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Motorradtour 10 - Waldaj: Materialschlacht und Erinnerungen

Pannen gibt es immer wieder. Auch diesmal ging es nicht ohne. Dafür gab es bewegende Momente: 50 Jahre nach dem Krieg schütteln sich Deutsche und Russen über den Soldatengräbern die Hände.

Von Matthias Schepp

Um sieben Uhr morgens brechen wir bei strömenden Regen aus Waldaj auf, einer Kleinstadt in einer wunderbaren Landschaft von Wäldern und zahllosen Seen. Wie glitzernde Perlen reihen sie sich an Sonnentagen aneinander. Der russische Präsident Putin hat hier eine Datscha und in den letzten Jahren sind die ersten Ressorts entstanden, die von der Qualität auch westlichen Touristen befriedigen.

Rick, der rasende Engländer, war schon eine Stunde vorher fertig, kann uns in dem kleinen Ressort für einen Moment nicht finden und fährt los, ohne auf uns zu warten, ungeduldig wie immer. Die anderen fluchen und schimpfen ihn, einen "bloody brit". Peter macht sich Sorgen: "Wenn der im Gewitterregen auf einer Ölspur abschmiert und im Graben liegt, sieht den doch keiner von uns."

Wichtige Kontakte

Rick wird später zufrieden an der Bar im Europa sitzen, dem besten Hotel von Sankt Petersburg. Dort haben wir zu günstigen Preisen wunderbare Zimmer reserviert, dank Peter, der in Peking für die Kempinski-Gruppe arbeitet. Das Kempinski betreibt auch das Fünf-Sterne-Hotel in Sankt Petersburg.

Während Rick zwei Biere schlürft und mit den langbeinigen Schönheiten an der Bar flirtet, stecken wir sechzig Kilometer vor der Stadt fest, genau dort wo im Zweiten Weltkrieg die Front zwischen der Roten Armee und der angreifenden Wehrmacht verlief. Hitler ließ die prachtvolle Metropole an der Newa, die damals Leningrad hieß, 872 Tage belagern. Eine Million Menschen starben im Bombenhagel, verhungerten, krepierten an Krankheiten oder vor Schwäche. Hitler hasste die Stadt, sah in ihr eine der Geburtsstätten des Kommunismus.

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Materialschlacht

Für uns markiert das Dorf Ryabowa den Ort einer weitere Niederlage bei der unendlichen Materialschlacht auf unserem 12.000 Kilometer langem Weg nach Westen. Bei Tempo achtzig fliegt Peter die Kardanwelle um die Ohren. Wir fragen ein altes Großmütterchen, ob es einen Mechaniker im Dorf gibt. Sie schickt uns zu Pawel. Er ist fünfzig, hat Haare wie ein Silberfuchs und trägt eine Schiebermütze mit dem Heldenabzeichen der Roten Armee.

"Kampf zur Verteidigung des Vaterlandes", steht darauf. Sein Vater bekam den Orden für seine Tapferkeit im Kampf gegen die Deutschen. Zu sechst wuchten wir das kaputte Yangtse-Seitenwagengespann, ein chinesischer Nachbau der BMW R 71, auf Pawels Kleinlastwagen, der Gazelle heißt, aber leider bei weitem nicht so schnell fährt wie der Name verspricht. "Vor fünfzig Jahren haben wir Krieg gegeneinander geführt, jetzt helfen wir uns gegenseitig. Ist das nicht wunderbar", freut er sich. Dann führt uns Pawel zu einem Feld abseits der Straße, auf dem hunderte deutscher Soldaten begraben sind. Über den Gräbern schütteln wir uns die Hände.

Hauptsache ins Bett

Gegen fünf Uhr erreichen wir das Europa-Hotel, das mit seinen 300 eleganten Zimmern direkt am Newski Prospekt liegt, der Champs Elyseé von Petersburg. Ein Dutzend Journalisten erwartet uns. Wir geben Interviews und posieren für Fotos. Dann fläzen wir uns in die großartigen Betten, genießen die warme Dusche und die Aura des 125 Jahre alten Hotels (Informationen und Reservierungen hier

Von den Balkonen schauen wir auf die wunderschöne Kulisse der Stadt, die Zar Peter der Große im 18. Jahrhundert errichten ließ. Er modernisierte Russland und öffnete das Land zum Westen. Am Abend feiern wir in einem Restaurant, in dem ein Musikgruppe Moskauer Nächte, Kalinka und die Wolgafischer singt. Wir haben 10 000 Kilometer geschafft - ein guter Grund eine Flasche Krimsekt zu öffnen.

Verdiente Auszeit

Am nächsten Tag gönnen wir uns eine Auszeit, fahren mit dem Schiff durch die atemberaubend schönen Kanäle der Stadt, die Petersburg den Beinamen Venedig des Nordens eingetragen haben. Wir streifen an der Eremitage vorbei, dem weltberühmten Kunstmuseum, und lassen uns treiben in dem Gewirr aus Prachtstraßen und verschwiegenen Gässchen.

Am Abend umringt uns plötzlich eine Gruppe deutscher Touristen. Alle sind in Anzüge und schicke Kostüme gewandet. Die achtzehnköpfige Reisegruppe gehört zum Rotarierclub Bensheim. Die Hälfte hat bei stern.de von unserer Abenteuerreise gehört und liest jeden Tag mit. "Ich bin begeistert", sagt Ulrike Steinbrenner. Das Team freut sich, dass offenbar viele Menschen in Deutschland unseren Weg von Peking nach Berlin verfolgen.

Rockerbraut

Marika Reckeweg, die Geschäftsführerin einer Pharmafirma, setzt sich im schwarzen kniefreien Rock bei Peter auf den Rücksitz, Klaus Wallach, ein Diplomingenieur, fährt eine Runde alleine. Peter, der gut organisiert wie kein anderer über seine Siebensachen wacht, sendet zwei Stoßgebete zum Himmel, dass sein Bike heil bleibt.

Von Petersburg sind es nur 150 Kilometer zur Grenze nach Estland, von dort 200 Kilometer bis Tallin, wo ein Verwandter von Rene, dem stillen Badenser, auf uns wartet. Renes Cousin leitet dort ein Schlosshotel. Unsere Stimmung ist ausgezeichnet, nur noch knapp zweitausend Kilometer bis Berlin. Wir werden es schaffen.

Einschmuggeln geht nicht

Plötzlich aber ein unerwarteter Rückschlag. Die estnische Botschaft in Peking hatte uns auf schriftliche Anfrage mehrfach versichert, dass unser chinesischer Mechaniker Shang kein eigenes Visum zur Einreise braucht, da er ein Visum für Deutschland und alle Staaten des Schengener Abkommens habe. An der russisch-estnischen Grenze werde das akzeptiert. Zur Sicherheit hatten wir den Cousin von Rene gebeten, in Tallin noch einmal nachzufragen. Die ernüchternde Auskunft: Visum nötig, Minimum eine Woche, in Petersburg für Chinesen nicht zu bekommen. Wir verwerfen die Möglichkeit, Shang im Seitenwagen nach Estland einzuschmuggeln. Zu riskant. Stattdessen kaufen wir ein Flugticket nach Schweden. 350 Kilometer ohne unseren Mechaniker. Wird schon gut gehen, beruhigen wir uns. Keiner ahnt, wie fürchterlich der nächste Tag werden wird.

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