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Faktencheck

Oxford-Untersuchung: 60 Prozent der Bevölkerung müssen die Corona-Warn-App nutzen, damit sie wirkt – stimmt das?

Wann wirkt die Corona-Warn-App? Tatsächlich erst, wenn 60 Prozent der Bevölkerung sie nutzen, wie eine Studie der University of Oxford angeblich nahelegt? Nein, sagen zahlreiche Experten.

Icon der Corona-Warn-App des Robert-Koch-Instituts

Die Corona-Warn-App des Robert-Koch-Instituts wurde am Dienstag veröffentlicht

Getty Images

Die Corona-Warn-App ist da – und mit ihr eine ganze Reihe von Gerüchten, Unsicherheiten und Fragen. Unter anderem macht die These die Runde, dass die App nur wirksam sei, wenn sie von mindestens 60 Prozent der Bevölkerung genutzt wird. 

Da sich laut Statistischem Bundesamt nur in rund 82 Prozent der Haushalte mindestens ein Smartphone befindet und die App überhaupt nicht auf jedem dieser Geräte läuft, müsste das Programm demnach sogar auf deutlich mehr als 60 Prozent der Smartphones geladen werden, damit es einen Nutzen bringt. Eine solch hohe Durchdringung erreichen nur äußerst wenige Apps, beispielsweise der Messenger "WhatsApp", und der brauchte Jahre dafür.

Corona-Warn-App ohne "Mindest-Erfolgsgrenze"

Doch – um es vorweg zu nehmen – so ganz richtig ist die 60-Prozent-These nicht: Bezugspunkt für die Zahl ist eine Untersuchung der University of Oxford in England, die die Forscherinnen und Forscher Mitte April veröffentlicht und zur Diskussion gestellt haben.

Die Oxford-Wissenschaftler haben sich in ihrer Studie mit der britischen Corona-App befasst, die sich von der deutschen unterscheidet – doch auch in Großbritannien soll es um die Kontaktverfolgung gehen. Anhand einer Modellstadt mit einer Million Einwohnern haben sie simuliert, wie nützlich eine solche Tracing-App bei der Bewältigung der Pandemie sein kann. Das Ergebnis: "Unsere Modelle zeigen, dass wir die Epidemie stoppen können, wenn ungefähr 60 Prozent der Bevölkerung die App nutzen, und selbst bei einer geringeren Anzahl von App-Benutzern erwarten wir geringere Zahlen von Coronavirus-Fällen und Toten", so der leitende Studienautor Christoph Fraser. 

Die 60 Prozent beziehen sich also ausdrücklich auf ein Ende der Pandemie, quasi einen Sieg über das Coronavirus. Dies wäre zwar ein wünschenswertes Ziel, allerdings ist es nicht der vorrangige und alleinige Zweck der Corona-Warn-App. Sie soll dazu dienen, Kontakte Infizierter nachvollziehbar zu machen und so die Arbeit der Gesundheitsämter deutlich zu vereinfachen.

Im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" erläutert die deutsche Wissenschaftlerin Lucie Abeler-Dörner, die an der Oxford-Studie beteiligt war: "Als wir die erste Version der Tracing-App simuliert haben, war Großbritannien noch auf 'Kurs Herdenimmunität'. In unserem Modell war die App die einzige Maßnahme, um das Virus zu bekämpfen. In diesem Szenario braucht man tatsächlich einen sehr hohen Anteil an App-Nutzern, um die Epidemie unter Kontrolle zu bringen. Jetzt ist die Situation in Europa eine andere." Durch die teilweisen Einschränkungen des öffentlichen Lebens, die Hygienemaßnahmen und die Einhaltung der Abstandsgebote seien die Fallzahlen schon reduziert worden. Darauf wies auch Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag hin: "Das war eine vollkommen andere Zeit mit einem viel, viel höheren Reproduktionsfaktor."

Die Corona-App startet in Deutschland

Klar ist jedoch in jedem Fall: Je mehr Menschen die Corona-Warn-App installieren und aktivieren, desto wirksamer ist sie. Abele-Wörner berichtet, " dass die App anfängt zu wirken, sobald 15 Prozent der Bevölkerung mitmachen. Dann können Infektionsketten unterbrochen und Ansteckungen verhindert werden". 

"Kein Allheilmittel" für Virus-Bekämpfung

Die Bundesregierung kann selbst mit dieser Zahl wenig anfangen. Es komme nicht darauf an, "irgendwelche Prozentzahlen" in die Welt zu setzen, sondern dass gerade diejenigen, die viel unterwegs und in Kontakt mit anderen seien, die App herunterladen, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im ZDF-"Morgenmagazin". Die Berechnungen aus Oxford gingen auch von der Annahme aus, dass es gar keine anderen Mittel des Kampfes gegen die Pandemie gebe.

Spahn wies auch darauf hin, dass die Corona-Warn-App "kein Allheilmittel" und nur "ein weiterer Baustein bei der Pandemiebekämpfung" sei. Die üblichen Vorsorgemaßnahmen (unter anderem Handhygiene, Mund-Nasen-Bedeckung, Abstand) dürften nicht außer Acht gelassen werden.

Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) fasste die Diskussion um die 60-Prozent-Verbreitung bei der Vorstellung der App so zusammen: "Es gibt aus unserer Sicht keine Mindest-Erfolgsgrenze, sondern jeder, der mitmacht, ist gut. So viele wie möglich – und am besten natürlich alle."

Hier können Sie die Corona-Warn-App des Robert-Koch-Instituts herunterladen:

Weitere Informationen der Bundesregierung zu der App finden Sie hier.

Quellen: Statistisches Bundesamt, University of Oxford (Zusammenhassung), University of Oxford (gesamte Studie), "Süddeutsche Zeitung", ZDF-"Morgenmagazin", Nachrichtenagentur DPA

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