HOME

Essen Motorshow: Traumwagen für den Normalo

Die Automobilindustrie wimmert laut vernehmlich vor sich hin. Die Tuningjünger auf der Essener Motorshow lassen sich davon kaum die gute Laune vermiesen. Tunen ist und bleibt "in" - gerade in Essen.

Jedes Jahr zum Einstieg in die Vorweihnachtszeit dreht sich im Ruhrgebiet das große Rad der Automobilindustrie. Tuning- und Autobegeisterte aus ganz Europa zieht es dann in die ansonsten wenig aufgewühlten Messehallen an der Gruga. Die Essen Motorshow ist mit ihrer Tuningausrichtung längst zu einer der wichtigsten Automessen Europas geworden. Neuheiten sucht man hier abseits winziger Deutschlandpremieren vergebens. Doch die Motorshow zeigt besser als die meisten anderen Messen den Puls der Kundschaft. Drohenden Herstellerpleiten, wankenden Riesen und einem durchschnittlichen Fahrzeugalter von rund neun Jahren zum Trotz - die Deutschen lieben ihre Autos. Zumindest die Besucher der Motorshow.

Am Puls des Kunden

Das reale Messeleben pulsiert insbesondere in den Hallen 8, 9, 10, 11 oder 12. Hier ist die Motorshow mehr denn je, was sie schon immer war: eine echte Publikumsmesse mit Teilehandel und PS-Boliden zum Anfassen. Holländer tragen ab dem zweiten Messetag wie eh und je unterarmdicke Endrohe aus den Messehallen. Die LED-Tagfahrleuchten sind in diesem Jahr der große Renner und werden gerne bereits auf dem Parkplatz montiert. Wenn man sich schon keinen neuen Audi A4 oder den noch frischeren Opel Insignia leisten kann oder will, dann soll sich der hauseigene fahrbare Untersatz wenigstens in einem modernen Licht präsentieren. Zubehörverfehlungen wie "böser Blick" oder gigantische Schwellersätze gibt es immer noch - "out" sind sie trotzdem. Dafür spiegelt sich in der Tuningbranche das wieder, mit der auch das Luxussegment glänzt. Individualisierung ist das "A" und "O". Egal ob VW Passat, Honda CRX oder ein noch junger 3er BMW - auf der Messe gibt es genau das richtige Zubehör für das eigene Auto. Die meisten heißen Messetrends kommen aus den USA. Neben gigantischen Radsätzen erfreuen sich matte Fahrzeuglacke und Strukturfolien einer immer größer werdenden Beliebtheit.

Nummer Eins in Europa

Im vergangenen Jahr kamen mehr als 350.000 Zuschauer auf die Messe und damit rund 40.000 Besucher weniger als 2006. Damit ist die Essen Motorshow immer noch die zweitgrößte Automesse in Deutschland und ganz nebenbei die größte Tuningmesse in Europa. Ohne großen Neid schaut man seit Jahren zur SEMA in Las Vegas, der weltweit größten und spektakulärsten Tuningmesse, die einen Monat vor dem Essener Gruga-Pendant stattfindet. In der Spielerstadt ist alles noch ein bisschen spektakulärer, noch ein gutes Stück wilder. Doch teilvergoldete Hummer H2 oder mit Strasssteinen verzierte Mercedes SL können die Zuschauer bis zum 7. Dezember auch in Essen bestaunen.

Hegten nicht wenige vor Jahren die Hoffnung, dass Essen durch den verstärkten Auftritt von Automobilherstellern den Weg zu einer echten Neuheitenmesse machen würde, so ist es damit nichts geworden. Herstellerpräsentationen wie der 160 PS starke Abarth 500 esse-esse oder die sportliche R-Familie aus dem Hause Volkswagen werden wohlwollend zur Kenntnis genommen. Doch ihretwegen besucht niemand die Messe am Ruhrschnellweg A40. So kommen die Stars nach wie vor aus der Tuningbranche. Edeltuner Brabus, aus Botrop kommend, hat eine der kürzesten Anfahrten und zeigt auf der Motorshow, was mit einem Mercedes möglich ist. SL, S-Klasse, G-Modell oder der neue GLK. Tief, breit, hart und teuer ist es eben traditionell in der Mitte von Halle 11. Diesmal zeigt Bodo Buschmann jedoch nicht nur die erstarkten Mercedes-Boliden, sondern auch eine kraftvolle Smart-Flotte und eine getunte Version des Elektrorenners Tesla Roadster - in strahlendem weiß. Auf Knopfdruck bekommt der V8-Klang.

Nürburgring-Rennen: Kopfüber durch die Nordschleife

Traumwagen für Normalos

Der eigentliche Star der Messe ist jedoch der noch junge VW Scirocco. Es scheint so, als hätte die Tuningbranche seit Jahren auf ein Volkscoupé wie den Golf-Ableger gewartet. Kaum ein Tuner hat einem Scirocco nicht breite Pellen, eine gehörige Leistungsspritze und einen mehr oder weniger gelungenen Schwellersatz verpasst. LED-Leuchten und enge Rennsportsitze sind ebenso gerne verbaut wie TFT-Bildschirme und Boxensysteme im Medizinballformat. Der Scirocco-Tuningtrend ist auch in Wolfsburg angekommen und so präsentiert Volkswagen in Essen erstmals die Sondermodelle Scirocco "Collector’s Edition" und den offenen Eos "White Night". Weihnachten kann kommen. Dabei ist die Aufmerksamkeit der Scirocco-Armada kaum geringer als bei dem neuen 9ff von Porsche-Tuner Jan Fatthauer. Sein neues Porsche-Doppel soll mehr als 1100 PS stark sein. Wer schaut das noch zu einem 660 PS starken TechArt-Porsche?

Zum Schuss in den Ofen scheint sich Öko-Tuning entwickelt zu haben. Das kurze Aufflammen von Turbomotoren mit einem zusätzlich verbauten Ökomodus mit weniger Verbrauch und leicht dezimierten Leistung ist zum Rohrkrepieren verkommen. Hier und da gibt es noch ein paar Firmen, die so etwas anbieten. Doch die Nachfrage, so die die einhellige Meinung der Standbetreiber, sei nahezu null. Wer tunen will, will mehr Leistung. Da freut man sich schon eher auf einen aufgebohrten BMW X6 Falcon aus dem Hause AC Schnitzer. Der sieht nicht nur gut aus, sonder bietet trotz 310 PS und einem gigantischen Radsatz annehmbare Verbräuche. Die Begeisterung der Autofans auf der Essen Motorshow hat nicht nachgelassen. Aber erst am Ende der Veranstaltung wird sich zeigen, ob Zuschauerzahlen und Teileverkauf wieder nach oben gehen.

Stefan Grundhoff/Press-Inform

Wissenscommunity