HOME

Verkehrsrecht Frankreich: Schluss mit dem lustigen Rausch

Alkohol und Lenkrad – in Frankreich war das lange kein Widerspruch. Die Regierung setzt die rotweinselige Bevölkerung unter Druck. In Nachtbars sollen Alkoholtests durchgeführt werden, Autos mit Alkoholsensoren ausgestattet werden. Dabei haben die Süchtigen schon umgesattelt

Von Astrid Mayer

Jahrelang gab es Kontrollen nur in der Theorie, jetzt wird es ernst für die Trinker

Jahrelang gab es Kontrollen nur in der Theorie, jetzt wird es ernst für die Trinker

Schluss mit Trinken und Rasen, einst Ausdruck von Freiheit und von französischer Lebensart – im Land, in dem Wein ein Grundnahrungsmittel war und in Schulkantinen ausgeschenkt wurde. Nach dem Motto, wer gut gegessen hat, kann nicht betrunken sein, war Alkohol am Steuer lange ein Kavaliersdelikt. Das blieb nicht ohne Folgen: Bei 30 Prozent der tödlichen Unfälle in Frankreich ist Alkohol im Spiel – in Deutschland sind es nicht halb so viele. Das soll sich jetzt ändern: Schon bald werden alle, die in den Morgenstunden ein Lokal verlassen, vorher in ein Alkoholtestgerät pusten müssen – damit keiner sagen kann, er habe nicht gewusst, wie betrunken er war.

Die Franzosen fügen sich

Das hat der französische Umweltminister Jean-Louis Borloo angekündigt, nach einem verkehrstechnisch besonders mörderischen Wochenende: Mindestens zehn Menschen waren wegen Alkohols am Steuer umgekommen. Alle Lokale, die bis 2 Uhr morgens geöffnet sind, müssen bis Ende des Jahres Alkoholtestgeräte aufstellen, hat Borloo beschlossen. Er verlangt auch die serienmäßige Ausstattung in Frankreich hergestellter Autos mit Sensoren für Alkohol – einschließlich Starthemmung, wenn der Fahrer betrunken einsteigt.

Die konservative Regierung hat jetzt dem Alkohol am Steuer den gnadenlosen Kampf angesagt. Und unglaublich: Der Rebellionsreflex, den Franzosen sonst gegen Kontrollmaßnahmen einer jeden Regierung hatten, ist ausgeblieben. Auf Jean-Louis Borloos Ankündigung hin gab es kaum Gegenstimmen. Allenfalls wird bezweifelt, dass die Maßnahme wirksam ist. Einer der beiden Verbände des Gaststättengewerbes ist schon in Verhandlungen mit Herstellern von Testgeräten – um einen Großeinkauf zu günstigen Konditionen zu tätigen.

Repression funktioniert doch

Im Land mit dem einst höchsten Alkoholkonsum der Welt hat die rigorose Verfolgung von Verkehrssündern im Lauf der vergangenen Jahre beeindruckende Erfolge erzielt und nicht nur die Zahl der Verkehrstoten drastisch gesenkt, sondern auch die Mentalitäten verändert. Vor allem das Rasen steht nicht mehr so hoch im Kurs, seit Geschwindigkeitsüberschreitungen nicht nur mit saftigen Geldbußen belegt sind (das war lange graue Theorie), sondern auch Radargeräte aufgestellt wurden.

Vorsicht mit Wertsachen: So schnell räumen Diebe ein verschlossenes Auto aus

Hier hat die repressive Politik der französischen Regierung mal Erfolge erzielt – allerdings immer noch nicht genug, um Frankreich auf internationales Niveau zu bringen: Noch immer sterben jährlich fast 5000 Menschen im Straßenverkehr (vor 20 Jahren waren es 13 000), ein Drittel von ihnen verschuldet durch betrunkene Fahrer. In Deutschland gibt es ebenso viele Verkehrstote, aber das Land hat auch 30 Prozent mehr Einwohner. Und nur zwischen 10 und 15 Prozent gehen aufs Konto von Unfällen, bei denen Alkohol im Spiel war. Am höchsten ist die Quote übrigens in Bayern, wo nicht Wein, sondern Bier ein Grundnahrungsmittel ist.

Borloo will aber nicht nur Diskotheken- und Barbesitzer in die Pflicht nehmen, sondern auch die Automobilhersteller. Bis Herbst 2009 sollen alle Schulbusse mit Sensoren ausgestattet sein, die Alkohol beim Fahrer messen können und dann einen Start des Autos verhindern. Es gibt die Technik bereits, und auch Fahrer gewöhnlicher Autos, die alkoholisiert Unfälle hatten, werden eine Zeit lang Autos mit Starthemmung benutzen müssen.

Der Verbrauch sinkt

Der zweite der Gaststättenverbände protestiert dagegen, dass der Minister ihren Etablissements die Rolle des Buhmanns zuschiebe: Schließlich würden nur 20 Prozent des konsumierten Alkohols dort gekauft, der Rest stamme aus Supermärkten, Weinhandlungen oder Kiosken. Erst in vorderster Front im Kampf gegen das Rauchen, dann gegen den Alkohol: Das sei eine Überforderung des Berufsstandes. Zumal Lokalbesitzer, die einen schwer betrunkenen Gast im Auto sitzen ließen, auch schon strafrechtlich belangt wurden.

Aber der Alkoholkonsum sinkt in Frankreich ohnehin beständig – die Vereinigung der Weinbauern hat ausgerechnet, dass er in den nächsten Jahren um weitere zehn Prozent sinken dürfte. Die Zeiten, in denen zu jeder Mahlzeit eine Flasche Wein gehörte, sind seit den 80er Jahren vorbei. Zwar gibt es noch immer Ärzte, die zum besseren Ausheilen einer Wunde oder Zerrung zu einem Gläschen Wein raten („Wenn man entspannt ist, heilt es besser“). Aber selbst die Sitte, dem Taufkind seinen ersten Schluck Champagner einzuflößen, um ihm eine Ahnung von den Freuden des Lebens zu vermitteln, ist im Schwinden.

Nächster Kampfplatz der Regierung: Drogen und Medikamente am Steuer. Zwei der am Wochenende tödlich verunglückten Fahrer hatten außer Alkohol auch Cannabis im Blut. Und Frankreich ist zwar nicht mehr Spitze im Weinkonsum, aber dafür im Verbrauch von Antidepressiva und Neuroleptika.

Wissenscommunity