HOME

Verkehrsplanung: Wenn Erdbeeren umsteigen müssen

Es wird noch voller auf der Autobahn. Trotz steigender Spritpreise wächst der Güterverkehr schneller, als Straßen gebaut werden können. Forscher des Fraunhofer-Instituts wollen Schiene, Straße, Wasser und Luft systematisch vernetzen damit, Menschen und Güter auch künftig noch von A nach B kommen.

Von Peter Ilg

Wer sich heute schon über die vielen Brummis auf der Straße ärgert, der wird sein blaues Wunder erleben: Aktuelle Studien prognostizieren eine Zunahme des Güterverkehrs bis 2025 um rund 70 Prozent. Trotz Straßenbaus wird es nicht leerer auf den Autobahnen, aber teurer.

Das Institut für Mobilitätsforschung prognostiziert eine "Zukunft der Mobilität" bei der nichts schneller, aber vieles teurer wird. Höhere Benzinspreise und Pkw-Maut für Autobahnen und Landstraßen inklusive. Schrittmacher des drohenden Verkehrsinfarktes ist der Güterverkehr. Um die zu transportierenden Transportmengen in den Griff zu bekommen, soll die "dynamische Verkehrslenkung" her.

Sie soll verschiedene Verkehrssysteme miteinander vernetzen. Dahinter steckt die Frage, ob etwa der Lkw tatsächlich die günstigste Möglichkeit ist, um Erdbeeren aus Spanien nach Hamburg zu bringen? Oder wäre es besser, für Teilstrecken Bahn oder Schiff zu nutzen? Antworten auf diese Fragen gibt eine Software, die Forscher des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik IML in Dortmund entwickelt haben. "Wie in einem Routenplaner kann man eingeben, zwischen welchen Orten die Ware transportiert werden soll. Das System rechnet daraufhin verschiedene Varianten durch und optimiert wahlweise jetzt schon Kosten und Zeit, später berücksichtigt es auch den Gesichtspunkt Umweltbilanz", so Joachim Kochsiek vom IML. Für Kosten- und Zeitoptimierung gibt es bereits einen Prototypen der Software. Nun arbeiten die Forscher daran, die Algorithmen auf die Umweltbilanz auszuweiten. Künftig sollen die Informationen online abrufbar sein, dann sind Änderungen von beispielsweise Schifffahrtsplänen gleich berücksichtigt.

"Die Vernetzung der Verkehrssysteme und -träger ist die Lösung für den Verkehr in Ballungsräumen und im Güterverkehr", meint Dr. Claus Doll vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe. Zur Verteilung in der Fläche werden Lkws benutzt, auf Strecken zwischen den großen Ballungsräumen die Bahn, weil sie für diesen Zweck deutlich effektiver ist als der Brummi. Im Personenverkehr gibt es bereits ähnliche Software-Programme. So bieten moderne Routenplaner die Option, zumindest Straße und Schiene zu kombinieren. "Tatsächlich genutzt werden diese Möglichkeiten aber kaum, weil die Menschen nur schwer ihre Routinen ändern und sie sich nicht auf die Informationen verlassen können, die ihnen zur Verfügung stehen", weiß Dr. Doll. Denn wie geht es weiter, wenn zum Beispiel der Zug Verspätung hat oder man wegen eines Staus auf der Straße zu spät zum Bahnhof kommt? Heute ist man verloren, wenn etwas schief geht. "Wir brauchen Portale und mobile Dienste, die zuverlässig darüber informieren, wie Menschen oder Waren sicher, zuverlässig, umweltfreundlich und kostengünstig von A nach B kommen, unabhängig vom Transportmittel und die gleichzeitig während der Fahrt Alternativen liefern, falls eine der Möglichkeiten auf der Strecke bleibt." Das Problem der Vernetzung hier: "Zwischen den Verkehrsträgern fließen kaum Informationen", beklagt der Karlsruher Forscher. Hier liegt auch die Crux des Systems, im Kern zielt es darauf ab Zustand, Ladung und Ort eines jeden Verkehrteilnehmers jederzeit abbilden zu können. Neben dem Beherrschen dieser gewaltigen Informationsmengen, wird es entscheidend sein, ob Einsparungen an Zeit und Kosten die zusätzlichen Kosten für den Wechsel des Verkehrsträgers rechtfertigen. Für den Privatverkehr sieht Dolls Szenario so aus: Künftig werden sich größere Verkehrsanbieter herausbilden, ähnlich wie die Schweizerische Bundesbahn, die ihren Kunden über alle Verkehrsträger hinweg Alternativen anbietet. Neu wird sein, dass es durchgängige elektronische Tickets geben wird, die erlauben, problemlos auf Alternativen umzusteigen, falls Anschlüsse nicht klappen.

Wissenscommunity