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Vergleichstest Golf/Astra: Zweikampf der Volks-Wagen

Neue Runde im Duell der Kompaktautos Opel astra und VW Golf. Nie zuvor waren die Unterschiede zwischen beiden Erzrivalen größer. Jetzt ist die Favoritenrolle des Wolfsburgers erstmals gefährdet.

Helmut Schmidt beerbt Bundeskanzler Willy Brandt. Die Balltreter um den Beckenbauer Franz werden mit einem 2 : 1-Sieg gegen die Niederlande Fußballweltmeister. In Flensburg wird ein neues Verkehrssünderregister nach Punkten eingeführt. Viel los damals, im Jahre 1974. Und der erste VW Golf rollt vom Band. Start für eine Aufholjagd um Kunden in der unteren Mittelklasse. Denn bis zur Premiere des neuen Wolfsburgers war - neben dem Käfer - der Opel Kadett C die angesagte Familienkutsche der Normalverdiener. Basisversion mit 52 PS, 132 Sachen schnell, Preise ab 7175 Mark, wie unser Geld damals noch hieß. Der Golf lief nun sagenhafte acht Kilometer schneller, kostete aber auch mindestens 820 Mark mehr.

Kann Opel mit diesem Astra den Golf schlagen?

Schöngeist trifft Normalo

Diese Differenz, viel Geld in jenen Tagen, teilte den aufstrebenden automobilen Mittelstand fortan in zwei Kulturkreise: Im Golf brausten gesittete Schöngeister mit ausreichend Kohle übern Asphalt, als Spießer verdächtige Normalos saßen eher im Kadett und mussten mit dem nunmehr verpönten Heckantrieb zufrieden sein. Zunächst entbrannte ein Krieg der Sprüche. Dabei drechselten Opel-Fans mit Fabulierfreude ätzende Frage-Antwort-Keulen: "Was sind 25 Golf-Fahrer auf einem Parkplatz? Elternsprechtag in der Sonderschule." Anhänger des Wolfsburgers übten derweil den Knüppelreim: "Klebt ein Opel an der Mauer, war ein Golf mal wieder schlauer."

Tief schmerzten die ersten Heckaufkleber am Kadett: "...tschüüß Golf." Derlei Gemeinheiten prangten ein Jahr nach der Golf-Premiere auf dem aufgemotzten Kadett GT/E mit serienmäßig schwarz-gelber Kriegsbemalung. 105 PS und Spitzentempo 184 stellten die alte Autobahn-Hackordnung der Käfer-Ära wieder her.

1976 kommt der erste Gti

Aber nicht für lang. Im Herbst 1976 legte Volkswagen den Golf GTi nach. Wolfsburg beherrschte mit dem scharfen 110-PS-Renner plötzlich nicht nur die Schnellpisten, sondern auch das Macho-Geblubber in trendigen Kneipen. Wolfsburgs Käfer-Ersatz stürmte mit Lifestyle-Unterstützung die Bestsellerlisten. Während der Opel Kadett C rund 1,7 Millionen Käufer fand, waren es beim Golf I fünf Millionen mehr, fette 6,7 Millionen. Den abgehängten Opel-Fans blieb nur verzweifelter Spott. Etwa ihre Deutung des Kürzels GTI als Abkürzung für "ganz tiefgelegter Idiot".

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1991: Astra statt Kadett

Im Sommer 1991 geht das Rennen um die Höchstquote unter den Volks-Wagen in die zweite Etappe. Der Golf erscheint in seiner dritten Auflage, Opel ersetzt den Kadett durch den Astra. Wichtigste Änderung: Frontantrieb und große Heckklappe - eine Golf-Kopie mit Blitz im Logo. Aber rund 1000 Mark preiswerter. Dennoch misslingt das Unternehmen gründlich. Statt in der Käufergunst zu punkten, schlittert Opel mit dem erhofften Golf-Schläger in eine böse Qualitätskrise. Nicht weil die Rüsselsheimer Ingenieure blöder als ihre Wolfsburger Kollegen sind, sondern weil der Mutterkonzern General Motors bei der Produktion die "Geiz ist geil"-Parole vorwegnimmt, aber dabei völlig überdreht.

Als Folge der Sparwut blüht im Astra der Rost schneller als Schimmel auf dem Käse, Armaturenbrett und Verkleidungen klappern ungestüm vor sich hin. Enttäuschte Astra-Fans wechseln scharenweise die Marke. Die Bilanz zum Jahreswechsel 2003/2004 fällt nach 30 Jahren eindeutig aus: Kadett und Astra bringen es auf rund neun Millionen Kunden, der Golf hingegen schafft mit 22 Millionen mehr als doppelt so viel. Weltweit meistverkauftes Auto aller Zeiten.

Doch Opel steckt nicht auf. Jetzt steht, ein paar Monate nach dem neuen Golf V, der neue Astra am Start. Erstmals im Kampf der Giganten setzen beide auf deutliche Unterschiede. Volkswagen vertraut äußerlich voll dem bewährten Wiedererkennungswert und gediegener Wohnzimmerkultur.

High-Tech statt Traditionen

Unterm Blech werden dagegen geliebte Traditionen durch High-Tech ersetzt. Beispielsweise durch Motoren mit Benzin-Direkteinspritzung. Das Fahrwerk rollt erstmals in der Modellgeschichte mit Einzelradaufhängung (Mehrlenkerachse) vom Band.

Die Rüsselsheimer hingegen wagen außen einen radikalen Designwechsel nebst einem kühl-sachlichen Innenraum, halten andererseits aber an der starren Hinterachse (Verbundlenkerachse) fest. Zum Ausgleich wird das komplette Fahrwerk aber mit aufwendiger Elektronik auf betonte Sportlichkeit getrimmt.

Wie groß die Unterschiede bei den Neuauflagen der Klassiker tatsächlich sind, zeigt der stern-Vergleichstest.

GLANZ & GLORIA:

Golf klar vor Astra. Wolfsburgs Klassiker gilt weiter als Universalauto für Leute, die keine kitzeligen Design-Experimente oder Dellen im Sozialprestige riskieren wollen. Wer mit dem Golf kommt, wird weder im urigen Kegelverein noch im angesagten 18-Loch-Klub als blöd angemacht. Opel leidet dagegen immer noch etwas am alten "Popel"-Image. Doch aus dieser Ecke sind die Rüsselsheimer längst raus. Mit ihren pfiffigen Vans setzten sie schon einmal branchenweit Maßstäbe und punkteten gegen Favoriten.

GLEITEN & GENIESSEN:

Golf knapp vor Astra. Das Raumangebot für Passagiere und Gepäck liegt bei beiden eng beieinander. Nur im Zuladungsgewicht schafft der Golf gut 100 Kilogramm mehr. Gleich tadellos sind wiederum Sitzposition, Sitzqualität, Bedienbarkeit und Übersicht. Beim Innenraum-Ambiente ist aber Schluss mit den Ähnlichkeiten. Der Golf wirkt spürbar wärmer und wohliger, die Anmutung der verbauten Materialien und Bedienelemente steht auf dem höchsten Reifegrad seiner Klasse. Dagegen wirkt der Konkurrent in puncto Wohnfaktor etwas mickrig. Vor allem wegen der klapprigen Plastikverkleidung der Mittelkonsole. Zum Trost liegt der Anzeigemonitor besser auf Augenhöhe als im Golf.

Technische Daten

VW Golf 1.6 FSI ComfortlineOpel Astra 1.6 Twinport Elegance
Hubraum (ccm)1.5891.589
Leistung115 PS / 85 kW105 PS / 77 kW
Max. Drehmoment155 Nm150 Nm
0-100 km/h10,8 Sekunden12,3 Sekunden
Höchstegeschw.192 km/h185 km/h
Leergewicht1.1841.265
Max. Zuladung586 Kilo475 Kilo
Ladevolumen350-1305 Liter350-1.270 Liter
Länge/Breite/Höhe4.200/1.760/1.490 Millimeter4.200/1.800/1.460 Millimeter
EU-Normverbr.6,4 Liter (Superplus)6,6 Liter (Super)
Gewährleistung2 Jahre (Technik), 3 Jahre (Lack), 12 Jahre (Durchrostung) 2 Jahre (Technik), 3 Jahre (Lack), 12 Jahre (Durchrostung)
SerienausstattungSechsganggetriebe, ESP, 6 Airbags, aktive Kopfstützen, Servolenkung, Klimaanlage, elektrische Fensterheber, Zentralverriegelung mit Fernbedienung, teilbare RücksitzlehneFünfganggetriebe, ESP, 6 Airbags, aktive Kopfstützen, Servolenkung, elektrische Fensterheber, Zentralverriegelung mit Fernbedienung, teilbare Rücksitzlehne, Leichtmetallräder
SonderausstattungLederausstattung 2.155 Euro, Bi-Xenon 1.020 Euro, Bordcomputer 155 Euro, Leichtmetallräder ab 410 EuroLederausstattung 1.420 Euro, Kurvenfahrlicht mit Xenon 1.150 Euro, Klimaanlage ab 1100 Euro, Bordcomputer 256 Euro, elektrische Fahrwerksregelung 690 Euro, Viergangautomatik 1.360 Euro
Basispreis20.620 Euro

Der punktet dank neuer Einzelradaufhängung im Heck wiederum mit butterweichem Sänften-Fahrwerk, das selbst auf Buckelpisten kaum den Getränkebecher aus der Halterung haut. Dagegen rollt der Astra merklich straffer, ohne dabei mit lauten Poltergeräuschen aus den Radkästen zu nerven oder die Knochen durchzurütteln. Reine Geschmackssache. Eindeutiger Pluspunkt für die Reisekondition ist hingegen die serienmäßige Klimaanlage im Golf. Zusätzlich liefert VW erstmals in der Kompaktklasse eine Zweizonen-Klimaautomatik (Aufpreis 300 Euro) für seitengetrennte Temperatureinstellung.

GAS & SPASS:

Astra klar vor Golf. Zweifellos hat der Golf ein narrensicheres Fahrwerk, wenngleich es im Kurven- und Schwingungsverhalten weich wie ein Wasserbett reagiert. Die Straffheit des Astra fängt erst dort an, wo der Softie Golf aufhört. Knaller im Opel ist IDS Plus (Interactive Driving System = interaktives dynamisches Fahrsystem) zum Aufpreis von 690 Euro. Dahinter steckt eine elektronische Dämpferregelung, die zum ständigen Datenaustausch mit allen anderen elektronischen Helferlein wie etwa ABS, ESP, Traktions- und Untersteuerungskontrolle verknüpft ist. Ergebnis: Der Astra bleibt auch in hektischen Kurvenkombinationen nahezu unbeirrt in der Spur, ohne dass die Passagiere hinterher mit lädierter Bandscheibe zum Orthopäden müssten. Unter den kompakten Fronttrieblern ist derzeit kaum Besseres zu finden. Allerdings wäre der Fahrspaß durch ein exakteres Schaltgetriebe, wie etwa das im Golf, noch zu erhöhen.

Dafür könnte der wiederum einen lebhafteren Motor gebrauchen, obwohl er dem Astra-Triebwerk nach der Papierform deutlich überlegen ist. Der 1,6-Liter-Benziner bringt mehr Power als die hubraumgleiche Konkurrenz-Maschine und hängt den Opel im Sprint und im Höchsttempo ab. Der muss nämlich mehr Pfunde mitschleppen und serienmäßig mit fünf statt mit sechs Gängen auskommen. Trotzdem wirkt der Wolfsburger, insbesondere bei Zwischenspurts, schwerfälliger als der Astra, der beim Gasgeben knackiger reagiert. Beide Konkurrenten bieten serienmäßig eine geschwindigkeitsabhängige Servolenkung für lockere Kurbelei in engen Lücken und ein strammes Geradeaus-Gefühl bei flotter Gangart. In der Kombinationswertung zwischen Präzision und Komfort der Lenkung ist der Astra allerdings kaum zu schlagen. Sie arbeitet sauber und präzise und liefert stets klare Zustandsberichte über die Führungsarbeit der Vorderräder. Die Servounterstützung arbeitet zudem nicht so gefühllos wie die im Wolfsburger.

DRUM & DRAN:

Astra vor Golf. Die mittlere Ausstattungslinie des Astra kostet samt Leichtmetallrädern knapp 3000 Euro weniger als die des viertürigen Golf. Der bietet bei nahezu identischer Grundausstattung dafür allerdings Klimaanlage und Sechsgang-Getriebe inklusive. Macht aber immer noch einen Vorteil von rund 1600 Euro zugunsten des Astra. Beim serienmäßigen Insassenschutz stehen beide Konkurrenten auf gleich hohem Niveau. Für Kommunikation und Unterhaltung bietet der Astra mehr Sonderausstattung. Vom simplen Cassettenradio (450 Euro) bis zum CD-Wechsler mit Telefon und Navigation samt MP3-Abspielgerät und Vorlesefunktion für einlaufende SMS-Nachrichten (1670 Euro) gibt es sieben verschiedene Möglichkeiten. Drei mehr als beim Golf. Mit Reifendruck-Kontrollsystem (200 Euro) und mitlenkendem Bi-Xenon-Kurvenlicht (1150 Euro) hat der Astra ebenfalls die Nase vorn.

Fazit:

Teuer, edel, komfortabel und ausgereift ist der Namensgeber der Kompaktklasse weiterhin der Allrounder für Leute, die nicht auffallen wollen, in jeder Hinsicht auf Nummer sicher setzen und ihren Spaß statt am Lenkrad eher beim Bergwandern oder auf Kunstausstellungen suchen. Unangefochtene Messlatte ist der Wolfsburger aber nicht mehr. Diesen Rang macht ihm der neue Astra mit seinen innovativen Techniken streitig. Zumindest unter kurvengeilen Pistenfegern und Multimedia-Freaks, die keine verwechslungsgefährdeten Karosserieformen wollen und auf vornehmes Innenraum-Ambiente pfeifen.

Peter Weyer

Wissenscommunity