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Immer mehr Schlaglöcher: Supersommer lässt Asphalt schmelzen

Der ohnehin schlechte Zustand der deutschen Straßen hat sich durch die Gluthitze noch verschlechtert. Die öffentliche Hand stellt immer weniger Geld für die Beseitigung des "Asphaltkaries" bereit - Den Schaden müssen die Autofaherer ausbaden.

Heute schon eingelocht? - Der Golfspielerspruch machte in diesem Frühjahr auch unter vielen Autofahrern die Runde. Die Milliardenschäden, die der vergangene Winter auf Deutschlands Straßen verursacht hatte, könnten sich im kommenden Frühjahr vervielfachen, befürchtet der Autoclub Europa (ACE): Die Gluthitze dieses Sommers gräbt tiefe Risse für weitere Frostsprengungen in den Asphalt. Außerdem wachsen die Schlaglöcher parallel mit den Finanzlöchern der öffentlichen Hand, die, mit Ausnahme des Bundes, immer weniger in die Sanierung der Straßen investiert.

Der Bund, zuständig für mehr als 12.000 Kilometer Autobahn, hat dem ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner zufolge nun "rechtzeitig zum Ferienfernverkehr" 40 neue Autobahn-Baustellen zu den bereits 459 bestehenden eingerichtet. An sieben dieser Abschnitte hatte die Hitze nach Angaben des ADAC Betonplatten angehoben und bei Lübeck sogar Blasen in den Asphalt geworfen. Dass nun auf insgesamt 1556 Autobahn-Kilometern gewerkelt wird, ist aber vor allem dem Konjunkturprogramm II geschuldet. Es wurde von der früheren rot-grünen Bundesregierung aufgelegt, läuft aber Ende des Jahres aus. Was danach kommt, weiß niemand.

Länder investieren weniger in Straßenbau

Die Länder investieren schon seit langem immer weniger in den Straßenbau, wie das Beispiel Baden-Württemberg zeigt. Dort erfüllt die schwarz-gelbe Landesregierung nicht einmal mehr ihren eigenen Generalverkehrsplan von 1995. Statt der darin vorgesehenen 87 Millionen Euro im Jahr für den Erhalt der Landesstraßen, habe die Regierung nur 34,4 Millionen jährlich ausgegeben, kritisiert der SPD-Verkehrsexperte Hans-Martin Haller. 44 Prozent der Landstraßen sind dem Stuttgarter Verkehrsministerium zufolge inzwischen in einem "schlechten bis sehr schlechten Zustand". Der "finanzielle Spielraum für den Erhalt der Straßen wird immer enger", sagt ein Ministeriumssprecher. Das eigentliche Desaster lauert dem ACE zufolge allerdings im kommunalen Straßennetz, das mit knapp 400.000 Kilometern rund 63 Prozent aller Straßen bundesweit ausmacht. Der ACE schätzt den Finanzbedarf für die Beseitigung der Schäden des vergangenen Winters allein dort auf mehr als 2,5 Milliarden Euro.

Unabhängig davon sind überdies mehr als 64.000 Kilometer schon seit Jahren von "Asphaltkaries" befallen: Diese Strecken seien so sehr von Schlaglöchern und Flickstellen zersetzt, dass nur noch eine Generalsanierung helfen könne, sagte Sprecher Hillgärtner. Die Kosten dafür betragen sich laut ACE auf etwa 25 Milliarden Euro. Geld dafür nehmen Städte und Gemeinden angesichts leerer Kassen aber kaum noch in die Hand. Der ACE geht auf Grund von Umfragen davon aus, dass 68 Prozent der Kommunen die Ausgaben für Straßenunterhaltung strecken und 55 Prozent die Mittel für Neuinvestitionen für den Straßenbau reduzieren wollen.

Sparen am falschen Ende

Aus Ökonomen-Sicht wird damit allerdings am falschen Ende gespart, weil eine gute Verkehrsinfrastruktur die Voraussetzung für einen guten Wirtschaftsstandort ist. Nach Angaben Bundesanstalt für Straßenwesen haben die bundesweiten Verkehrswege einen Anlagewert von geschätzten 478 Milliarden Euro. Jede zusätzliche Milliarde, die an öffentlichen Mitteln in den Ausbau und Neubau von Straßeninfrastruktur investiert wird, bewirkt laut einer Studie der Universität Münster einen volkswirtschaftlichen Jahresnutzen von 173 Millionen Euro. Die Investitionen hätten sich damit nach etwa sechs Jahren amortisiert und zugleich bis zu 18.000 Arbeitsplätze geschaffen.

Weil Investitionen in den Straßenbestand in immer größerem Maß ausbleiben, werde sich das "Schlaglochdesaster" in gesteigerter Form nach dem nächsten Winter wiederholen, warnt Hillgärtner. Aber auch das hätte zumindest in einer Branche positive Auswirkung auf das Wirtschaftswachstum: Autowerkstätten dürften sich freuen.

Jürgen Oeder/AFP / AFP

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