L.A. Auto Show Alles öko, oder was?


Auf der "L.A. Auto Show" hüllt sich die Motorwelt demonstrativ in Grün - doch vieles ist Zukunftsmusik oder schlichtweg schöner Schein.
Von Karsten Lemm, Los Angeles

Der Gouverneur war voll des Lobes: Mehr als 1000 Fahrzeuge auf der "L.A. Auto Show", viele davon Ökomobile mit neuartigen Antrieben, von Biodiesel bis Wasserstoff, das sei "einfach großartig", schwärmte Arnold Schwarzenegger, Kaliforniens oberster Dienstherr, bei seiner Rede zum Messeauftakt. "Die Hersteller wissen, dass wir die Umwelt lieben und dass uns die Welt, die wir unseren Kindern und Kindeskindern hinterlassen, sehr am Herzen liegt." Anschließend begutachtete der selbst ernannte "Governator", der auch heute noch keine Gelegenheit auslässt, auf seine "Terminator"-Filme anzuspielen, ausführlich die Riege der grünen Fahrzeuge, die hinter ihm aufgebaut waren: Kameras klickten und Blitze zuckten, als Schwarzenegger sich den General Motors "Volt" vorführen ließ, ein Konzeptauto mit Elektroantrieb. Er warf neugierige Blicke auf den Honda FCX Clarity, den ersten Serienwagen mit Wasserstoffantrieb, inspizierte den erfolgreichen Toyota Prius mit Hybrid-Antrieb und informierte sich über die Ideen deutscher Hersteller, Diesel sauberer zu machen.

Auf dem Volkswagen-Stand saß Schwarzenegger gleich noch Probe im "space up! blue", einem Minibus mit null Abgasen: Im Batteriebetrieb soll der 3,69 Meter lange Viersitzer auf ein Spitzentempo von 120 km/h kommen und 100 Kilometer weit durchhalten, ehe an der Steckdose nachgetankt werden muss. Im Tandem mit einer Wasserstoff-Brennstoffzelle kommt das Wägelchen sogar auf 350 Kilometer Reichweite. Solarzellen auf dem Dach liefern bei Sonnenschein zusätzlich Strom, der für die Klimaanlage oder das Aufladen der Batterien genutzt werden kann.

Zukunft heißt, das kann noch dauern

Doch ob das Zukunftsmobil je auf den Markt kommt - und wenn ja, zu welchem Preis - ist völlig offen. Der "space up! blue" sei "erstmal nur ein Konzeptauto", sagt Stefan Jacoby, Volkswagens neuer Chef für das US-Geschäft, im Interview mit stern.de . Fürs Erste setzen die Wolfsburger, genau wie ihre Kollegen von Audi, BMW und Mercedes, auf Diesel als saubere Alternative zum Ottomotor - obwohl Amerikaner bei Diesel eher an stinkende Trucks als Umweltschutz denken. Der Zeit voraus fährt auch Hondas Wasserstoff-Auto FCX Clarity: Zwar soll der Saubermann, der etwa 3,4 Liter auf 100 Kilometer verbraucht und nichts als Wasserdampf ausstößt, schon im nächsten Sommer per Leasing angeboten werden - allerdings auf absehbare Zeit nur in Südkalifornien, denn ausschließlich dort gibt es bereits Tankstellen für das Brennstoffzellen-Gefährt. Genaugenommen drei, alle rund um Los Angeles: Eine Tankstelle steht in Santa Monica, die zweite in Irvine, die dritte in Torrance. "Die Infrastruktur ist ein Problem", räumt Honda-Sprecher Sage Marie ein. Deshalb hat die Firma eine "Home Energy Station" entwickelt, die es erlauben soll, im Heimbetrieb umweltfreundlich Wasserstoff zu gewinnen.

Wasserstoff zum Selbermachen

Ein Werbefilm auf dem Honda-Stand zeigt das Konzept in einer Endlosschleife: "Stellen Sie sich vor, Sie könnten Ihr Auto zu Hause auftanken, wann immer Sie wollen", sagt ein Moderator. Aus Erdgas, so erklärt er, gewinne Hondas Heimkraftwerk Strom für das Haus und Wasserstoff für den Wagen. Und weil bei der Umwandlung Hitze entsteht, falle nebenher auch noch umweltfreundlich warmes Wasser für die Dusche ab. All das, verspricht der Film, "ist näher an der Wirklichkeit, als Sie vielleicht ahnen." Mag sein. Leider heißt das immer noch: Geduld bitte. "Die Home Energy Station befindet sich noch in der Entwicklungsphase", sagt der Honda-Sprecher. "Wir hinken etwas hinter dem Auto her, aber wir arbeiten daran."

Die Gegenwart sieht so aus, dass die 200 Millionen Personenwagen, die über Amerikas Highways rollen, jährlich etwa 1,6 Milliarden Tonnen CO2 ausstoßen - fast achtmal so viel wie Autos auf deutschen Straßen. Es reicht ein kleiner Spaziergang durch die Messehallen in Los Angeles, um zu sehen, warum das so ist: Eine gigantische Familienkutsche reiht sich dort an die andere, dazu noch tonnenschwere Kleinlaster, Geländewagen, Minivans. Grüne Feigenblätter hin, Zukunftsversprechen her. Viele dieser Trumms, etwa der Cadillac Escalade, schlucken mehr als 20 Liter Benzin pro 100 Kilometer.

Amerikaner, so lautet die gängige Auffassung, lieben ihre Autos nun mal groß und wuchtig - und tatsächlich verkaufen sich schwergewichtige SUVs zwischen New York und Los Angeles weit besser als reguläre Mittelklasse-Karossen, selbst in Zeiten rekordverdächtiger Benzinpreise: Von Januar bis Oktober fanden sich 7,2 Millionen Käufer für dicke Brummer (statistisch erfasst als "light trucks") und 6,4 Millionen für herkömmliche Personenwagen.

So ist es vielleicht kein Wunder, dass als "grünes Auto des Jahres" kein Konzeptfahrzeug mit Wasserstoff- oder Elektroantrieb geehrt wurde, sondern ein Chevy Tahoe mit Hybridmotor. Normalerweise schluckt der Zweieinhalb-Tonnen-Truck fast 17 Liter im Stadtverkehr - in der Variante mit zusätzlichem Elektroantrieb kommt er auf knapp zwölf. Das ist zwar immer noch doppelt so viel, wie die meisten modernen Kleinwagen verbrauchen, doch der Jury des "Green Car Journal", die aus Vertretern diverser Umweltschutz-Organisationen bestand, genügte dieser Fortschritt in Trippelschritten.

Hybrid mit Bedenken

Am Porsche-Stand können die etwa eine Million Besucher, die bis zum nächsten Sonntag auf der Auto Show erwartet werden, derweil eine Zeitreise à la Hollywood antreten: zurück in die Zukunft. Dort steht ein Wägelchen, das über hundert Jahre alt ist - der so genannte "Lohner-Porsche", den Firmengründer Ferdinand für seinen damaligen Arbeitgeber Ludwig Lohner in Wien entwickelte. Das Vehikel, 1900 auf der Weltausstellung in Paris vorgestellt, kombiniert Elektroantrieb und Verbrennungsmotor. Für die Auto Show ließ der Sportwagenhersteller das denkmalgeschützte Fahrzeug, das normalerweise im Technischen Museum in Wien steht, extra einfliegen - "um zu demonstrieren, wie technische Innovation schon immer ein Grundgedanke von Porsche war", erklärt Firmensprecher Michael Baumann.

Durchgesetzt hat sich die Idee mit dem Hybridmotor damals freilich nicht. "Man hat sehr schnell gemerkt, dass die Batterie - wie heute auch noch - die Achillesferse ist", sagt Baumann. Aber das hält Porsche nicht davon ab, nun ebenfalls ein neues Hybridmodell zu entwickeln - schließlich liegt das Konzept des Kombi-Antriebs wieder im Trend. Statt 12,9 Liter Super zu schlucken, solle die Öko-Variante des Cayenne auf "eine 8 vor dem Komma" kommen und "spätestens Ende des Jahrzehnts serienreif sein", sagt der Porsche-Sprecher.

Auch das ist noch eine Weile hin. Aber den Autoherstellern graut bereits vor dem Jahr 2012. Bis dahin sollen Neuwagen, die in Kalifornien verkauft werden, knapp ein Viertel weniger CO2 ausstoßen als bisher. Bis 2016 müssen sogar 30 Prozent weniger Kohlendioxid aus dem Auspuff kommen - andernfalls dürfen die Wagen auf dem wichtigsten Automarkt der USA nicht mehr angeboten werden. Was liegt da näher, als eifrig zu forschen, um das Ziel zu erreichen? Offenbar der Gang zum Gericht: Die gleichen Hersteller, die auf der L.A. Auto Show ihr Herz für die Umwelt bekunden, streiten sich seit Jahren mit der kalifornischen Regierung über die Rechtmäßigkeit des Gesetzes. Anfang November nun reichte Arnold Schwarzenegger seinerseits eine Gegenklage ein - der Governator, der sich am Donnerstag so umgänglich zeigte, kann auch anders.


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