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Cebit 2009: Das Mekka für die Generation Twitter

Trotz Wirtschaftskrise und Ausstellerrückgang will die Cebit auch 2009 ein Zuschauermagnet bleiben. Schützenhilfe bekommen die Veranstalter zu Beginn von Gaststar Arnold Schwarzenegger. Für Besucher sorgen sollen vor allem spannende Produkte für die Generation Twitter.

Von Gerd Blank

Die niedersächsische Landeshauptstadt wirkt an rund 360 Tagen im Jahr wie eine verschlafene Kleinstadt, obwohl sie immerhin 520.000 Einwohner hat. Doch jedes Jahr Anfang März (diesmal 3. bis 8.), findet in den Messehallen ein Event statt, das sogar Technikhassern ein Begriff ist. Die Cebit, Vorzeigemesse von Weltrang, ist bislang die erfolgreichste Messe Hannovers. Doch wie lange noch? Inzwischen gelten in Hannover die Teppichmesse Domotex und die Holzmesse Ligna ebenfalls als Besuchermagneten.

Der Run auf Veranstaltungen dieser Art zeigt, dass sich eine Fachmesse auch in Zeiten des Internets ihre Berechtigung hat. Doch gerade die Technologieveranstaltung Nummer eins schwächelt. Im Vergleich zum Vorjahr haben sich im Schatten der Weltwirtschaftskrise rund 25 Prozent weniger Aussteller angemeldet. Vor allem die kleinen Krauter aus Asien bleiben diesmal daheim. Die Messe Hannover versucht gute Miene zum bösen Spiel zu machen: "Krise? Chance! Cebit 2009. 4300 Aussteller" steht an den Hallen groß plakatiert. Und doch ist der Einbruch überall spürbar, nicht nur bei der Messeleitung. Ein Taxifahrer bemerkt deutlich, dass es während der Messe weniger Fahrgäste gibt. Er sagt, die Cebit sei in den vergangenen fünf Jahren so geschrumpft, dass sie kaum noch Ähnlichkeit mit früher habe: "Das ist, als wenn man USA und Griechenland vergleicht". Auch wenn das Bild schief ist, spiegelt diese Anekdote die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit wider: Die Cebit scheint in den Augen vieler an Relevanz verloren zu haben.

Messe im Wettbewerb

Hat sich das Konzept einer großen IT-Messe vielleicht inzwischen überlebt? Alleine in Deutschland gibt es inzwischen zwei weitere vergleichbare Messen mit IT-Schwerpunkt. Die Ifa in Berlin, eine inzwischen jährliche Veranstaltung, setzt auf Home Entertainment und Haushaltsgeräte. Doch trotz der Eingrenzung stellen Unternehmen dort auch Computer aus. Und auf der Gamescom in Köln werden neben Videospiel-Produzenten auch Hardwarehersteller eine Leistungsschau betreiben. Nur: Drei Messen innerhalb eines halben Jahres kann sich in diesen Zeiten kaum noch ein Unternehmen leisten. Klaus Obermaier, Leiter Marketing und Kommunikation beim weltgrößten Chiphersteller Intel, sagt: "Wir würden gerne auch auf Ifa und Gamescom vertreten sein, doch die Budgetgespräche sind noch nicht beendet."

Auch wenn die Ausstellungsfläche inzwischen fast für ein Appel und ein Ei zu bekommen ist, sprengen die Kosten für die Mitarbeiter-Unterkünfte und den Standbau oft den Rahmen. Dann schon lieber eine eigene Veranstaltung ausrichten und dafür die ungeteilte Aufmerksamkeit der Fachbesucher und Medien erhalten? Apple bleibt der Cebit schon seit Jahren fern, auch Nokia setzt inzwischen auf eigene Events und internationale Hausmessen. Doch noch sind das Einzelfälle, große Unternehmen können es sich trotz der hohen Gesamtkosten nicht leisten, eine der wichtigsten IT-Messen der Welt zu meiden. Denn tatsächlich, immerhin 4300 Aussteller versammeln sich in Hannover. Zwar haben viele eher drei statt wie früher sechs Highlight-Produkte dabei, doch die haben es dafür oft in sich.

Schwarzenegger bringt Optimismus

Das Partnerland der Cebit ist in diesem Jahr Kalifornien, der bevölkerungsreichste US-Bundesstaat. Aber auch wie die Cebit hat Kalifornien mit großen Problemen zu kämpfen. Die Arbeitslosigkeit im Schwarzenegger-Land steigt in ähnlichem Maße, wie die Ausstellerzahl auf der Cebit sinkt. Zudem wird Kalifornien regelmäßig von Hitzewellen heimgesucht, gerade erst musste Gouverneur Arnold Schwarzenegger wieder einmal den Notstand ausrufen. Also Sorgen überall. Doch was wäre ein echter Hollywood-Star, wenn er nicht Optimismus im Reisegepäck hätte. In Hannover trifft Schwarzenegger auf Angela Merkel. Auch die Bundeskanzlerin kann in diesen Zeiten einen Hauch des Glamours gut gebrauchen, den der gebürtige Österreicher noch immer ausstrahlt.

Die Cebit versucht sich mit den selbstgesetzten Trendthemen "Webciety" und "Green IT" einen modernen Anstrich zu verleihen. Doch während Webciety, ein Kunstwort aus Web und Society, tatsächlich den aktuellen Trend der sozialen Netzwerke und der Digitalisierung der Gesellschaft widerspiegelt, ist Green IT ein recycletes Thema aus dem vergangenen Jahr. Allerdings werden erstmals ökologisch wertvolle Technik-Lösungen für den Normalverbraucher vorgestellt. Wo im vergangenen Jahr noch "grüne" Server für Großunternehmen standen, zeigen heute PCs, dass sie im Ruhezustand keinen Strom mehr verbrauchen. Ökologie wird nun für Anwender nachvollziehbar, denn wer weniger Strom verbraucht, spart auch Geld. Bislang waren energieeffiziente Geräte meist zu teuer für den Massenmarkt. Nach einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom spielt zwar für 84 Prozent der befragten Nutzer der Energieverbrauch bei der Auswahl der Geräte eine Rolle, doch wären nur 19 Prozent bereit, dafür einen Aufschlag zu bezahlen. Mit der neuen Gerätegeneration soll sich das jetzt ändern. Sei es der Null-Watt-PC von Fujitsu-Siemens. Oder die neue Fritzbox 7390, die zig Netzwerk- und Telefonkomponenten vereint und nur zehn Prozent des Energiebedarfs der Einzelgeräte haben soll.

Also sparen überall. Auf dem Schreibtisch und auf dem Cebit-Gelände. Durch die Absage vieler Aussteller ist viel Platz auf der Messe, und die Verantwortlichen tun ihr Bestes, die kahlen Stellen mit Pflanzen und Ruhezonen zu kaschieren. Nun rächt sich, dass die Cebit eben keine Messe für Tütengrabscher und Aufklebersammler werden sollte und dass Entertainment vielleicht in Berlin auf der Ifa stattfinden darf, aber bitteschön nicht in Hannover. Dabei haben die Unternehmen überhaupt nichts gegen private Besucher, die sich einfach nur über Neuheiten informieren wollen. Im Gegenteil, Unternehmen wie Microsoft decken mit ihren Produkten alle technischen Lebensbereiche ab. Von Software für Unternehmen bis zur Spielkonsole fürs Wohnzimmer hat Microsoft das ganze technische Spektrum im Angebot und will das auch einem breiten Publikum zeigen.

Cebit auf allen Kanälen

Und genau das ist es, was Technikbegeisterte in der ganzen Republik von der Cebit eigentlich erwarten. Ob TV-Zeitschrift oder Frauenmagazin, die Cebit scheint für viele Publikationen die einzige Möglichkeit, wenigstens einmal über Hightech berichten zu können. Da werden dann große Fotos von tollen Produkten gezeigt, die unser Leben zum Besseren verändern sollen. Fernsehsender berichten zur besten Sendezeit Live und bringen IT-Unterhaltung auf den Schirm. Intel-Manager Obermaier will diese Plattform nutzen: "Wir wollen auf der Cebit ein breites Publikum ansprechen. Es ist immer noch die Leitmesse der Branche." Das sieht auch Microsofts Deutschland-Chef Achim Berg so: "Die Cebit bleibt die wichtigste Veranstaltung, auch um Impulse zu setzen."

Fahren Sie zur Cebit?

Komplizierte Technologien erklären und dem Verbraucher näher bringen - eigentlich eine hehre Aufgabe. Doch seit Jahren versuchen die Cebit-Veranstalter alles, um die Messe für Verbraucher unattraktiv zu machen. Entweder werden die für Konsumenten interessanten Stände so weit voneinander entfernt platziert, dass man Siebenmeilenstiefel bräuchte, um alles an einem Tag zu sehen. Oder Aussteller werden dazu verdonnert, Produkte möglichst besucherfeindlich zu präsentieren. Zudem kostet eine Tageskarte an der Kasse 38 Euro - wahrlich kein Schnäppchen. Da fragen sich einige, ob sie mit einer Fahrkarte zum nächsten Elektromarkt nicht besser bedient sind. Das Dilemma ist nur, dass die Ausrichter der Cebit auf genau diese Besucher angewiesen sind, wenn sie positive Besucherzahlen vermelden wollen. Und natürlich sind diese Besucher auch auf dieser Messe besser aufgehoben als in den riesigen Märkten mit teilweise schlecht informierten Mitarbeitern. Auf der Cebit kann man mit Glück sogar einen Produktentwickler um Informationen bitten. Und die Unternehmen geben den möglichen Kunden, was sie begehren. "Wir wollen jedem etwas bieten, der sich für unsere Produkte interessiert. Deswegen haben wir eine Halle nur zum Thema Gaming, was vor allem für die Endverbraucher interessant ist", sagt Klaus Obermaier von Intel. Businesskunden werden in einem Pavillon an einer anderen Stelle des Messegeländes bedient.

Sammler und Jäger

Die Cebit macht also einen Spagat zwischen Anspruch und Wahrnehmung, zwischen Wunsch und Realität. Auf der einen Seite soll das Fachpublikum hofiert und im Businessbereich umsorgt werden, damit trotz Wirtschaftskrise kräftig geordert wird. Andererseits muss auch dem gewöhnlichen Volk genügend Spaß garantiert werden. Natürlich werden auch in diesem Jahr wieder überfüllte Züge zum Messebahnhof fahren und Massen an Sammlern und Jägern ausspucken. Denn zu Recht erwarten sie, in Hannover über Trends und Innovationen, über Neuheiten und Technik-Gadgets informiert zu werden. Thomas Köhler vom Telekommunikationslagen-Bauer Agfeo sagt: "Endkunden wollen sich informieren, die Produkte ausprobieren und beraten werden. Deswegen sind sie für uns am Stand wichtig".

Und der Weg lohnt sich, denn viele Produkte, die noch vor Jahresfrist lediglich als Machbarkeitsstudien ausgestellt wurden, haben inzwischen die Serienreife erlangt. So gibt es Minibeamer und Kleinstcomputer in allen Farben, Handys und Autoradios mit Internetanschluss sowie Navigationsgeräte mit Sprachsteuerung und Kameras mit Youtube-Anbindung. Geräte also, die in Deutschland Käufer locken sollen, vor allem die Generation Twitter, also die 14-bis 25-Jährigen, künftige Kunden, die schon jetzt einen viel leichteren Zugang zu neuen Technologien haben und spielerischer damit umgehen. Obermaier sagt: "Das Thema Computer muss sexy gehalten werden, sei es auch durch Netbooks oder Mobile Devices." Im Wissen, dass die Erwartungen der jungen Konsumenten hoch sind, ergänzt der Intel-Manager: "In Deutschland sind die Verbraucher so interessiert und informiert wie nirgendwo anders auf der Welt."

Doch obwohl über viele Produkte bereits im Internet berichtet wird, lange bevor sie in den Handel kommen, kann das Web nicht ersetzen, ein Produkt real in Augenschein zu nehmen. Einmal die neuartige Tastatur ausprobieren, durch den Sucher der Kamera schauen oder das Handy in die Hand nehmen: Die Cebit bleibt der wichtigste Schauplatz der digitalen Eitelkeiten, eine Leistungsschau der Superlative. Es gibt in Deutschland derzeit keine Alternative zur wichtigsten IT-Messe der Welt. Wenn die Messe-Hannover die Scheu vorm Normal-Publikum endlich komplett verliert, Trends noch weiter zuspitzt, werden auch wieder mehr Aussteller den Weg nach Hannover finden und dann mit Arnold Schwarzenegger sagen: "I'll be back!"

Mitarbeit: Ralf Sander