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Carsharing: Mietwagen für jede Tour

Das Auto als Statussymbol hat ausgedient, der urbane Mensch will eine neue Form der Mobilität. Die verlorenen Käufer will die Autoindustrie mit Mobilitätsdienstleistungen zurückgewinnen. Beim Mietprojekt Car2go funktioniert das erstaunlich gut

Von Michael Specht

In Ulm wurde vor einem Jahr der Versuch gestartet, Menschen an eine andere Art der Mobilität heranzuführen. 200 Smart stehen in der Stadt registrierten Kunden beliebig oft und lange zur Verfügung. Einsteigen, losfahren, abstellen, aussteigen. Die Nutzung wird mit 19 Cent per Minute abgerechnet - ähnlich wie bei einem Handy. Nicht einmal tanken muss der Kunde.

Mobilität im Umbruch

Wozu noch ein Auto kaufen, wenn man es nur 30 Minuten am Tag benötigt? Diese Frage stellen sich vor allem junge Leute in Städten immer häufiger. Ein eigenes Auto gilt als uncool, vielen dürfte der Unterhalt eines Wagens auch zu teuer sein. Marktforschungsinstitute sehen für sämtliche Formen von Car-Sharing-Systemen einen Trend mit hohen Zuwachsraten. Die schlechtesten Prognosen liegen bei 20 Prozent pro Jahr, die besten bei 50 Prozent. Das Car2go-Prinzip ist bislang einmalig. Der Nutzer lässt sich registrieren und kriegt einen Chip auf seinen Führerschein geklebt. Diesen hält er von außen gegen das Lesegerät hinter der Winterschutzscheibe, der Smart öffnet seine Türen. Schlüssel liegt im Handschuhfach. Nun erfolgen auf dem Touchscreen lediglich ein paar Eingaben wie Pin-Nummer und ob der Wagen sauber oder vielleicht beschädigt ist. Die Fahrt kann beginnen. Am Ziel meldet sich der Mieter über seinen Chip wieder ab, Schlüssel zurück ins Handschuhfach, fertig. Der Smart wird für den nächsten Nutzer frei. Gebucht werden kann entweder über eine Service-Hotline, das Internet oder auch über das iPhone. Das Handy zeigt auf einer Karte die Positionen an, wo in näherer Umgebung freie Smart stehen. Reservierungen sind bis zu 24 Stunden im Voraus möglich. Man kann aber auch spontan einsteigen und losfahren. Ein grünes Lämpchen am Lesegerät zeigt, wenn das Auto frei ist.

235.000 Buchungen im ersten Jahr

Car2go hat sich in Ulm so gut bewährt, dass sich statt anfangs geschätzter 8000 mehr als doppelt so viele Personen haben registrieren lassen. "Die Akzeptanz übertraf alle Erwartungen", sagt Robert Hendrich. Er ist Geschäftsführer von car2go. Jeder Smart wurde täglich vier bis acht Mal gemietet, im Schnitt 30 bis 60 Minuten genutzt und zehn bis 15 Kilometer bewegt. Insgesamt gab es 235.000 Mietvorgänge im ersten Jahr. Addiert wurde insgesamt eine Strecke von 3,3 Millionen Kilometern zurückgelegt. Doch die Kapazitätsgrenze ist erreicht. "Es wird zunehmend schwieriger, freie Fahrzeuge zu finden", so Hendrich, "daher werden wir in den kommenden Monaten den Bestand um weitere 100 Smart aufstocken."

Car2go ist bereits mit dem "Öko-Globe" ausgezeichnet worden. Zwar emittieren auch die Smarts Kohlendioxid - wenn auch weniger als andere Autos -, doch den Preis gab es unter anderem auch deswegen, weil "Studenten aus Geldmangel sonst ein alte Karre kaufen würden", wie Hendrich es salopp formuliert, und ergänzt: "Außerdem führt car2go dazu, dass Menschen mit der Mobilität intelligenter umgehen."

Die Sache mit den Parkplätzen

Wie geht es weiter? Die Testphase in Ulm ist abgeschlossen, aber nicht beendet. Das Projekt wird unbefristet fortgesetzt. Im November vergangenen Jahres ist Daimler mit car2go bereits nach Austin/Texas gegangen. Allerdings beschränkt sich der Einsatz dort nur auf die 13.000 Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Auch dort wurde das Mietkonzept sehr positiv angenommen und soll nun auf Privatkunden ausgedehnt werden. "Noch in diesem Jahr ist eine europäische Großstadt dran", verspricht Hendrich. Welche, wollte der Manager allerdings nicht verraten. Spekuliert wird Hamburg oder Rom. Das Problem in den Metropolen ist leider, dass es so gut wie keinen freien Parkraum gibt und sich besonders deutsche Kommunen zieren, gesonderte Flächen für die Miet-Smart auszugeben. Hendrich: "Dass der Kunde einen Parkplatz findet, ist integraler Bestandteil des Systems."

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Die Probleme des Modells

Robert Hendrich sieht naturgemäß nur positive Aspekte an dem Modell. Aber schon an der Parkfrage wird deutlich, dass das System letztlich vom Steuerzahler unterstützt werden soll. Nur mit einem gewissen Überangebot an Parkflächen kann garantiert werden, dass der Kunde den Wagen am Zielort ohne Wartezeit abstellen kann. Der Kauf oder das Anmieten von Flächen zu Marktpreisen kommt daher kaum in Frage. Letztlich läuft die Vision vom überlassenen exklusiven Parkraum auf eine massive Subvention des Projekts durch die jeweilige Kommune hinaus. Argumentative Schützenhilfe bekommt das Ansinnen durch die unterstellte, pauschale Umweltverträglichkeit des Modells. Wird ein eigenes Auto abgemeldet, trifft diese Annahme sich zu, aber bei Kunden die den Car2go-Smart anstelle von Fahrrad oder Bus benutzen, stimmt die schöne Umweltvision nicht.

Wann lohnt sich das

Im Prinzip begeistern sich viele für Carsharing-Modelle, beim kühlen Nachrechnen lohnen sich die Modelle aber nicht für jeden. Wenn man den Smart tatsächlich 30 Minuten am Tag benötigt, ergeben sich in Ulm Kosten von 180 Euro im Monat. Dann rechnet sich der Mietsmart nur so eben gerade. Zum Vergleich: Die Gesamtkosten eines nagelneuen VW Polo liegen bei etwa 350 Euro – das ist dann aber ein richtiges Auto, die Laufleistung ist auf 12.000 km berechnet und der eigene Wagen steht rund um die Uhr zur Verfügung und darf das Ulmer-Gebiet auch verlassen. Das Car2go-Modell lohnt sich erst, wenn der Wagen eben nicht täglich benötigt wird. Also dann, wenn das Mietmodell einen Zweitwagen ersetzt oder wenn das Mietmodell gelegentlich die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel ergänzt.

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