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47. 24 Stunden Rennen Nürburgring 2019: Fünf Tage träumen

Viele Motorsportveranstaltungen auf der ganzen Welt haben mit Zuschauerschund und mangelndem Interesse zu kämpfen. Nicht so das 24 Stunden Rennen am Nürburgring. Hier feiern sich die Autofans selbst und träumen fünf Tage lang von der guten alten Zeit. Auch, weil die Autohersteller mitspielen.

24 h Rennen Nürburgring 2019

24 h Rennen Nürburgring 2019

Formel 1, die 24 Stunden von Le Mans oder die spektakulären Langstreckenrennen in Daytona, Bathurst oder Laguna Seca - echte Publikumsmagneten gibt es nur wenige. Schwerer tut sich die Formel E; noch mehr Marketingevent als die anderen Kreiselveranstaltungen mit überschaubarem sportlichen Wert und allenfalls ein familiärer Nachmittagsevent mit elektrischem Hightech-Anspruch. Doch nicht nur fachkundige Zuschauer merken bei den samstäglichen Veranstaltungen schnell, dass es bei der Formel E nicht um viel mehr geht, als der Elektromobilität einen pseudosportlichen Anspruch zu verleihen. Das 24 Stunden am Nürburgring sind anders - völlig anders. Bei wenigen Motorsportevents auf der ganzen Welt können die Autofans derart perfekt in eine automobile Zeitkapsel eintauchen. Eine Welt von gestern und vorgestern, die sie so lieben und die so fest mit den Themen Automobil und Motorsport verbunden ist, dass viele sie nicht missen möchten. Bestes Beispiel dafür, die diesjährige Auflage, wo es voller denn je war. Stundenlange Staus am Renntag, überfüllte Campingplätze rund um den Nürburgring und in der einzigartigen Startaufstellung der knapp 160 Fahrzeuge waren die Autos durch die tausenden von Besucher kaum mehr zu sehen.

Fünf Tage träumen
24 h Rennen Nürburgring 2019

24 h Rennen Nürburgring 2019

Das zum 47. Mal ausgefahrene Eifelspektakel ist seit Jahrzehnten viel mehr als ein Autorennen, bei dem Fahrzeuge vom privat eingesetzten Renault Clio über mächtige wummernde Ford Mustang bis hin zu Top Teams mit GT3-Boliden wie Porsche 911, Mercedes AMG GT, Ferrari 488 oder Audi R8 mit mehr als 260 km/h 24 Stunden über die schwierigste Rennstrecke der Welt donnern. Und natürlich wird rund um die Nordschleife seit Jahren gesoffen, gefeiert, getanzt und gegrillt - ein Partyareal, das seinesgleichen sucht und dabei Mallorca, Oktoberfest und Kölner Karneval gleichermaßen in den Schatten stellt. Aber genau das ist eben der Motorsport in seiner ursprünglichen Art wie es ihn wohl nur noch in der Eifel gibt. Zum 24 Stunden Rennen kommt kaum jemand allein und wer doch - bleibt es nicht lange. Viele reisen mit der ganzen Familie oder mit Clubs an, treffen Freunde oder feiern hier jedes Jahr im Frühsommer ein Fest, das es so nur einmal im Jahr gibt. Ähnlich ist es vielleicht bei den Langstreckenklassikern in Daytona, Sebring (jeweils USA), Bathurst (Australien) und natürlich in Le Mans - doch so abgefahren wie am Nürburgring ist es nirgends anders.

Dass die Fans das Rennen in der Eifel so verehren, den Fahrern und ihren zu Legenden erhobenen Geschichten so huldigen mag keinen überraschen, der einmal hier war. Umso mehr, dass sich viele Autohersteller mit der Vermarktung einer der größten Motorsportveranstaltung der Welt so schwertun. Werden in der Formel 1, bei der Formel E und selbst bei der unverändert blassen DTM sechs- bis siebenstellige Summen in bunte Pavillons, Rahmenevents und eine perfekte Außendarstellung gesteckt, so sieht das beim deutschen Langstreckenpokal und dem Jahreshöhepunkt den 24 Stunden am Nürburgring ganz anders aus. Mal ja - mal nein, mal groß - mal klein - mal gar nicht. Trotz unbestrittenem sportlichem Wert, weltweitem Image und den besten GT-Fahrern auf der Welt spielen viele Hersteller nur das kleine Programm. Die Fanpavillons sind bisweilen kaum größer als Baucontainer, Merchandising und Fahrerinszenierung hat selbst bei den imageträchtigen Premiumherstellern jede Menge Potenzial, während Importmarken wie Toyota oder Hyundai an der Nordschleife mittlerweile ebenso Vollgas geben wie die Reifenhersteller, die sich hier traditionell besonders stark in Szene setzen.

Es scheint fast, als wäre es dem ein oder anderen Autobauer peinlich, in der Tourenwagenszene aktiv und erfolgreich zu sein, wo Elektroautos oder hybrides Gedankengut abseits von wenig erfolgreichen Intermezzi bisher nicht viel zu suchen haben. Porsche hatte vor Jahren mit einem hybriden 911er eine echte Siegchance, während der Gumpert Apollo eher durch sein Design, als durch Erfolge für Unterhaltung sorgten. Das war es. Die Fans kommen an die Nordschleife, weil viele der besten Piloten der Welt 24 Stunden mit Vollgas bei jedem nur erdenklichen Wetter über die schwerste Rennstrecke der Welt donnern. Vollgasorgien im Porsche 911 gegen Audi R8, BMW M6 oder Mercedes AMG GT - das ist es was die Zuschauer sehen wollen. Reifenplatzer, Abflüge, Überholmanöver, Reifenwechsel und Reparaturen in der überfüllten Boxengasse, wo die Teams Rücken an Rücken die gleichen Höchstleistungen wie die Piloten bringen.

Genau dafür nehmen die Fans Urlaub, bauen Zeltstädte am Schwabenschwanz, zelten am Wippermann oder am Brünnchen - feiern und grillen sich dabei um Kopf oder Kragen. Das ist Motorsport, wie er schon immer war und wie sich ihn viele nach wie vor sehnlichst Wünschen. CEOs und Vorstände werden hier weit weniger als bei anderen Rennengagements gesehen - Hybrid und Elektro sucht man vergebens und statt veganem Superfood gibt es am Ring Currywurst, Pommes und das Adenauer-Pfännchen - doppelt Sahne oder gar nicht. Eine der wenigen Ausnahmen ist PSA-Konzernchef Carlos Tavares, der traditionell als privater Starter in einem Opel Astra OPC dabei ist und die jüngsten Elektrotendenzen von Opel, Citroen und Peugeot bis Montagmorgen vergessen hat. Er kommt seit Jahren. Als einer von wenigen zelebriert Porsche das 24 Stunden Rennen seit Jahr und Tag als Höhepunkt im prallen Jahreskalender. 15 hauseigene Toppiloten kamen direkt aus Le Mans an den Ring.

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Bei dem Langstreckenrennen in der diesmal allzu sonnigen Eifel geht es nicht um Energiegehalt, Rekuperation und das richtige Management, die Konkurrenz auf einem langweiligen Stadtkurs zu blocken - hier gibt es echten Rennsport, wenn der grelle Manthey-Porsche auf der Hohen Acht oder der Döttinger Höhe gegen BMW M6, Ferrari 488 kämpft und nach Start und Ziel versucht, Audi R8, Lamborghini Huracan oder Mercedes AMG GT3 hinter sich zu lassen. Unfälle, Pannen, Wolkenbrüche und Sonnenbrand gehören seit Jahrzehnten dazu - diesmal erwischte es BMW als einen der Favoriten mit zahlreichen frühen Ausfällen besonders hart und auch der lange Zeit führende Manthey Porsche fiel letztlich durch eine Zeitstrafe noch auf Platz zwei zurück. So siegte der Audi R8 GT3 mit der Startnummer 4 vor Porsche 911 GT3 mit der Nummer 911 vor Mercedes AMG.

Doch wer das Rennen auch gewinnt - die Begeisterung ist jedes Mal unbeschreiblich. Hier dürfen die Fans eben sein, wie sie sind und so geben sie sich auch. Es geht mehr um Vollgas, denn um Renntaktik, mehr um Haltbarkeit denn um das beste Energiehandling. Kein Wunder, dass die Fans in Massen strömen und mehr als 200.000 Zuschauer jedes Jahr an den Ring pilgern. In die eigene Historie einzutauchen, in die Geschichte der Rennstrecke und der Marken dazu gehört dieses einzigartige Kurvengeschlängel ebenso wie die bodenständigen Streckensprecher, denen fünf Tage keine Anekdote zu platt und keine Plattitüde zu blöd ist, als dass diese nicht von den Fans an der Strecke aufgesogen würde. Die allermeisten kommen wieder - denn nur hier wird der Motorsport und das Auto gefeiert, wie nirgends anders.

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