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Autosalon Genf Aufgewacht aus dem Elektro-Traum


Öko-Visionen waren gestern: Auf dem Autosalon Genf dienen Traumwagen wieder als Blickfang. Und im Mittelpunkt der Messe steht der Kunde von heute. Die Trends.
Von Gernot Kramper

Einige Jahre lang träumte die Welt von einer Mobilität mit neuen Energien. Gestritten wurde nur, ob das Elektroauto oder doch die Brennstoffzelle das Rennen gewinnen wird. In Genf spielen Zukunftsanriebe nur eine Nebenrolle, der Verbrennungsmotor kehrt machtvoll auf die Bühne zurück.

Die Automobilindustrie beschäftigt sich nicht so sehr mit Visionen für die nächsten Jahrzehnte, sondern mit Modellen, die in den nächsten Jahren an den Mann gebracht werden sollen. Der Kunde profitiert von dem gewachsenen Realitätssinn. Die Zukunftsantriebe sind für den Normalbürger nach wie vor unbezahlbar. Die auf dem Auto-Salon gezeigten Neuheiten aber etwa in der Kompaktklasse oder bei den Minivans bieten durchweg mehr Auto fürs Geld als die Vorgängergeneration.

Anstelle grüner Visionen sollen PS-Boliden die Besucher in Genf begeistern. Das Ausstellungskonzept mutet dann doch etwas gestrig an.

Noch mehr Premium

Wagen mit dem Geschmack des Besonderen sind gefragt wie nie. Die Wohlhabenden leiden offenbar nicht so stark unter der Krise. Und das Auto bleibt – allen Unkenrufen zum Trotz – für die viele Kunden doch weit mehr als ein reines Fortbewegungsmittel. Spannender als die wunderschönen Luxuswagen wie das Grand Coupé von BMW oder der SL von Mercedes ist der Machtkampf in der Kompaktklasse. Auch die Nobelhersteller brauchen große Stückzahlen, und die kann man nur mit kleineren Autos erreichen. BMW hat den neuen 1er im vergangenen Jahr gezeigt und kann jetzt nur mit dem Kraftpaket M135i um Aufmerksamkeit buhlen. Mercedes stellt mit der neuen A-Klasse das jugendlichste und frischeste Modell der Mercedesflotte vor. Und Audi rollt den markanten neuen A3 auf die Bühne.

Kompaktklasse mischt die Karten neu

Der wichtigste Wagen der Kompaktklasse, der neue VW Golf, ist in Genf noch nicht dabei. Von oben wird der Wolfsburger Platzhirsch von den Premiumhersteller bedrängt. Von unten nehmen in die Koreaner ins Visier.

In Genf stehen die Herausforderer aus Fernost schon bereit. Hyundai stellt den Kombi CW neben den i30 Fünftürer, Kia präsentiert den Ceed Fünftürer und den Sporty Wagon. Qualitativ reichen die Koreaner an den den Wolfsburger bereits heran. Mit üppigen Ausstattungspaketen und langem Garantieversprechen wollen sie die Kunden in Europa überzeugen.

Der Ruf der Wildnis

Die Wildnis ruft und die Autokäufer folgen. Der SUV-Trend nimmt kein Ende. Im Januar hat der SUV-Anteil 15,7 Prozent unter den Neuwagenkäufen in Deutschland betragen. Ins Gelände sollen zwar nur die wenigsten SUVs, aber auf die Formensprache wollen die Kunden nicht verzichten. Die wichtigste Neuerscheinung ist hier der Opel Mokka. Wieso? Weil der Mokka zeigt, dass die Gelände-Optik auch von kleinen und kleinsten Baureihen nicht halt macht. Demokratisierung eines Trends darf man das nennen. Und nebenbei schafft es der Mokka, trotz kleiner Ausmaße stattlich auszusehen. Ebenfalls spannend ist der Versuch von VW, mit dem Passat Alltrack in die Spuren des A6 Allroad zu treten. Sonst sind der neue Ford Kuga und der nächste Mitsubishi Outlander zu sehen.

Familienwagen trumpfen auf

Minivans wurden vor einigen Jahren schon totgesagt. Neben einem SUV sahen sie einfach zu bieder aus. Inzwischen erlebt die Gattung eine Wiedergeburt. Aus gutem Grund: Im Vergleich zu einem SUV bietet ein Van immer deutlich mehr Platz und Flexibilität fürs Geld. In Genf stehen drei höchst unterschiedliche Modelle: Der Fiat 500 L ist vor allem ein Lifestylefahrzeug. Im Vergleich zum normalen 500er gibt es brauchbare Plätze im Fond und eine größeren Kofferraum. Der B-Max von Ford ist eine Herausforderung für alle Konkurrenten: Bei nur 4,06 Metern Länge besitzt der Ford praktische Schiebetüren für die Rückbank und verzichtet auf eine B-Säule – das ist ein Novum in der Größe. Eine Herausforderung anderer Art kommt von Dacia. Der Lodgy wird in Tunesien gefertigt und überzeugt vor allem mit seinem Preis. Der Einstiegspreis für den Kompaktvan beträgt nur 9900 Euro – dafür gibt es bis zu 2617 Liter Ladevolumen.

Die Armada der Kleinstwagen

Volkswagen hat den Up bereits im vergangenen Jahr auf der IAA in Frankfurt vorgestellt. In Genf schwärmt die Flotte der Up-Ableger nun aus. Skoda und Seat zeigen mit Citigo und Mii eigene Varianten, Volkswagen reicht den Fünftürer nach. Studien sollen Geschmack auf noch mehr Up-Varianten machen. Zeigen muss sich nun, ob der Aufmarsch der Winzlinge auch zu dem gewünschten Erfolg beim Kunden führt.

Einfach mal abschalten

Große Leistung unter der Haube, aber geringer Verbrauch im Alltag – das ist das Problem der Motorenentwickler, reine Spar- und Verzichtsmotoren verkaufen sich schlecht. Für dieses Ziel wird immer häufiger eine alte Idee aufgegriffen. Einzelne Zylinder werden abgeschaltet. Neu ist, dass die Technik von VW nun auch für Vierzylinder genutzt wird, die in ihren ruhigen Phasen nur mit zwei Zylindern laufen. Wie groß die Ersparnisse in der Praxis sind, muss sich zeigen. Grundsätzlich ist das Sparpotenzial dann am größten, wenn die Kraftreserve besonders hoch ist und im Alltag nur gelegentlich benötigt wird.

Darf es noch ein bisschen Schnörkel sein?

Die Anhänger einer reinen Autoskulptur müssen tapfer sein. Das Autodesign belädt sich mit Zierrat jeder Art. Typisch ist folgende Konstellation: Form und Grundmaße des Wagens sind makellos, aber dann geht es los: Sicken und Schwünge schwappen über die Autoflanken wie die Wogen im Wellenbad. Ein Blick auf die Seite der neuen A-Klasse zeigt es.

Kotflügel wölben sich zum Sprung und überall krümmt sich das Blech an den Kanten. Kunststoffschürzen vorn und hinten erinnern häufig in ihrem Formenüberschwang an eine Achterbahn, und die Scheinwerfer werfen mittels LED-Bändern Blicke, wie einst die Schönen der Nacht. Purismus hat derzeit keine Konjunktur. Die Trendgattungen SUV und Crossover-Coupé stehen ohnehin für Eskapismus pur.

Fantasie hat Pause

Bislang ist nicht zu erkennen, dass in Genf Innovationen vorgestellt werden, die das Konzept individueller Mobilität neu denken. Sicher, immer mehr Autohersteller stellen Elektroroller oder Elektrofahrräder vor – abgesehen vom futuristischen Design sind das keine Innovationen. Kleinstmobile wie der Opel Rake oder VW Nils hat man im vergangenen Jahr in Frankfurt gesehen. Jetzt muss sich zeigen, wie der Renault Twizy beim Kunden ankommt. Denn niemand weiß, ob es überhaupt einen Markt in Europa für Kleinstfahrzeuge gibt. Auch bei den Elektroautos muss man noch mindestens ein Jahr warten, bis die nächste Welle reif für den Verkauf ist.

Klassische Autoträume

In den vergangenen Jahren wurden die Automessen von Modelle mit alternativen Antrieben dominiert. Ohne sie rücken die Wagen stärker in den Mittelpunkt, die schon immer die Besucher in die Messehallen locken: Sportwagen und die Leistungsträger aller Baureihen. Ob BMW 1er, Audi A4, Audi TT oder Golf Cabrio: An fast jedem Messestand lauert eine PS-gesteigerte Variante.

Der schnellste Publikumsmagnet dürfte der Ferrari F12 Berlinetta sein. Seine Leistungsdaten: 740 Ps und 340 km/h Spitzengeschwindigkeit. Neben ihm verblasst selbst der Mercedes SL. Der schönste Wagen von Genf ist noch exklusiver als der Ferrari. Die Hommage an den 1952er Disco Volante von der Karosserieschmiede Carozerria Touring ist ein Eye-Catcher. Der Preis des Autotraums? Zwischen 600.000 und 1.000.000 Euro.


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