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Nach der Radwegebenutzungspflicht: Radfahren in der Stadt – Warum ich (fast) nie den Radweg benutze

Seit 2010 gehört die Straße nicht mehr den Autofahrern allein, sondern auch uns Radfahrern. Und meistens ist es sinnvoll, die fürchterlichen Radwege zu meiden und die Straße zu erobern. 

Radfahren auf der Straße st meist sicherer und immer schneller als auf dem Radweg.

Radfahren auf der Straße st meist sicherer und immer schneller als auf dem Radweg.

Getty Images

Wenn es nach den meisten Autofahrern geht, sollten Radler den Verkehr weiträumig meiden. In den Stoßzeiten sollten sie am besten gar nicht fahren und auch sonst – bitte schön – möglichst langsam und defensiv auf dem fahren. Damit sie sofort zum Stehen kommen können, sollte ein Kraftfahrzeug sie mal beim Abbiegen übersehen. 

Die Fahrer verdrängen eine Neuerung in der Gesetzgebung: Im Jahr 2010 hat der Bundesgerichtshof nämlich geurteilt, dass die Benutzungspflicht für Radwege innerorts nur angeordnet werden kann, wenn dort eine besonders gefährliche Verkehrslage herrscht. Dann und nur dann darf eines der drei blauen Verkehrszeichen aufgestellt werden, die den Radler zum Benutzen des Weges zwingen. Und wiederum anders, als die meisten Autofahrer glauben, darf dieses Schild nur aus einem Grund aufgestellt werden: um den Radfahrer zu schützen. Das schnelle Vorwärtskommen im Pkw spielt überhaupt keine Rolle.

Schon vor einiger Zeit forderte der stern-Autor Stefan Schmitz "Radfahrer kommt runter vom Radweg, erobert die Straße!" Seit dem Urteil ist die Zeit nämlich vorbei, dass die Straße den Autos gehört, und seither fallen auch die blauen Schilder. In Hamburg findet man sie noch durchgängig an einigen Ausfallstraßen und punktuell an besonderen Passagen. Für Radfahrer wie mich heißt das: Ich kann fast überall auf der Straße fahren und das mache ich auch. Selbst wenn ein Radweg vorhanden ist, ziehe ich die breite Fahrbahn vor.

Gefahrenzone Radweg

Hersteller

Das verstehen Autofahrer fast nie, doch dafür gibt es gute Gründe. Etwa an der Bernadotte-Straße in Altona. Dort hat die Stadt auf fast 1000 Metern Länge einen ausgezeichneten Radweg gebaut. Der Boden ist eben, der Weg breit. Benutzen kann ich ihn trotzdem nicht. Wie kommt es? Die Straße fällt stadtauswärts ein wenig ab, ohne große Mühe erreicht man Tempo 30 und mehr. Nun verläuft der Weg ein Stück neben der Straße. Trotz dicker Markierungen denken weder Ein- noch Abbieger daran, die Vorfahrt des Radwegs zu achten. Jedenfalls nicht so, dass ich ihrer Achtsamkeit mein Leben anvertrauen würde. Also geht es auf die Straße.


An der Königstraße ein Stück weiter sieht das Bild anders aus. Hier ist der Radweg humpelig und keinen Meter breit. Dennoch ist er für Radfahrer in beide Richtungen freigegeben. Das mag in der Behördenstube sinnig erscheinen, praktisch ist es natürlich nicht möglich, hier an einem entgegenkommenden Rad vorbei zu fahren. Also muss ich auf die Straße.

An der St. Pauli Hafenstraße wartet eine besondere Spezialität der Hamburger Verwaltung: die mit Reklame beleuchtete Bushaltestelle. Ein paar Meter vor der Haltestelle hört der Radweg einfach auf. Wer weiterfährt, weiß nicht einmal, ob er hier noch fahren dürfte, oder ob es sich um einen reinen Gehweg handelt. Und er muss sich zwischen Haltemast und Häuschen hindurchschlängeln. Wenn just in diesem Moment jemand aus dem Unterstand hervortritt, ist ein Unfall kaum zu vermeiden.

Schneller ist besser

Neben der Unfallgefahr gibt es aber auch ganz praktische Gründe. Denn eigentlich tickt der Radfahrer nicht anders als der Autofahrer. Auch auf dem Rad will man vor allem schnell vorankommen. Die Straßen meiner Hansestadt befinden sich nicht in einem vorbildlichen Zustand. Im Vergleich zu dem erbärmlichen Bild, das die Radwege abgeben, sind sie aber geradezu perfekt in Schuss. Außerdem führen Straßen meist einigermaßen gerade und direkt zum Ziel. Radwege hingegen schlagen alle 50 Meter wilde Haken, meist um Autofahrern das Leben leichter zu machen. Da ich mir mein Leben auch leichter machen will, nehme ich lieber die breite Bahn.


Denn dort profitiere ich nämlich auch von der grünen Welle für Autofahrer. Grüne Welle? Am Steuer glaubt man leicht, die Ampeln wären alle rot. Das ist aber nicht wahr. Viele Kreuzungen können Autofahrer und Radfahrer auf der Straße mit einem Schaltvorgang passieren, wo für den Radweg zwei oder gar drei Ampelphasen vorgesehen sind. Seit ein paar Jahren müssten an Ampeln eigene Lichtzeichen für Radfahrer auf dem Radweg angebracht werden. Meist scheut die Stadt aber die Ausgaben für eine eigene Rad-Lichtanlage. Eine billige neue Streuscheibe schaltet stattdessen den Verkehr der Fußgänger und der Radfahrer parallel. Doch die Grünphase der langsamen Fußgänger dauert nicht einmal halb so lang wie die freie Fahrt auf der Straße.

Und da ich ungern lange warte, nehme ich auch dort den schnellen Weg auf der Straße.  

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