Genfer Autosalon 2009 Demut auf vier Rädern


In Genf will die Automobilindustrie die Krise der Branche vergessen machen und wieder ein Feuerwerk der Modelle präsentieren. Nur, wer außer einem echten PS-Fan interessiert sich jetzt, wo die Zukunft der Konzerne auf der Kippe steht, für tolle Autos?
Von Gernot Kramper

Auf der Agenda stehen andere Fragen, denn es steht nicht gut um das Auto. Volkswagen hat soeben 16.500 Leiharbeiter auf die Straße gesetzt, die Traditionsmarke Opel kann - wenn überhaupt - nur noch mit Staatsgeld in Milliardenhöhe überleben und selbst der Zauber der Sportwagen von Porsche verfängt nicht mehr.

Dennoch rüstet sich Genf zur großen Autoparty. Eine Feier ohne Alternative, denn irgendein positives Signal muss gesendet werden, wenn es auch mehr klingt wie das Pfeifen im Walde. In der Öffentlichkeit will man mit dem "grünen Pavillon" punkten. Dort zeigen zehn Firmen, wie sich die Zukunft des Autos vorstellen. Im Zentrum steht der Elektroantrieb und die Speicherung der Energie in "Lithium Ionen"-Batterien. Mit dabei auch Opel. Dank der Technik des angeblich so grundbösen GM-Konzerns können die Rüsselsheimer den Ampera vorstellen, ein Schwestermodell des Chevrolet Volt. Ausgerüstet ist er mit einem Elektroantrieb und einem Verbrennungsmotor (Range-Extender) zum Aufladen der Batterie.

Sauberer werden sie alle, ob groß oder klein, ob mit oder ohne Strom. Alle Hersteller wollen sich mit Spritspartechnik profilieren. Volkswagen nennt das "BlueMotion", Skoda "Green Line" und "BlueEfficiency" hat Mercedes sich ausgedacht. BMW schwört auf "Efficient Dynamcis" und Ford glaubt an "Econetic". Das sind nicht nur Worte und Ankündigungen, dahinter stehen Modelle, die im Verkaufsraum stehen. Die wichtigste Neuerscheinung, der Volkswagen Polo passt dann auch in die knauserigen Zeiten. Versehen mit Sparmotoren und Start-Stopp-Technik, belastet der Polo nicht das Öko-Gewissen und fällt in eine Klasse, die sich viele auch dank der Abwrackprämie noch leisten können.

Das, was jetzt noch verkauft wird, ist klein und billig. Sparsame Autos unter vier Metern Länge sind im Krisenjahr 20009 auf einmal wie vom Markt gefegt. Wer hier zugreifen will, muss inzwischen lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Eine Ursache ist die Abwrackprämie, weil sie es den Haltern von ungeliebten Altwagen erlaubt, mittels Bonus preiswert zum Neuwagen zu wechseln. Daneben findet aber auch ein Umdenken in den Köpfen statt. Es muss offenbar nicht mehr immer größer und immer stärker sein. Seit dem Sensationserfolg des Fiat 500 gibt es eine ganze Flotte schicker Kleinwagen, die gutes Aussehen mit bescheidener Motorisierung verbinden. Cool und urban, dass passt zum designbewussten Single, der beim Quartett-Wettstreit von Hubraum und PS nicht mitmacht. In diese Kerbe schlägt Citroën mit der Studie DS Inside in Genf. Fiat zeigt seinen 500 C mit kostenbewusstem Faltdach.

Diese automobilen Stil-Entwicklungen finden vor dem Hintergrund eines größeren, gesellschaftlichen Trends statt. Der langwierige Abstieg eines Teils der einstigen Mittelklasse bringt gewaltige ökonomische Verschiebungen mit sich. Schichten, die immer mehr und immer öfter beim Discounter einkaufen müssen, sitzt das Geld nicht mehr so locker wie in früheren Zeiten. Ihr gesellschaftlicher Abstieg führt auch zum Verzicht beim Auto. Das einst so heißgeliebte Statusobjekt ist die teuerste Anschaffung nach dem Hausbau. Für alle, die sich keine Immobilie leisten können, also die teuerste Einzelanschaffung überhaupt. Die Premiumklasse weiß, was sie ihrer Kundschaft schuldet, auch wenn dort im Moment das Geld zusammengehalten wird. Audi zeigt den TT RS als Coupé und Roadster –"weit über 300 PS" sind Ehrensache. Und auch BMW hält sich an die, die bereits alles haben, in Genf wird die Studie 5er Gran Turismo präsentiert. Mercedes sonnt sich im E-Klasse Coupé – auch kein Beispiel für automobile Bescheidenheit.

Die automobile Abstiegsleiter führte von der Mittelklasselimousine, über die Kompaktklasse bis in die Poloklasse. Von dort geht es jetzt weiter bergab: In den Bereich der Minicars oder der ausgesprochenen Billigmobile wie einem Dacia. Im mittleren Preissegment verlieren die Hersteller ihre wichtigste Kundengruppe. Ein Grund für den Abstieg von Opel. Ein aufgehübschter Kleinstwagen ist eben immer noch weit billiger als ein Mittelklassemodell wie der Insignia.

Auf Dauer sind die Trends klar zu erkennen: Im Premiumsegment geht das Spiel von Technik und Verführung weiter wie zuvor, nur mit neuem Klimaaspekt. Auch nach der Krise werden die Reichen nicht ausgestorben sein. Aus der gesellschaftlichen Mitte dagegen werden immer mehr Menschen wohl oder übel zur Bescheidenheit auf vier Rädern bekehrt. Auf lange Sicht liegt hier das größte Problem der etablierten Massenhersteller in Europa und das größte Potenzial der Chinesen.

Aber Genf und alle Automessen sind Publikumsmagneten, zu Hunderttausenden pilgern die Fans herbei, zahlen ihren Eintritt und erwarten dafür einen glänzenden, automobilen Erlebnispark. Muffige Kommentare über den aufpolierten Fuhrpark übersehen den notwendigen Spaßaspekt gern. Keine Branche kann den Anhängern ihrer Produkte eine Schlechte-Laune-Veranstaltung zumuten. Also heißt das Motto: weiter polieren und weiter Lächeln, auch wenn es in diesem Jahr noch schwerer fällt als sonst.


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