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Neuer Online-Trend: Die vierte Dimension des Sehens

"Virtual Reality" ist tot, es lebe "Augmented Reality". Mit der Technik lässt sich auf modernen Smartphones durch die reale Welt browsen - der Weg in eine neue Form des Internets.

Von Felix Disselhoff

Sie bahnen sich ihren Weg durch das Stadion, und das integrierte Display in ihrer Brille lotst Sie zielsicher zu Ihrem reservierten Platz. Gleichzeitig werden in Ihrem Sichtfeld die Positionen Ihrer Freunde markiert, mit Telefonnummern und aktuellen Statusmeldungen. Beim Blick aufs Spielfeld erfasst das eingebaute Display Ihren Lieblingsspieler mitsamt Statistiken und den neuesten Meldungen zu seinem Privatleben. Das hört sich nach Science-Fiction an. Doch die Entwicklung im Mobil-Markt geht in Richtung "Augmented Reality", zu Deutsch "Erweiterte Realität". Moderne Smartphones bringen alle notwendigen Sensoren mit, um die exakte Position und sogar die Blickrichtung des Users zu bestimmen. Mobile Browser verknüpfen die Live-Bilder dann mit Wikipedia, Flickr, Twitter und sogar Wohnungssuchmaschinen. Die kleinen Helfer beginnen, unsere Sichtweise auf die Welt komplett zu verändern.

In Schichten durch die Welten browsen

Von der eben beschriebenen Stadion-Szene sind wir noch weit entfernt. Doch die Technologie dafür steht schon längst in den Startlöchern: "Augmented Reality" (AR) funktioniert als computergestützte Erweiterung der menschlichen Wahrnehmung. Sie blicken beispielsweise durch die Videokamera Ihres Handys auf ein Museum. Ein integrierter GPS-Chip und ein Kompass bestimmen für die AR-Software Standort und Blickrichtung. Das Programm fügt dann dem Live-Bild automatisch einen Pfeil mit Namen und Telefonnummer des Museums hinzu. Über einen eingeblendeten Link könnten Sie dann direkt zur Museums-Homepage surfen und online Eintrittskarten kaufen. Mit der in Hollywod-Filmen so oft gepriesenen "Virtual Reality" hat das nichts mehr zu tun. "Augmented Reality" ist vielmehr das Gegenteil. "Virtual Reality" schaffte es seit Beginn der 90er nicht in die Wohnzimmer der Menschen. Die Technik war zu klobig, der User musste mit Kamera, Bildschirmbrille und einem Koffer voller Technik völlig abgeschottet in eine virtuelle Umgebung eintauchen.

"Augmented Reality" hingegen nutzt die reale Welt und kompakte Technik als Basis. Die bisher viel versprechendste Software heißt "Layar". Sie ist bisher nur für Smartphones mit dem Android-Betriebssystem verfügbar. Auch das aktuelle Iphone 3GS verfügt über die notwendige Technik. Apple-Jünger sollen allerdings erst aber Version 3.1 die AR-Funktionen nutzen können. "Layar" ist schnell erklärt: Hält der User die Handykamera auf einen bestimmten Punkt, werden zusätzliche Infos über Objekte, die im Bild zu sehen sind, angezeigt. Auf Wunsch kann zwischen einzelnen "Folien" gewechselt werden. Je nachdem, was Sie in der zweiten Realität sehen wollen: Twitter-Kollegen, Facebook-Freunde oder freistehende Wohnungen. Der User "browst" sprichwörtlich durch die Welt.

Der Küchentisch wird zur Kampfarena

Dabei ist "Augmented Reality" kein ganz neuer Trend. In der Autoindustrie werden mit entsprechenden Programmen und speziell angepassten Datenbrillen schon seit Jahren Automodelle konzipiert und entwickelt. Die immer leistungsfähigeren Smartphones machen die Technologie nun für die Straße nutzbar.

Doch AR taugt nicht nur als virtueller Freundes-Kompass. Die Unterhaltungsindustrie mischt schon jetzt kräftig im Markt der "Erweiterten Realität" mit. Sony stellte auf der Gamescom 2009 Spiele für PSP und Playstation 3 vor, bei denen die Grenze zwischen virtuell und real fällt. Bisher musste der Spieler mit Controllern gewappnet in eine Welt eintauchen. Jetzt kann praktisch alles zur Spieloberfläche werden: der Bürgersteig, das gute Geschirr oder Omas Küchentisch. Sonys "Invizimals" zeigt auf der PSP die mit der Kamera aufgenommenen Bilder der Echtwelt und fügt perspektivisch korrekt Spielemonster ein. Damit das funktioniert, verwendet das Programm eine kleine Plastikkarte, deren Linien der Software beim Umrechnen der Daten helfen - das Spiel tut so, als sei die Karte ein Fanggerät.

Für eine junge Zielgruppe gedacht ist Eyepet, das für die Playstation 3 erscheint und ebenfalls mit einer Kamera arbeitet. Auch Eyepet arbeitet mit einer Plastikkarte zur Kalibrierung. Doch an Stelle eines Monsters hüpft ein Haustier aus dem Wohnzimmerboden. Der Spieler kann direkt mit ihm interagieren und sich dabei beobachten, wie das Tierchen auf seine Handbewegung reagiert. Der Mensch taucht nicht mehr in das Spiel ein, sondern das Spiel in die Welt des Menschen. Beide Spiele sollen noch Ende dieses Jahres in die Läden kommen.

Sehen wie ein Terminator

Dass "Augmented Reality" so schnell von der Industrie aufgenommen wurde, verwundert nicht. Denn die Technik hat gute Argumente, um der digitale Trend der Zukunft zu werden. Die Hardware ist vergleichsweise billig, und es braucht lediglich eine Kamera, für unterwegs ein Smartphone mit Kamera und GPS-Chip. Sämtliche Datenbanken mit relevanten Informationen bestehen bereits und müssen nur noch mit Koordinaten verknüpft werden. Wie so oft im Web 2.0 werden die User einen Großteil dieser Arbeit übernehmen. Die Community wird entscheiden, ob die Technik boomt oder nicht, obwohl jeder auf sich selbst bedacht ist. Denn wenn der eigene Lieblingsclub nicht auf der virtuellen Karte erscheint, fügt man in eben kurzerhand selbst hinzu. Ansonsten können problemlos Daten von Portalen wie Qype, Flickr, Wikipedia und die Wohnorte von Facebook-Freunden mit Koordinaten verknüpft werden.

So viel zum Stand der Technik. Doch wo geht die Entwicklung hin? Auch hier scheint die Wissenschaft Hollywoods Zukunftsvisionen einzuholen. Babak Amir Parviz, Professor für Bionanotechnologie an der Universität Washington, berichtet im Wissenschaftsmagazin "IEEE Spectrum" über erste Versuche mit Darstellungen der erweiterten Realität in Kontaktlinsen. Seine Abteilung hat mit der Entwicklung solcher Linsen begonnen und bereits in Tierversuchen die Verträglichkeit getestet. Die Wissenschaftler arbeiten an einem dauerhaften Mensch-Maschine-Interface mit eingebautem halbtransparentem Schaltkreis und Miniantenne. Eine Linse mit einer einzelnen LED haben die Forscher bereits gebaut. In Zukunft sollen hunderte von winzigen Leuchtdioden direkt vor dem Auge Worte und Bilder formen. Das erinnert stark an Szenen aus den "Terminator"-Filmen . Doch vorerst soll die Technik nicht genutzt werden, um Gegner anzuvisieren und auszuschalten. In der ersten Stufe wollen Wissenschaftler schwerhörige und taube Menschen per Lichtsignal auf Gefahrensituationen aufmerksam machen.

Das letzte Bindeglied in die Realität

Erweiterte Realität könnte in praktisch allen Bereichen des Alltags zum Einsatz kommen. Soldaten oder Katastrophenhelfer könnten sich Ziele und Gefahrenzonen im Gelände anzeigen lassen und Ingenieure mit tatsächlich und virtuell anwesenden Kollegen am selben dreidimensionalen Modell arbeiten. Der Technologie sind kaum Grenzen gesetzt: Elektronische Geräte, die nur virtuell existieren, aber auf echte Berührungen reagieren, künstliche Sinneserweiterungen wie den "Röntgenblick" und hochkomplexe Computerspiele in freiem Gelände.

Doch "Augmented Reality" dürfte vor allem Auswirkung auf das soziale Miteinander haben. Sie ist das fehlende Bindeglied zwischen dem Internet, wie wir es kannten, und der realen Welt. "Web Squared" (also "Web hoch zwei") nennt das der Web-2.0-Vordenker Tim O' Reilly. Gemeint ist damit ein zukünftiges Internet, das nicht nur Menschen, sondern auch Dinge aller Art miteinander verbindet und die heute noch vorhandenen Grenzen zwischen der realen Welt und den digitalen Informationen im Web verwischen soll. Das "Web hoch zwei" versteht sich eher als Gesamtorganismus und weniger als Ansammlung einzelner Komponenten. Zudem werden nicht mehr nur Menschen an ihren Tastaturen das Netz mit Inhalten füllen: Sensoren aller Art liefern zunehmend Daten, die wiederum verarbeitet werden können. Genau hier knüpft "Augmented Reality" an. Millionen von Smartphones und eine Community würde nach und nach mehr und mehr Bilder mit Videos mit Koordinaten und Texten und Menschen verbinden und die „Erweitere Realität“ mit Leben füllen.

Besitzansprüche in der virtuellen Welt

Inzwischen scheinen solche Visionen realistisch, denn die technischen Entwicklungen der letzten Jahre machen deutlich, dass das Netz immer alltäglicher wird und für manche Menschen heute bereits jederzeit und überall verfügbar ist.

Im Web der Zukunft ist das Web einfach allgegenwärtig, bildet eine zweite Wahrnehmungsebene, eine virtuelle Schicht, die über allem liegt. Alles ist vernetzt, alles ist verlinkt, alles ist Information. Für Skeptiker ein Horrorszenario. Der Science-Fiction-Autor Bruce Sterling sieht genau hier die Gefahren der "Augmented Reality". Ihn begeistert diese neue Realität, aber er warnt in seinem Blog vor Missbrauch. So könnte jemand beispielsweise eine Moschee virtuell mit antisemitischen Parolen schänden. So ließen sie sich aber noch schwerer entfernen. Eben weil nur der sieht, der auch die richtige Software hat. Schon der deutsche Dramatiker Bertolt Brecht sagte: "Ändere die Welt – sie braucht es." Dass damit auch die Virtuelle gemeint ist, konnte er wohl kaum erahnen.