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Radunfall Kampfradler beschimpfte sein sterbendes Opfer – nun kam das Urteil

Charlie A. war mit einem reinen Sportrad auf der Straße unterwegs (Symbolbild).
Charlie A. war mit einem reinen Sportrad auf der Straße unterwegs (Symbolbild).
© Piola666/Gettyimages
Ohne zu bremsen, überfuhr Charlie A. eine Fußgängerin mit seinem Fahrrad. Noch am Unfallort beschimpfte er die Sterbende, im Internet gab er ihr die Schuld. Nun erging ein mildes Urteil – schuld daran ist Unachtsamkeit.

Charlie A., 20, ist Englands meist gehasster Radfahrer. Als erster Radler überhaupt wurde er in Großbritannien wegen Totschlags angeklagt. Vor Gericht kam er nun mit einem blauen Auge davon. Im Februar 2016 hatte er die 44-jährige Kim Briggs angefahren, sie starb an den Verletzungen. Vom Vorwurf des Totschlags wurde er nun freigesprochen, allerdings wurde er des gefährlichen Fahrens für schuldig gefunden. Das Strafmaß wird noch festgelegt – es kann bis zu zwei Jahren Haft betragen.

Besonderer Unfall

Zwei Dinge hoben den Unfall in London von anderen Unglücken hervor: Charlie A.s menschenverachtende Einstellung und sein spezielles Rad. Er war damals sehr schnell im Londoner Verkehr unterwegs gewesen - mit einem Rad gebaut für Bahnrennen. Das Problem: Derartige Räder sind nicht für den Gebrauch auf öffentlichen Wegen gebaut, sie besitzen keine Straßenzulassung. Und das aus gutem Grund: A.s Rad hatte keine Vorderradbremse. Genau genommen hatte das Rad auch keine Hinterradbremse – bei dem Fixie kann der Hinterreifen nur mit den Pedalen abgebremst werden. 

Bei dem Unfall überquerte die Fußgängerin Kim Briggs die Straße, auf der A. fuhr. Der Biker soll sie zwei Mal angeschrien haben, sie solle ihm aus dem Weg gehen – eine Klingel besaß das Rad nämlich nicht. Er schrie - verzögerte seine Fahrt aber nicht. Abgelenkt durch ihr Smartphone soll Briggs allerdings nicht auf die Rufe reagiert haben. So kam es zu dem Zusammenstoß, die schwerverletzte Frau starb später im Krankenhaus. Auch A. stürzte, sprang aber sofort wieder auf und beschimpfte die schwerverletzte Frau. Das berichtet jedenfalls eine Zeuge des Unfalls. 

Kampfradler zeigt keine Einsicht

Seine egoistische Sicht der Dinge verriet der Unfallfahrer dann auch noch in mehreren Post im Internet. Unter einem Artikel behauptete er, dass Briggs ihn "ignoriert" und wegen ihres Telefons in seinem Weg gestanden habe. In einem Sportforum beschrieb er, wie er Briggs mit den Rufen "Geh aus meinem verdammten Weg!" gewarnt habe. "Ich fühle mich schlecht wegen ihrer Verletzungen, kann aber nicht sagen, dass es meine Schuld war." Vor allem sorgte er sich um den Carbonrahmen seines Rades.

"Das war ein sehr schwerer Unfall, also will ich nicht sagen, es ist ihre Schuld und sie hat es verdient. Aber ja, es ist ihre Schuld, doch sie hat es nicht verdient", so A. im Forum. "Hoffentlich hat sie diese Lektion verstanden. Es hätte nicht dazu kommen müssen, was soll ich sagen."

Gleichzeitig beschwerte er sich, dass die Leute die Frau für das Opfer hielten. "Ich kann überhaupt nichts dafür, dass sich die Leute für unsterblich halten und keinen Respekt vor Radfahrern haben." 

Dass sein Rad nicht auf der Straße benutzt werden darf, wusste A. eigentlich, auch wenn er es vor Gericht abstritt.  Dem Vorbesitzer des Bikes soll er vorgemacht haben, dass er es nur für Bahnrennen benutzen wolle. Gegen ihn sprach auch ein Tweet, in dem er seine Bewunderung für die gefährlichen Fahrradstunts von Lucas Brunelle äußerte: "Wenn du zum ersten Mal die Bremsen abbaust und dich fühlst wie in einem @luscasbrunelle Film!". 

Komplizierter Ablauf des Unfalls

Charlie A. ist der erste Radfahrer, der in Großbritannien wegen Totschlag angeklagt wurde. Dass er von dem Vorwurf freigesprochen wurde, kann allerdings nicht verwundern. Der Richter war erstaunt, dass A. auch im Gericht "keine Spur von Reue" zeigte. Die Worte des Angeklagten sind vollkommen unangemessenen, auch wenn das Opfer nicht auf den Verkehr geachtet haben soll. In seinen Postings behauptete A., Briggs habe telefoniert. Vor Gericht stellte sich heraus, dass er das Telefon zum ersten Mal nach dem Unfall gesehen hat.

Unfall hätte vermieden werden können

In Deutschland spielt in solchen Fällen der Begriff der Gefährdungshaftung juristisch eine Rolle, und die ist bei einem nicht-verkehrssicheren Vehikel sehr hoch. Und auch wenn die Verkehrssituation auf der Straße unübersichtlich gewesen ist, steht außer Frage, dass der Unfall ganz anders hätte ablaufen können. Ein anderer Fahrer auf einem Rad mit Scheibenbremsen hätte sein Bike abgebremst. Aus 30 km/h steht so ein Rad bei einer Vollbremsung auf Asphalt in weniger als vier bis fünf Metern. Das dauert keine Sekunde – also deutlich weniger als die Zeit, die A. für seine wütenden Warnrufe benötigte.

Der Unfall wurde von Überwachungskameras aufgezeichnet, das Video im Gericht gezeigt. Darauf soll zu sehen, dass A. mit seinem Rad zwar schnell, aber auch nicht schneller als der übrige Verkehr gefahren sei. 

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels wurde der Eindruck vermittelt, Briggs habe auf der Straße telefoniert - das wurde korrigiert.


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