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Studie von Klimaschutz-Forschern: Autofirmen tricksen beim Spritverbrauch

Autohersteller werben mit einem niedrigen Benzinverbrauch. Tatsächlich schlucken die Autos viel mehr als angegeben, zeigt eine Studie. Warum sich Käufer nicht auf den Normverbrauch verlassen können.

Von Gernot Kramper

Der Spritdurst moderner Autos ist größer als der angegebene Normverbrauch - das ärgert die Autofahrer seit Jahren. Eine neue Studie stellt nun fest, dass die Abweichungen noch höher sind, als befürchtet. Im Durchschnitt stoßen Pkw in Europa inzwischen 25 Prozent mehr CO2 aus, als in Verkaufsprospekten angegeben, so das Fazit des International Council on Clean Transportation (ICCT). Hinter den Abweichungen scheint Methode zu stecken. Vor zehn Jahren, als es noch keine Klimaschutzvorgaben für Autos in der EU gab, war die Differenz deutlich geringer. Damals seien es zehn Prozent gewesen, so Peter Mock, Managing Director von ICCT Europa. Die Differenzen wachsen, seitdem die Hersteller aus Gründen des Klimaschutzes den Verbrauch reduzieren mussten. Und zwar um 15 Prozent auf nun 25 Prozent. Ein großer Teil der hochgelobten Spritspartechniken funktioniert offenbar nur auf dem Rollstand, in der Praxis führen sie zu keiner Ersparnis.

Zwischen Theorie und Praxis klafft eine Lücke

Für die Studie wurden die offiziellen Angaben mit Daten aus anderen, unabhängigen Quellen aus verschiedenen europäischen Ländern verglichen. "Sämtliche uns vorliegende Datenquellen bestätigen, dass die Lücke zwischen dem von Herstellern veröffentlichten Kraftstoffverbrauch und dem tatsächlich vom Kunden festgestellten Verbrauch seit Jahren zunimmt", erklärte Peter Mock, Geschäftsführer von ICCT in Europa. Die Ergebnisse seien "beunruhigend". Sie führten zu wachsendem Misstrauen der Kunden und verringerten die Bereitschaft zum Kauf spritsparender Technologien, befürchtet er. Die Analyse beruhe auf dem "tatsächlichen Fahrprofil" von knapp 500.000 neu zugelassenen Pkw in Europa. Allerdings: Der ICCT hat selbst keine Daten erhoben oder Autos untersucht, sondern bestehende Daten von Fahrzeugclubs wie dem ADAC, Leasingfirmen, Verbraucher-Organisationen sowie von Internetseiten wie spritmonitor.de neu ausgewertet.

Für die deutschen Nobelhersteller sind die Ergebnisse besonders peinlich: BMW, Audi und Mercedes übertreffen den Durchschnitt der Abweichungen. BMWs sollen sogar 30 Prozent mehr verbrauchen als angegeben. Die Volkswagen-Tochter Audi wies der Studie zufolge eine Kluft von 28 Prozent auf, Mercedes lag mit einer Abweichung von 26 Prozent auf Platz drei. Wesentlich ehrlicher scheinen die Angaben der Importeure zu sein. Die Modelle von Toyota, Renault und Peugeot Citroen schluckten nur 15 bis 16 Prozent mehr Sprit als behauptet.

Schummeln auf dem Prüfstand

Wie ist die Diskrepanz zu erklären? Das derzeitige Verfahren des Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ) bietet den Herstellern viele Schlupflöcher, um die Wagen verbrauchsoptimiert zu präparieren. Leichtlaufreifen und Spezialöle gehören noch zu den harmloseren Tricks. Ein neuer weltweiter Test soll den NEFZ ersetzen, durch ihn sollen die Angaben mehr Praxisbezug bekommen. Nur allzu viel sollte man sich davon nicht versprechen. Laborwerte werden nie der individuellen Fahrpraxis entsprechen. Vor allem dann, wenn der Test alle Fahrzeuge vom Kleinstwagen bis zum SUV abdecken soll. Auch die Fahrpraxis in verschiedenen Ländern wird kaum zu vergleichen sein. Eine Überlandfahrt bedeutet in den meisten Ländern konstant 120 km/h. In Deutschland heißt Autobahn für viele Fahrer: Tempo 220 mit abrupten Brems- und rasanten Beschleunigungsmanövern. In Neumünster meint städtisch, dass man gelegentlich an der Ampel steht, im Moloch Moskau dagegen, dass man rettungslos im Verkehrsinfarkt feststeckt.

Als Angabe für den echten Spritverbrauch taugen Normangaben nicht. Die Seiten Spritmonitor.de und der ADAC Ecotest sind besser geeignet. Im Spritmonitor tragen normale Fahrer ihre Verbrauchswerte aus der Praxis ein. Eine andere Informationsquelle ist der renommierte ADAC Eco-Test. Seine Werte relativieren die Aussagen der neuen Studie allerdings gewaltig. Beim scheinbaren Schummelweltmeister BMW kommt der ADAC zu durchaus positiven Ergebnissen. Beim Sparmodell BMW 320d Efficient Dynamics Edition Blue Performance gibt BMW einen Verbrauch von 4,1 Litern an, der ADAC ermittelte 4,48 Liter. Bei einem typischen Dienstwagen wie dem BMW 320d Touring Blue Performance Sport Line Automatic beträgt der Normverbrauch 4,7 Liter, der ADAC verbrauchte 5,21 Liter. Beim Audi A4 2.0 TDI Ambition gibt es ein ähnliches Bild: Die Norm sagt 4,3 Liter, gefahren wurde mit 4,86 Litern. Die Abweichungen liegen zwischen 10 und 15 Prozent. Die Werte des NEFZ lassen sich also in etwa erreichen.

Der Staat vertraut der Norm

Die Ergebnisse des ADAC bedeuten nicht, dass die ICC-Daten falsch sind. Der ADAC ermittelt, wie man sein Fahrzeug praxisgerecht und sparsam bewegen kann. Was ab er, wenn der Fahrer das gar nicht beabsichtig? Die neue Studie berücksichtigt die tatsächlichen Verbräuche auf der Straße. Die Vermutung liegt nahe, dass vielen Fahrern Geschwindigkeit und Fahrspaß mehr bedeuten, als ein optimaler Verbrauch. Das zeigen auch die Reports im Spritmonitor. Manche Fahrer kommen bei ihrem 3er BMW mit 185 Diesel-PS mit 4,8 Liter über die Runden, andere kratzen an der Sieben-Liter-Marke.

Was heißt das für den Verbraucher? Von einer echten Verbrauchslüge der Hersteller kann man nicht sprechen, solange sich die Normangaben erreichen lassen. Was die Autofirmen aber verschweigen: Das geht nur, wenn immer diszipliniert und ökologisch gefahren wird. Wer einfach den unbeschwerten Fahrspaß genießen möchte, den ihm die Werbung verspricht, kann den Normverbrauch vergessen.

Der Kunde kann seinen Verbrauch in Grenzen selbst bestimmen. Der Staat dagegen hat bisher fest darauf vertraut, dass die Angaben die Realität wiedergeben. Zum Beispiel berechnen Behörden die Kfz-Steuern auf Grundlage der utopischen Normwerte. Auch die europäischen Klimaziele sollen auf dieser Basis erreicht werden. Aber natürlich wird die Umwelt mit einem lediglich theoretisch reduzierten CO2-Ausstoß nicht entlastet.

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