Mercedes-Benz Traumwagen Mit Vollgas in die Herzen


Mercedes Benz baut Autos für die Straße und Autos, die Rennsportgeschichte geschrieben haben. Kultcharakter haben beide. Christof Vieweg erzählt in seinem Buch "Traumwagen" von Entstehung und Konstruktion der Autos mit dem Stern.

Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 157, 65 Kilometern in der Stunde gewannen Sterling Moss und sein Beifahrer Denis Jenkinson 1955 die "Mille Miglia", das tausend Meilen Rennen von Brescia nach Rom. Zehn Stunden, sieben Minuten und 48 Sekunden brauchten die beiden Piloten mit dem legendären 300er SLR, dem Silberpfeil. Über 1.600 Kilometer in 10 Stunden, Toilettenpausen waren da nicht drin. Der Wagen mit der Nummer 722 um 7 Uhr 22 in Norditalien gestartet, stammt aus der Rennabteilung von Rudolf Uhlenhaut. Mit dem SLR gelang ihm der große Wurf. Als "Vater der Silberpfeile" ging der Konstrukteur, als Sohn einer englischen Mutter und eines deutschen Vaters in London geboren, in die Automobilgeschichte ein. Uhlenhaut, der bei Testfahrten gerne seinen Sohn Roger auf dem Beifahrersitz platzierte, konnte nicht nur konstruieren, er konnte auch fahren. Bei einer Testfahrt auf dem Hockenheimring unterbot er die Rundenzeit des zigfachen Weltmeisters Manuel Fangio um 3,5 Sekunden.

In sieben Kapiteln und auf 160 Seiten mit 141 Fotos stellt der Autor und Automobiljournalist Christof Vieweg in seinem Buch: "Mercedes-Benz Traumwagen" die Kultkutschen aus Untertürkheim vor. Mercedes baut seit dem Silberpfeil ein weltweit begehrtes Automobil nach dem anderen. Kann Mercedes-Benz, die in den letzten Jahren mehr mit schlechtem Management als mit emotionsgeladenen Lieblingsstücken in den Medien standen, den Begriff "Traumwagen" immer noch für sich beanspruchen? Christof Vieweg ist sich im Gespräch mit stern.de sicher, dass es zu jeder Zeit "Traumwagen" geben wird: "Traumwagen sind Autos mit Vorbildcharakter, sei es auf technologischem oder auf stilistischem Gebiet. Viele Mercedes-Modelle sind Klassiker mit unsterblichem Ruf. Man denke an die legendären Silberpfeile, an die luxuriösen Coupés oder an den unvergesslichen 300 SL."

Zu Viewegs alten und neuen Traumwagen zählen eben diese eleganten Coupés, die SL-Klasse, die SLK-Klasse, die S-Klasse, die E-Klasse, der SLR und die Maybach-Luxuslimousinen. Jedem der Modelle hat der Autor ein Kapitel gewidmet. Neben der Einführung technischer Neuerungen erzählt er, warum Rennleidenschaft und persönliches Engagement zu den Erfolgen der Baureihen führte. Fotos von damals und heute illustrieren den Unterschied und machen sentimental. Die Abbildungen der 50er, 60er und 70er Jahre Mercedes Modelle zeigen eine Welt voller Verheißungen und unerreichter Ideale. Die Zeit der Traumwagen ist nicht vorbei, sagt Christof Vieweg. "Traumwagen gab es zu jeder Zeit und es wird sie auch stets geben. Das zeigte auch die letzte IAA: Die Autos, die von Menschenmassen regelrecht umlagert wurden, waren die teuersten Sportwagen und die exklusivsten Limousinen - Autos, die sich kaum einer der IAA-Besucher leisten kann, die aber trotzdem von vielen bewundert und bestaunt werden."

Fast alle Traumwagen waren oder sind für den normalen Autofahrer unerschwinglich. Eine von Viewegs Erfolgsgeschichten handelt jedoch von einem Wirtschaftswunderbaby, das sich den Titel "Traumwagen" hart erkämpfte und trotzdem ein bezahlbares Arbeitstier blieb: Der legendäre Ponton, der 180er Diesel mit seiner unverwechselbaren Form. Auch er hat seinen Siegeszug zur meistverkauften Baureihe dem Sieg der Mille Miglia zu verdanken. Zwei Amateur Rallye-Fahrer aus Österreich, Walter Larcher und Helmut Retter, beide kannten die Mille Miglia nur aus Zeitungsberichten, bewarben sich beim Chefkonstrukteur Alfred Neubauer. Der war zwar nicht begeistert, gab ihnen aber seinen Segen. Schließlich war die Dieselklasse 1955 erstmalig ins Rennen integriert worden. Mit 40 PS und ohne Bremskraftverstärker steuerten die beiden Piloten den Ponton über die Bergpässe Umbriens und der Toskana. Nach heutigen Verhältnissen kroch der Benz die Berge hoch. Damals gab es nur eins: Permanent zweiter Gang und Vollgas. Die vielen Kurven ließen sich ohne Servolenkung nur mit viel Armschmalz bewältigen. Bergab war dann das rechte Bein gefordert, damit die Trommelbremsen vorne und hinten griffen. Als der Wagen die Poebebene über Bologna, Modena und Parma erreichte, kam das dem Duo im Vergleich zu den Bergpässen wie ein Spaziergang vor. Technische Probleme kannte der Diesel nicht. Ihnen gelang, was niemand für möglich gehalten hatte: Der Klassensieg bei der Mille Miglia. 16 Stunden 52 Minuten und 25 Sekunden brauchte der Ponton für die tausend Meilen.

Ganz im Gegenzug zu dem bulligen Design des Pontons stand das elegante Mercedes Coupé 220 SE. Erstmals wurde es 1961 der Öffentlichkeit vorgestellt, läutete es eine neue Ära des Automobildesigns ein. Vorbei war die Zeit der wuchtigen, rundlichen Karossen, es dominierte die lang gestreckte "italienische" Linie. Aus dem Flugzeugbau übernahm Mercedes die gebogene Frontscheibe und die angedeuteten Heckflossen, von den Designern prosaisch "Peilkanten" genannt.

Der 61er 220 SEb war seinerzeit das erste Auto mit serienmäßiger Verankerungen für die Sicherheitsgurte. Heute hat der Nachfolger, ab 2006 gebaut, ein Frühwarnsystem. Pre-Safe überwacht mit Radarsensoren den Bereich vor dem Auto. Ist der Fahrer nicht so ausgeschlafen wie sein Auto, wird das Coupé automatisch abgebremst. Christof Vieweg träumt nach über dreißig Jahren als Autojournalist nicht mehr von einem persönlichen Traumwagen. Der Sinn für schöne Kurven ist dem Autoren dennoch nicht abhanden gekommen. Seine größte automobile Versuchung bleibt das 220 SEb Coupé von 1961: "Für mich eines der schönsten Autos aller Zeiten."

Marina Kramper

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker