneten 928 zu halbieren. Fertig war der kleine Hai.

Beliebt im Sinne eines Verkaufserfolgs war er nicht. Aber vernünftig, wie es die Grünen damals nie werden wollten. Die frühen Modelle überzeugen mit Karomuster auf den Sitzen und dem allseits beliebten Weiß. Und auch die späteren Baujahre mit komplett neuem Interieur und geglättetem Äußeren atmen die kühle Perfektion dieses Autos aus. Ein Youngtimer für Kenner und Könner, die nicht dem zweifelhaften Mythos des schlingernden 911 verfallen sind. Besondere Empfehlung: der 944 S2 drei Liter Hubraum aus vier (!) Zylindern und 211 PS. Gib ihm.

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