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Autotrend: Klein, schick und sparsam

Leere Taschen bei den Käufern und der Zwang zur Verbrauchsreduzierung auf breiter Front zwingen die Autohersteller zum Bau kleiner, kompakter Flitzer. Eine Welle raumsparender Spritknauserer rollt auf die Kundschaft zu. Auch die demographische Entwicklung sichert den Zuwachs.

Von Christoph M. Schwarzer

Bist Du aber groß geworden! Der Satz, den sich rotzfreche Jungs von Oma nur unwillig anhören, gilt auch für den Golf und seine Klassenkameraden: Zwischen der ersten Version von 1974 und einem neuen Wolfsburger liegen nicht nur fast 50 Zentimeter, sondern auch etliche Kilos. Klein und kompakt? Schau’ zwei Klassen tiefer, da ist frischer Platz für den kommenden Boom im Stadtwagensegment.

Eine Welle durchdachter Sparautos rollt hier auf die Kundschaft zu: Die Zwillinge Opel Agila und Suzuki Splash. Der koreanisch Hyundai i10 und der japanische Toyota iQ. Der neue Ford Ka. Und natürlich die kommenden Mini-Konkurrenten Audi A1 und Alfa Romeo Junior. So viele neue Produkte im ertragsschwachen Niedrigpreisbereich nur aus Nächstenliebe? Nein, sagt Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research der Fachhochschule Gelsenkirchen. Die handfesten Ursachen sind der Zwang zu einem niedrigeren Flottenverbrauch bei den Herstellern sowie die schwächere Kaufkraft, geringere Fahrleistungen und eine geänderte Demographie bei den Kunden.

Könnten Sie sich vorstellen, einen Kleinwagen zu fahren?

Die EU macht richtig Druck

Wie wichtig kleine, leichte und damit sparsame Autos sind, zeigt ein Blick auf die Forderungen der EU-Kommission. Obwohl die exakten Richtlinien und Strafen noch nicht ausgearbeitet sind, gilt ein Zielwert beim Flottenverbrauch von 130 Gramm pro Kilometer. Dieser Kohlendioxidwert entspricht circa 4,7 Liter beim Diesel und etwa 5,4 Liter beim Benziner. Weil der Flottenverbrauch nichts anderes ist als der Durchschnitt aller tatsächlich verkauften Autos, sind gerade die deutschen Topherstellern unter Druck.

Den Wert von 130 Gramm können sie nur schaffen, wenn sie neben der technikbasierten Verbrauchsreduktion bei S-Klasse und Tiguan zusätzliche Kleinwagen anbieten. Die senken den Schnitt. Siehe Smart bei Mercedes oder der geplante Up! bei Volkswagen. Eigentlich liegt die EU-Forderung bei 120 Gramm. Die letzten zehn Gramm sollen auf das Konto der Pflichtbeimischung beim Biosprit gehen. Zumindest in Deutschland werden also alle Autofahrer für die Versäumnisse der Hersteller zahlen dürfen, denen sonst hohe Strafzahlungen ins Haus stehen.

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Schwächere Kaufkraft bei den Kunden

Den Nutzen dieser Entwicklung hat der Käufer. Der hat ohnehin weniger Geld in der Tasche. Klar, das Segment der kompakten SUVs boomt auch, aber für die breite Masse der Pendler und Shopper sind die Geländewagen zu groß, zu fett und zu teuer. Also auf zum Fiat-Händler und im schmucken 500er zur Probe gesessen. Autobahnetappen werden auch mit ihm nicht zur Tortour, die Zahl der potenziellen Parkplätze in der City wächst. Spätestens an der Zapfsäule wächst die Erkenntnis, dass weniger Ballast weniger Kosten bedeutet.

Die demographische Entwicklung in Deutschland tut ein Übriges, um die Nachfrage im Kleinwagensektor zu stärken. Wegen der allgemeinen Alterung und der Billigflieger nimmt die Gesamtfahrleistung ab. Ein Pensionär fährt einfach weniger als der Berufsfahrer. Und, da jault das Rentensystem, die Zahl der echten Familien sinkt stetig. Zu fünft im Käfer? Ja, das ging, aber mehr als zwei Kinder sind 2008 die Ausnahme. Der Single fährt allein zur Maloche, da fällt der Verzicht auf den einen oder anderen Zentimeter zwischen den Achsen nicht schwer.

Andere Europäer lieben Kleinwagen

Unsere Nachbarn in Europa wissen das schon lange. Laut der Studie von Professor Dudenhöffer lag der Marktanteil der Klein- und Kleinstwagen 2007 in Italien bei knapp 53 Prozent. Frankreich kommt auf über 37 Prozent, die Briten auf fast 31 Prozent. Die Deutschen liegen bei 23,7 Prozent. Während die Forscher der FH Gelsenkirchen in Italien eine Marktsättigung sehen, soll’s bei uns erst richtig losgehen: Im Vergleich zu 2005 soll 2011 ein Plus von 29 Prozent erreicht sein.

Image im Wandel

Die deutschen Autobauer müssen sich anstrengen, dabei noch Geld zu verdienen. Nicht umsonst stecken im Mini von BMW jetzt schon Motoren des französischen PSA-Konzerns (Peugeot und Citroen). Die Masse macht’s. Im Volkswagen-Konzern ist ein Gewinn beim Up! nur drin, wenn er in großen Stückzahlen als VW, als Skoda und vielleicht auch als Seat oder Audi gebaut wird.

Keine Anstrengung wird das alles für die Kunden. Die können sich genüsslich dem Imagewandel hingeben. Während ein richtiger Mann vor 30 Jahren mit steigendem Bankkonto und wachsendem Hüftumfang auch ordentlich Masse zwischen den Rädern brauchte, ist nun Downsizing angesagt: Beim Bankkonto, weil’s so ist, beim Hüftumfang für die Gesundheit und beim Auto, weil’s Spaß macht und spart.

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