Biosprit Verwirrspiel für Otto Normalverbraucher


Seitdem die Bundesregierung plant, die Bioethanolquote im Benzin von aktuell fünf auf zehn Prozent zu verdoppeln, kommen ständig neue Zahlen auf den Tisch: Wie viele Autos vertragen den E10 genannten Saft nicht? stern.de ordnet die Zahlen und erklärt, welche Interessen dahinter stecken.
Von Christoph M. Schwarzer

Mehr als 35 Millionen Autos in Deutschland tanken Benzin statt Diesel. Schon jetzt sind in jedem Liter Normal, Super und Super Plus fünf Volumenprozent Bioethanol enthalten. E5 nennt sich dieser Sprit, und keiner hat je darüber gemeckert. Erst, seit die Bundesregierung eine Verdoppelung dieser Pflichtbeimischung in die "Roadmap Biokraftstoffe" aufnahm, ist das Geschrei da: Im Dezember meldete der ADAC, dass "Millionen" Autos das viele Ethanol nicht vertragen würden. Und in der Tat, Ethanol, also Trinkalkohol, ist in rauen Mengen nicht nur für den Menschen schädlich. Er kann die Kraftstoffleitungen angreifen, Ventilsitze schädigen und über falsche Zündungen sogar dem Katalysator den Garaus machen.

Das wäre alles kein Problem, schließlich sah der Plan der Bundesregierung vor, Super Plus als so genannte Bestandsschutzsorte auf lange Sicht weiter wie gehabt mit nur fünf Prozent Beimischung anzubieten. Was den Zorn der Massen erregt: Super Plus kann bis zu 15 Cent pro Liter mehr kosten. Eine Kröte, die nach den ersten Zahlen des Verbands der deutschen Autohersteller VDA "höchstens 375.000" Fahrzeuge und deren Halter schlucken müssten. Dieses gute eine Prozent des Bestands der Benziner müsse man hinnehmen, hieß es aus Berlin, schließlich gehe es nicht nur darum, Kohlendioxid einzusparen, sondern zusätzlich mehr Unabhängigkeit vom Rohöl zu erreichen. Die Vision: Deutschland fährt mit dem Sprit vom eigenen Acker.

Die Realität hat sich inzwischen verschoben. Nicht nur, dass der VDA die Zahl auf 190.000 Autos nach unten korrigiert hat. Umweltminister Gabriel hat auch erkannt, dass der VDA eben nur für die deutsche Autoindustrie gesprochen hat, und nicht für die Importeure von Renault über Toyota bis Fiat. Wie hoch die Zahlen genau sind, scheint keiner so genau zu wissen. Der ADAC, dem anfangs keine genauen Zahlen vorlagen, hat selbst recherchiert. Er verglich die Freigabelisten der Hersteller mit den Zulassungszahlen und kam auf über drei Millionen Autos, die das neue E10 nicht vertragen. Den 190.000 Autos aus deutscher Produktion nach Angaben des VDA stehen also mehr als drei Millionen auf Basis der Nachforschungen des ADAC gegenüber. Und Sigmar Gabriel hat sich festgelegt: Wenn die Zahl der Autofahrer, die auf Super Plus umsteigen müssten, mehr als eine Million betrüge, könne man die Anhebung der Quote vergessen.

Sechs Cent mehr pro Liter

Wer hat falsch recherchiert - der VDA, der ADAC, der Minister oder gar keiner, weil jeder von seinem Standpunkt aus Recht hat? Fest steht, dass es für alle Fahrer kostenschonend wäre, wenn die Hürde von einer Million Autos gerissen und die Verordnung am Ende gekippt würde: Wer sich arrogant ins Fäustchen lacht, da sein modernes Auto E10 locker verträgt, bekäme mit dessen Einführung ebenfalls sein Fett weg. Weil Ethanol im Einkauf etwas teurer ist als Benzin und in absoluten Zahlen 19 Prozent Mehrwertsteuer von 55 Cent eben mehr sind als von 41 Cent, würde sich der Preis für das aussterbende Normalbenzin und das Super in der E10-Version um vom Mineralölwirtschaftsverband geschätzte sechs Cent pro Liter erhöhen.

Hinter jeder Zahl stecken auch Interessen. Sowohl der VDA als auch der Verband der Importeure VDIK wollen vor allem eins: Neue Autos verkaufen. Gleichzeitig kann ihnen nicht daran gelegen sein, hohe Zahlen von E10-unverträglichen Autos zu verkünden. Das wäre ein Imageschaden. Das rechtliche Risiko für die Hersteller, von Klagen motorgeschädigter Halter überhäuft zu werden, ist gering: Laut ADAC liegt die Beweislast beim Fahrer, und der kann sie faktisch nicht erbringen.

Kauf' Dir mal ein neues Auto!

Auch für Umweltminister Sigmar Gabriel sind niedrige Zahlen besser. Nach dem Desaster mit Partikelfiltern bei Dieselmotoren, bei denen man ihm zumindest zu Gute halten kann, von Kriminellen hinters Licht geführt worden zu sein, kann er keine weitere PR-Katastrophe gebrauchen. Bringt er die Verordnung zur Erhöhung der Ethanol-Beimischung auf zehn Prozent doch noch durch, wäre das ein politischer Erfolg für ihn. Dann müsste er nur noch sicherstellen, dass das Ethanol weder auf ehemaligem Regenwaldgebiet gewonnen würde noch den Brotpreis in fernen Ländern in die Höhe getrieben hätte.

Umgekehrt sieht es beim ADAC aus. Der will die Autofahrer schützen. Vor hohen Spritpreisen und vor Schäden am Auto, für die niemand aufkommt. Auch er ist eine Lobbyorganisation, hatte aber bei der "Roadmap Biokraftstoffe" alle gegen sich: Die Autohersteller, die neue Autos verkaufen wollen. Die Bundesregierung, die Biosprit als Lösung fürs Ressourcenproblem sieht. Die chemische Großindustrie, die landwirtschaftlichen Produzenten, Importeure und Verkäufer des Biosprits. Am "Runden Tisch" bei der "Roadmap Biokraftstoffe" war kein Platz für den ADAC.

Zeit für eine Denkpause

Mit der Präzisierung des VDA, der jetzt 190.000 Autos angibt, die E10-untauglich sind, fehlen jetzt nur noch die Zahlen des VDIK. Sollten die ähnlich niedrig sein, können die Autofahrer schon mal den Geldbeutel zücken. Denn dass den Zahlen des ADAC in den Hauptstadtbehörden mehr geglaubt wird als denen der Hersteller, ist unwahrscheinlich.

Der sprichwörtliche Otto Normalverbraucher ist nicht der einzige Verlierer, wenn der Biospritanteil erhöht wird. Auch der Umweltnutzen ist höchst zweifelhaft: Noch ist nicht klar, wie viel Kohlendioxid durch Biokraftstoffe eingespart wird. Kritiker sagen, dass bei bestimmten Arten durch intensive Bewirtschaftung mehr Energie hinein gesteckt wird, als herauskommt. Ganz zu schweigen von den Pestiziden und Düngemitteln. Und wenn nur ein Mensch hungern muss, weil er sich sein Essen wegen der Konkurrenz von Nahrungsmitteln und Biokraftstoffen nicht mehr leisten kann, ist es Zeit, ein großes STOP-Schild zu setzen, eine Pause zu machen und die Mobilitätspolitik in Deutschland zu überdenken.


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